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Wölfe wollen gut geführt werden

Woelfe wollen gefuehrt werden
Woelfe wollen gefuehrt werden(c) AP (LIONEL CIRONNEAU)
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Besitzen Tiere Anstand? Wild lebende Wölfe sind ehrliche Tiere, die einander im Rudel respektvoll und kooperativ begegnen, weil sie wissen, dass sie nur so überleben können. Wolfsnahe Gesellschaften haben sich einiges davon abgeschaut.

Wenn ich heute, nach knapp zehn Jahren Forschungsarbeit an wilden Wölfen in Kanada, diese Tiere mit einem Satz beschreiben müsste, es wäre dieser: Wölfe sind ehrliche Tiere. Sie bringen zum Ausdruck, was sie im Moment fühlen, denken und als Nächstes zu tun beabsichtigen. Bei Wölfen weiß man, woran man ist. Bei Menschen würde man das vielleicht Anstand nennen.

Mein Jahrzehnt im Ausdauerspitzensport war in vielerlei Hinsicht eine intensive Lebensschule. Gerade der Ausdauersport verlangt von Körper und Geist einen anständigen Grenzgang der Belastbarkeit. Viele Bereiche auf dem Weg zu einem Erfolg müssen vom Sportler in die Hände von Spezialisten gelegt werden. Beim „Unternehmen Spitzensportler“ ist der Athlet heute nur die Spitze des Team-Eisbergs um ihn. Doch das ist genauso fatal wie in anderen Bereichen: Denn im gemeinsamen Handeln verschwimmt die Verantwortung für Fehler. Niemand kann nachher sagen, wer Schuld an einer Fehlentscheidung hatte.

Nie haben wir aus so vielen Möglichkeiten der Lebenswege wählen können wie heute. Ein starkes Rückgrat brauchte daher jeder, um seinen inneren Anstand im Sinne von großer An-Standfestigkeit zu bewahren und den vielen Versuchungen zu widerstehen, sich um eigene Vorteile jenseits des als legal Definierten umzusehen – mit der bewussten Selbstbelügung, die Grauzone zwischen Medikament und Doping, zwischen Selbsterhaltung und Selbstbevorzugung auf Kosten anderer zu eigenen Gunsten zu verschieben.


Schiedsrichter Gesellschaft. Unsere Gesellschaft als Schiedsrichter funktioniert nicht, weil sie selbst die treibende Kraft des ewigen Strebens nach Erweiterung ist. Weil wir nicht mehr um unser physisches Überleben kämpfen müssen, entwickeln so manche die eine oder andere fiese Idee, zu ihrem eigenen Vorteil zu gelangen. Manche nehmen dabei durchaus in Kauf, ein gewisses Risiko auf sich zu nehmen.

Wölfe dagegen können nur gemeinsam ihre Hauptbeutetierarten erfolgreich jagen, sie sind gezwungen, im Team zu harmonieren. Innerhalb des Rudels sind typischerweise alle Tiere, außer den Elterntieren, miteinander verwandt. Diese genetische Verbundenheit hält die Familie zusammen. Die Elterntiere setzen die Regeln und sorgen für deren Einhaltung. Sogenannte Rangkämpfe spielen sich höchstens bei Gehegewölfen ab, die meist nicht verwandt sind und vor allem keine wichtige gemeinsame Aufgabe wie die Jagd zu bewältigen haben. Dann können auch diese Tiere eine Art Bored-out-Syndrom entwickeln und mobben.

Wölfe wollen gut geführt werden (Hunde übrigens auch!). Geschieht das in Ausnahmefällen nicht, kann ein Leittier auch aus der Gemeinschaft hinausgebissen werden.


Spielen zum Stressabbau. Das Erfolgsgeheimnis der Wölfe ist ihre besondere Anpassungsfähigkeit an die Umwelt und ihr soziales Zusammenleben in der Großfamilie. Ihre Überlebenschancen hängen von ihrer Kooperationsbereitschaft ab. Sie wissen um die Wichtigkeit des jeweils anderen, wenn es darum geht, die gemeinsamen Interessen auszuüben oder zu verteidigen. Die Tiere sind ehrlich aneinander interessiert. Sie wollen ihr jeweiliges Gegenüber gut kennen.

Wölfe spielen viel und vor allem, wenn sie unter Stress stehen, zum Beispiel um den Hunger zu vertreiben. Ich konnte eine siebenköpfige Wolfsfamilie an einer einsamen Flussmündung an der Pazifikküste beobachten, die auf den Beginn des Lachszugs gewartet hat. Die Wölfe knabberten an Heidelbeerbüschen, sie waren hungrig. Wir würden wohl rasten, Energie sparen oder griesgrämig sein, die Wölfe aber spielten sich ihren „Stress“ ab. Eskalation würde mehr Energie verbrauchen und wäre gefährlich.

Wenn Wölfe gemeinsam auf Jagd nach großen Beutetieren gehen, nützen sie die Erfahrungen ihres engen Zusammenlebens. Sie kennen ihre eigenen Stärken und auch die der anderen Mitglieder. Nur so können sie die Jagd erfolgreich abschließen. Dazwischen dösen Wölfe oft stundenlang, meistens mit etwas Respektabstand verstreut in einem individuellen Lager. Das Individuelle jedes Tieres wird nicht nur akzeptiert, es wird gefördert, indem jedes Tier seinen Freiraum (aus-)leben und auch seine eigenen Wege gehen kann. Der Genetiker Markus Hengstschläger hätte seine Freude am wölfischen Zusammenleben.

In der Kommunikation der Wölfe gibt es keine Missverständnisse, sie erfolgt immer in beide Richtungen, ist momentbezogen und eindeutig. Jahrtausendelang haben wir Menschen mit und neben diesen Tieren gelebt, waren in Großfamilien sehr ähnlich organisiert und waren wie sie ausdauernde Jäger mit vergleichbaren Jagdtechniken auf dieselben Beutetiere. Bis heute sind uns Wölfe ungemein ähnlich.


Wolfcredo. Der US-amerikanische Schriftsteller, Lehrende und Umweltaktivist Gary Snyder hat in seinem „Wolfcredo“ die Eckpfeiler des wölfischen Zusammenlebens so zusammengefasst:

 

Respect the Elders

Teach the young

Cooperate with the pack

Play when you can

Hunt when you must

Rest in between

Share your affections

Voice your feelings

Leave your mark

Wolfsnahe Gesellschaften, wie ich sie teilweise noch an Kanadas entlegenen Küstenabschnitten erlebt habe, haben einige Verhaltensweisen der Wölfe übernommen. So haben die „Elders“ (die honorierten Alten) immer noch den Respekt der Jungen, die Lüge gilt als etwas Verwerfliches, es gibt in ihrer Sprache keine Schimpf- und Fluchwörter. Ehrlichkeit leitet das Zusammenleben. Pauline Waterfall, eine der Elders in einem Wolfsclan, den ich gut kenne, sagt: „Die Wölfe lehren ihre Jungen, respektvoll miteinander umzugehen. Das ist vielleicht der Kern eines anständigen Verhaltens.“ Diese Haltungen der Wölfe versucht Waterfall in ihrem Clan weiterzugeben.


Der Jäger sitzt im Anstand.
Übrigens: Auch der Hochsitz des Jägers wird als Anstand bezeichnet. Ob der Jäger darin dann auch anständig jagt, hängt stets unmittelbar von seinem Respekt und seiner Großzügigkeit gegenüber anderen Lebewesen ab. Geprägt durch seinen kulturellen Hintergrund, sein soziales Umfeld, seine eigenen Wertvorstellungen und seine bisherigen persönlichen Erfahrungen. Sitzt er im Anstand, erhöht das jedenfalls seine Erfolgschancen bei der Jagd.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.03.2013)