Burgstaller: "Ich ginge nicht mehr in die Spitzenpolitik"

Burgstaller Ginge nicht mehr
Burgstaller(c) APA/BARBARA GINDL (BARBARA GINDL)

Angelika Kirchschlager spricht mit Salzburgs Landeshauptfrau Gabi Burgstaller über Politik als persönliche Zerreißprobe, über das Tagebuchschreiben als Selbsttherapie und den Mut, sich selbst treu zu bleiben.

Angelika Kirchschlager: Wie wird man als Mensch mit der Wucht der aktuellen Salzburger Ereignisse fertig? Als Politiker muss man damit umgehen. Aber was passiert, wenn du nach Hause gehst? Wie sieht dein Leben aus?

Gabi Burgstaller: Ich bin meistens im Büro, bei Besprechungen oder bei Veranstaltungen. Aber so sieht mein Leben seit Jahren aus. Natürlich frage ich mich, was ist mein Anteil? Was hätte ich früher sehen müssen? Das Wichtigste ist, aus Fehlern zu lernen. Für mich ist erschreckend, wenn jemand stur seinen Weg geht und alle anderen Schuldzuweisungen bekommen. Deshalb war es mir ein Bedürfnis, mich bei der Bevölkerung zu entschuldigen. Das ist befreiend. Ich glaube, dass viele nicht wissen, wie wohltuend es ist zu sagen: Es tut mir leid.

 

Warum passiert das so selten? Ist das eine Frage von Mut, von Persönlichkeit?

Es sind viele in der Politik, die glauben, sie müssten als Politiker ihre Persönlichkeit verändern. Ich habe mir immer geschworen, ich selbst zu bleiben. Ich habe die gleichen Freunde wie früher, auch wenn ich sie seltener sehe. Ich bin in meiner Freizeit nicht von Politikern umgeben, ich versuche meine Familie herauszuhalten. Die Attribute der Macht sind mir völlig egal. Wahrscheinlich ist man dann auch berührbarer, als wenn man meint, eine Show abziehen zu müssen, wenn man so tut, als würde man alles verkraften oder als wären alle Dinge immer schwarz-weiß.

Ich wundere mich immer über die Phrasen von Politikern, ihre einstudierten Gesten. Warum bleiben sich so viele nicht treu? Du bist da für mich eine Ausnahme.

Ich meine, da ist ein gewisses Kleben an der Macht, das korrumpiert viele Menschen in diesen Positionen. Ich hatte nie das Ziel, eine bestimmte Funktion einzunehmen. Dann passiert es vielleicht eher, dass man sie bekommt. Dann kann man aber auch leichter wieder loslassen.

 

Wenn ich mir manchmal den Umgangston in Parlamentsdebatten anhöre, bin ich erschüttert. Ist das ein Mangel an sozialer Intelligenz? Wie wirkt sich das auf Entscheidungen aus, wenn Menschen so miteinander reden?

Üblicherweise gehen Menschen mit der Ambition in die Politik, etwas zum Positiven verändern zu wollen. Das Verbindende ist aber kein Thema. Es wird oft erwartet, dass man mit dem politischen Mitbewerber eher negativ umgeht. Durch die politische Unkultur der FPÖ ist der Umgang unter Politikern in Österreich schlechter geworden. Bei uns geht es verbal oft sehr tief zu, das Verbreiten von Gerüchten etwa – das hat nichts mit der Politik zu tun. Was mich am meisten stört, ist der respektlose Umgang miteinander.

 

Ist Politik eine persönliche Zerreißprobe? Ich denke an Barack Obama. Der muss doch wirklich gewusst haben, wie es läuft?

Damit der Entzauberungsprozess nicht so groß ist, bräuchte es ein realistischeres Bild davon, was einzelne Menschen in der Politik bewirken können und welche Rahmenbedingungen die Demokratie setzt. Nicht Obama allein verändert die Welt, er hat einen Senat, mit dem er zu kämpfen hat, einen Kongress. In Salzburg müssen in der Regierung alle Entscheidungen einstimmig fallen. Das ist extrem mühsam und führt zu vielen verwaschenen Kompromissen. Die Spielregeln müssen geändert werden: Ich bin seit Jahren Anhängerin eines Mehrheitssystems, weil dann klar ist, wer die Verantwortung trägt und wer nicht.

 

Hast du das Gefühl, dass du deine Ideen umsetzen kannst?

Es gibt die kleine Macht, mit der man ausgestattet ist. Die kann ich sehr positiv einsetzen. In meiner Position als Landeshauptfrau kann ich mit einer Bank ein Gespräch führen, damit sie einer Familie hilft, die Versteigerung ihres Hauses zu verhindern. Das ist einfacher als damals, als ich noch Konsumentenberaterin war. Man spricht in dieser Position auf Augenhöhe. Mein ursprünglicher Zugang zur Politik war: Ich kann das, was ich im Kleinen gut mache, auch im Großen verwirklichen. Da musste ich harte Rückschläge einstecken. Es ist nicht so, dass immer alle mitgehen, nur weil etwas richtig ist.

 

Wärst du ein anderer Mensch, wenn du nicht Politikerin, sondern Volksliedsängerin geworden wärst? Oder würdest du es noch einmal machen?

Ehrliche Antwort: Nein. If I could turn back time ... Also mit dem, was ich jetzt weiß und in einem gewissen Ausmaß auch erdulden musste, würde ich mit meiner Prägung sicher etwas anderes machen. Es wäre sicher etwas Anspruchsvolles. Aber in die Spitzenpolitik würde ich nicht mehr gehen.

 

Warum?

Weil ich zu wenig Chancen sehe, auch mit viel Energie-Input große Veränderungen durchzuführen. Und auch wegen des Umgangs miteinander. Ich bin nicht bereit, mir so eine dicke Haut wachsen zu lassen. Ich kann aber inzwischen damit umgehen. Vielleicht ist eine Situation wie jetzt in Salzburg ein Anlass, nach der Wahl alles anders zu machen, auch im menschlichen Umgang miteinander. Ich habe oft eine moderierende Rolle übernommen, weil die Konflikte so groß waren. Aber ich weiß auch, dass Führen entscheidend ist und es zuerst eine funktionierende Verwaltung braucht, auf die man sich verlassen kann.

 

Und Vertrauen.

Vertrauen allein reicht nicht, das mussten wir gerade leidvoll erleben. Notwendig ist auch eine ausreichende Kontrolle. Für jede Form der Zusammenarbeit in der Politik sind Respekt und Anstand Voraussetzung. Wenn das nicht vorhanden ist, geht es nicht. Wenn ich wieder regieren sollte, will ich eine Regierung der konstruktiven Kräfte bilden. Ich werde nicht zuerst auf die Partei schauen, sondern alle einladen, die das Land auf Vordermann bringen wollen und auf einen respektvollen Umgang achten.

 

Wir realistisch ist das nach der Wahl?

Die Menschen haben das ewige Streiten satt. Diesen Appell müssten wir als Volksvertreter auch hören. Wenn sich genug konstruktive Kräfte finden, können alle Parteien in der Regierung sein.

Wo soll dieser respektvolle Umgang plötzlich herkommen? Soll man vorher einen Vertrag unterschreiben, in dem steht, „ich werde mich freundlich benehmen“?

Wenn die Abgeordneten sich in den Spiegel schauen, werden sie in sich diese Sehnsucht nach einer anderen Form der Politik sehen. Die Frage ist, schaffen wir den Sprung gemeinsam oder behält das jeder für sich selbst, dass er so nicht weitermachen will?

 

Gibt es unter Politikern die Möglichkeit, über einen neuen Weg zu reden?

Selten. Es gibt den geschützten Bereich nicht mehr, in dem man reflektiert, was die eigene Rolle als Politiker ist.

 

Sind Frauen weniger anfällig für Bestechung und Korruption? Oder liegt es nur daran, dass es weniger Politikerinnen gibt?

Frauen sind für die Attribute der Macht und die Machtrituale nicht so anfällig. Sie finden sich weniger bei den ach so bedeutenden Treffen, bei denen nichts gesagt wird, sondern sind eher dort, wo der soziale Brennstoff ist.

 

Braucht die Politik den weiblichen Instinkt?

Er ist wohltuend, um Lösungen zu finden – in Bereichen, in denen ursprünglich verbitterte Gegnerschaft herrschte.

 

Da hilft er?

Ja, es hilft, sich in den anderen hineinzuversetzen. Ich probiere das oft. Da kommt man zu besseren Ergebnissen.

 

Wir gehen Probleme sehr ähnlich an.

Aber ich kann nicht singen (lacht).

Wie steht es mit der Wahrheit in der Politik?

Der Mut zur Wahrheit gehört in der Politik wieder mehr verwirklicht. Ich will den Menschen keine falschen Hoffnungen machen, sondern mir ist wichtig, das zu sagen, was Sache ist.

 

Wie viele Stunden schläfst du? Wie erholst du dich?

Ich versuche meine fünfeinhalb, manchmal sechs Stunden zustande zu bringen. Ich bin ein Morgenmensch, das ist gut in meinem Geschäft. Ich bin konsequent und kann auch um sechs Uhr aufstehen, wenn ich erst um zwei ins Bett gekommen bin. Ich bin ein Naturmensch, was mit der Politik schwer vereinbar ist. Deshalb mache ich untertags gern Arbeitsspaziergänge auf dem Mönchsberg. Das ist eine Form der Entspannung und der Erquickung. Im Gehen ist der Redefluss auch oft besser. Und ich schreibe Tagebuch.

 

Wirklich?

Ich kann das nur empfehlen, das erspart so manche Therapie. Tagebuch zu führen, trägt dich durch die schwersten Zeiten. Ich muss oft lachen, wenn ich im Nachhinein lese, was mir so großes Kopfzerbrechen bereitet hat. Manches ist im Positiven so bewegend, dass ich es festhalten will. Und manches wirft mich so zu Boden, dass ich es nur aushalte, wenn ich es relativiere. Es ist für mich fast wie eine Therapie, wenn ich mich in den dunkelsten Minuten hinsetze und alles niederschreibe. Ich kann dann auch gut schlafen. Das Tagebuchschreiben bewahrt vor vielen anderen Ritualen. Es ist ja nicht unbekannt, dass in der Politik relativ viele Menschen Alkohol trinken oder die Ruhe mit sich selbst nicht mehr aushalten. Also ich genieße jede Stunde mit mir, auch wenn sie selten ist.

 

Gibt es freie Tage in der Politik?

Wir haben in Salzburg sogar ein politikfreies Wochenende pro Monat. Ich lege Wert darauf. Wir ziehen unsere Energie auch aus Familie und Freunden und nicht nur aus der Politik.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.03.2013)