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"Fettnäpfchen stelle ich nicht bewusst auf"

Fettnaepfchen stelle nicht bewusst
Claudia Stöckl(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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1999 und 2012 – zwei Mal war Hubert von Goisern bei Claudia Stöckls "Frühstück bei mir" zu Gast. Nun wollte der Musiker den Spieß umdrehen und der Ö3-Moderatorin Fragen über die Grenzen des Anstands ihrer Arbeit stellen.

Kann man Interviews wie Ihre mit Anstand führen?

Claudia Stöckl: Die Haltung macht den Anstand aus. Ich versuche den Menschen respektvoll und vorurteilsfrei zu begegnen. Ich empfinde meine Sendung nicht als voyeuristisch. Die Interviewten haben ja jede Möglichkeit. Sie können jederzeit sagen: Das will ich nicht beantworten. Wenn jemand darum bittet, dass ich Passagen rausstreichen soll, mache ich das natürlich.

 

Wie bereiten Sie sich auf eine Sendung vor?

Ich lese sehr viel – und ich versuche mit Freunden, Ehepartnern oder dem Umfeld zu sprechen, um den Menschen besser einordnen zu können. Bevor ich Andreas Treichl zu Gast hatte, habe ich etwa mit seiner Frau Desirée Treichl-Stürgkh telefoniert. Das Gegenüber bemerkt, ob man sich vorbereitet hat.

 

Gibt es Fragen, die Sie nicht stellen würden?

Das ist bei jeder Person anders. Es gibt Gäste, die haben vorher Dinge zum Thema gemacht, die ich sonst nicht ansprechen würde, die sexuelle Orientierung etwa. Wenn Thomas Klein, der ehemalige Almdudler-Boss, zu Gast ist, der seine Bisexualität in seiner Biografie zum Thema gemacht hat, bespreche ich das schon mit ihm.

 

Ist es Ihnen unangenehm, wenn ein Gast klarmacht, dass eine Frage zu weit gegangen ist? So wie kürzlich Klaus Maria Brandauer bei der Frage, ob er und seine viel jüngere Frau noch Kinder bekommen wollen.

Nein, darum habe ich das auch bewusst drinnen gelassen. Damit die Hörer merken, dass es nicht nur ein harmonisches Fragen und Antworten ist. Gerade bei ihm hätte es mich fast erstaunt, wäre da nichts zurückgeworfen worden. Ich fand es gut, dass er eine Grenze setzt. Viele Fragen sind Versuche.

 

Ihr Trick ist offenbar, durch besonders weiches Fragen vieles zu entlocken. Die Provokation ist nicht Ihr Stilmittel?

Nein. Um Menschen zu öffnen, darf man sie nicht attackieren. Das heißt nicht, dass ich kritiklos bin. Sie sollen sich sicher fühlen. Als ich Landeshauptmann Erwin Pröll zu Gast hatte, habe ich ihm auch viele kritische Fragen gestellt, etwa dazu, dass er als cholerisch und despotisch gilt. Ich habe in seinen Augen gemerkt, dass er sich das angenehmer vorgestellt hat.

 

Haben Sie je Antworten herausgeschnitten, weil Sie für die betreffende Person kompromittierend gewesen wären?

Ja, Beschimpfungen von anderen.

 

Wie lange sind die Gespräche in der Regel?

Lange. Zwischen zwei und vier Stunden. Natürlich gibt es bei Schauspielstars PR-Tage, an denen man eingeschoben wird – und ein Matthias Schweighöfer hat dann keine vier Stunden Zeit.

 

Sie schneiden das Gespräch, dabei werden manche Aussagen in einen anderen Kontext gestellt, wenn etwa Ihre Fragen „wegretuschiert“ werden. Ist das anständig?

Schon aus programmtechnischer Sicht muss ich manche Fragen kürzer stellen, wenn etwa für einen Gesprächseinstieg nur eine Minute Zeit bleibt. Ich würde Fragen nie neu formulieren.

 

Wie geht es Ihnen damit, wenn – wie schon oft geschehen – Ihre Interviewpartner in Fettnäpfchen treten?

Die stelle ich nicht bewusst auf. Als Markus Rogan auf Hermann Maier zu sprechen kam und über ihn sagte, er habe weniger Hirn zwischen den Ohren, habe ich nachgefragt: Du beleidigst jetzt Hermann Maier? Er blieb dabei. Das ist das Spiel mit den Medien. Die Menschen, die sich in so eine Sendung setzen, spielen mit, weil sie sich einen Vorteil erwarten.

 

Die Sendung ist gewissermaßen ein Betrug am Hörer, denn es wird eine Livesituation suggeriert. In den meisten Fällen finden die Gespräche aber weder am Morgen noch in einer Frühstückssituation statt. Wie viel Inszenierung ist erlaubt?

Sie müssen es ja wissen. Wir haben beide Male richtig gefrühstückt. Das Bühnenbild für die Sendung ist ein Frühstück. Natürlich findet das aus Termingründen nicht immer um neun Uhr in der Früh statt, das hat sich mittlerweile herumgesprochen. Da geht es nicht darum zu betrügen. Für den Hörer hat es sehr viele Vorteile, wenn ich die langatmigen, unverständlichen Passagen kürze und herausschneide. Genauso ist das auch bei Zeitungsinterviews. Die müssen auch gekürzt und in Form gebracht werden.

 

Haben Sie nie etwas Unanständiges im Zuge einer Sendung gemacht?

Bei einem Interview mit Helmut Zilk und Dagmar Koller in Portugal haben beide über diverse Liftings bekannter Menschen gesprochen. Er hat nachher geschwört, er habe gesagt: Das nehmen wir nicht. Aber selbst im Mitschnitt war das nicht zu hören. Beide waren damals sehr böse und haben mir erst nach monatelangem Briefwechsel verziehen.

 

Verstehen Sie die Reaktion von Katja Riemann in der deutschen Talkshow „DAS!“ auf die platte Frageart nach ihrer Frisur in ihrem neuen Film?

Nein. Katja Riemann ist ein Profi – der Moderator hat nach der Frisurfrage, die vielleicht kein guter Einstieg war, gleich nach ihrer Rolle gefragt, also ihr sofort die Möglichkeit gegeben, PR für ihren Film zu machen, und deshalb ist sie ja in die Sendung gekommen. Sie hatte offenbar einen schlechten Tag.

Wie reagieren Sie, wenn ein Gast eine solche Abwehrhaltung einnimmt?

Ich habe das alles schon erlebt. Ben Becker hat mich öfter darauf hingewiesen, dass ich die falschen Fragen stelle. Nena war unglücklich, als ich zu sehr nach ihrer Mutterrolle fragte und wollte abbrechen. Auch die Sängerin Lena Meyer-Landrut hat meistens „kein Kommentar“ auf viele Fragen gesagt. Ich habe gelernt, das Interview so zu spielen, wie es war, und mich möglichst nicht aus der Ruhe bringen zu lassen.

Steckbrief

Claudia Stöckl
1966 in Wien geboren, moderiert seit 1997 die Ö3-Sendung „Frühstück bei mir“. 2011 erschien ein Buch über ihre Frühstücksbegegnungen (Ecowin).

Seit 2006 unterstützt sie mit ihrem Verein „Zuki – Zukunft für Kinder“ Straßenkinder in Kalkutta.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.03.2013)

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