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Eine Frage des (Selbst-)Respekts

Eine Frage SelbstRespekts
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Anstand ist zunächst einmal Ausdruck eines Regelwerks. Aber eben nicht nur das. Was macht eine anständige Gesellschaft aus? Wir haben jedenfalls keine Ausrede, warum wir sie nicht errichten könnten.

Anstand ist eine Form, eigenes Verhalten auf das Verhalten anderer abzustimmen. Das soziale Regelwerk, das damit meist einhergeht, ist ein Weg zur sozialen Koordination. Je enger gestrickt das soziale Feld, desto wichtiger die Feinabstimmung – Norbert Elias hat den Prozess der Verstädterung mit der Entwicklung von Höflichkeitsformen in Zusammenhang gebracht, weil mehr Menschen auf weniger Raum mehr Regeln mit sich bringen müssen. Da empfiehlt sich das Taschentuch anstelle des Ausspuckens.

So gesehen ist Anstand Ausdruck eines Regelwerks, das festgesetzt, vermittelt und angeeignet werden kann. Natürlich stellen sich hier Machtfragen – wer setzt das Regelwerk fest? Was geschieht im Falle der Abweichung? Wie ändern sich diese Regelwerke?

Dass wir es hier mit einer Dynamik zu tun haben, sieht man nicht zuletzt in den Diskussionen um den respektvollen Umgang mit Kindern. Der polnische Kinderarzt Janusc Korczak hat davon gesprochen, wie oft Kinder mit einer Form milder Herablassung behandelt werden; sie haben ein Recht auf Achtung, auf respektvollen Umgang. Hier ist schon ein wichtiges Wort gefallen, das mit den Grundanliegen von Anstand verbunden werden kann: „Respekt“. Die Fähigkeit eines „respicere“, eines „Immer-wieder-Hinschauens“. Respekt vor einem Menschen ist die Anerkennung, dass der andere die Quelle normativer Ansprüche ist.


Nicht die Tür auf die Nase knallen. Wenn ich jemandem etwa die Tür aufhalte, drücke ich diese Anerkennung aus: Hier ist ein Mensch, der den Anspruch erheben kann, keine Tür auf die Nase geknallt zu bekommen. Anstand in seinem besten Sinn (nicht verstanden als leere Etikette, Scheinmoral, Formalismus) drückt diesen sozial notwendigen Respekt aus. Eine politische Kultur verliert viel, wenn sie respektlosen Umgang zum Alltag erhebt – der deutsche Linguist Harald Weinrich hat aus guten Gründen auf den Zusammenhang zwischen Höflichkeit und Demokratie hingewiesen.

Anstand hat jedoch auch mit „Gefühl“ zu tun, mit „Anstandsgefühl“. Das macht den Anstand ein wenig verdächtig, sind Gefühle doch unzuverlässige Wegbegleiter, die kommen und gehen. Dennoch: Gefühle können mit einem „Gespür“ zu tun haben, das Grundlage von Haltungen und Einstellungen ist oder auch Konsequenz von Grundüberzeugungen. Das Wort „sapientia“, das wir gern für „Weisheit“ (verstanden als die Fähigkeit, mit dem Leben im Ganzen gut umzugehen) verwenden, hat ja nicht von ungefähr mit „sapor“ zu tun, mit einem „Geschmack“ für das gute Leben. Das Anstandsgefühl ist möglicherweise so etwas wie ein „kultivierter Geschmackssinn“ für den Umgang mit anderen Menschen und mit sich.

Nun gibt es Menschen, die behaupten, dass sich über Geschmack nicht streiten lässt. Durchaus! Diese Menschen haben vielleicht den Film „Sideways“ nicht gesehen. Der Film handelt von zwei Freunden, die eine Weintour durch Kalifornien unternehmen. Hier zeigt sich sehr wohl, dass Geschmack kultiviert und eingeübt werden kann und dass es durchaus eine Sache des Arguments ist, eine Weinverkostung mit einem Kaugummi im Mund als suboptimal anzusehen.

Die Önophilen werden bestätigen, dass man zwar über bestimmte Weinurteile streiten kann, dass es aber doch klar sinnlich erkennbare Unterschiede zwischen einem Spitzenwein und einem Fusel gibt, der am Santa Monica Highway gezogen und dann in Plastikfässern gelagert wurde, in denen vorher alte Socken schweißfußgeplagter Mitmenschen gewaschen wurden. Eine entsprechende Einübung führt zu einer bestimmten Verfeinerung, zu einer bestimmten „Habitualisierung“ (Gewöhnung und Gewohnheitsbildung) und zu einer bestimmten Form der Wahrnehmung.

Ähnlich könnte es sich mit dem „Anstandsgefühl“ verhalten, das auch in einem bestimmten Umfeld eingeübt werden muss, das zu einer Verfeinerung führt und eine Form der Wahrnehmung mit sich bringt. Das Wort „Taktgefühl“ deutet an, dass wir es hier mit einer Art des In-der-Welt-Seins zu tun haben, das nicht einfach eingelernt ist und von der Person wie ein lästiger Rucksack abgeschnallt werden kann; Taktgefühl ist Teil der Persönlichkeit geworden. Man könnte das eventuell mit dem Begriff des „persönlichen Wissens“ (nach Michael Polanyi) vergleichen, der darunter eine Form des Wissens verstanden hat, die Teil des Menschen geworden ist und dessen Lebensform und Wahrnehmung prägt.


Aneignung von Kulturtechniken. Taktgefühl, Anstandsgefühl sind persönliche Haltungen, die nicht von einer Persönlichkeit losgelöst werden können. Wenn sie loszulösen sind, handelt es sich nur um „Kulturtechniken“. Diese können angeeignet und wieder abgelegt werden. Sowohl Dietrich Bonhoeffer als auch Václav Havel beschreiben, dass sie während ihrer Gefängnisaufenthalte Menschen begegnet sind, die im Gefängnis zu jämmerlichen und selbstsüchtigen Gestalten wurden, aber „draußen in der Welt“ „wichtige Persönlichkeiten“ waren. Hier zeigt sich, dass Anstand als Kulturtechnik von Anstand als persönlicher Redlichkeit und Integrität unterschieden werden muss.


Moralische Demenz. Anstand führt zu einer Form der Wahrnehmung, die tiefer liegt als die Welt der Argumente. Es scheint so etwas wie „moralische Demenz“ zu geben, eine Art der Vergesslichkeit, in der sich die Wahrnehmung und das angesprochene Gespür verschieben. Die selbstverständliche Rücksichtslosigkeit, mit der Mobiltelefone im öffentlichen Raum eingesetzt werden, mag hier ebenso symptomatisch sein wie ein viel gravierenderes Phänomen, das die Korruptionsstaatsanwaltschaft beschäftigt: In einem Land gibt es Menschen, die die einen für verboten halten, als „Werk der Übergebühr“ ansehen („besonders clever gemacht!“). Das ist für den Fortbestand einer moralischen Gemeinschaft devastierend. Cicero hört sich gerade modern an, wenn er an einer Stelle mahnt, dass ein Mensch mit einem öffentlichen Amt jeden Anschein von Habgier vermeiden solle. Hier wurde einiges an „Anstandsgefühl“ eingebüßt. Ich erwähne jetzt Bonizahlungen gar nicht einmal mehr. Wir brauchen Vorbilder und Beispiele, die die Wahrnehmung nähren. Wem das zu fromm klingt: Wir brauchen jedenfalls auch Mindeststandards.


Menschen nicht demütigen. Der israelische Philosoph Avishai Margalit hat eine anständige Gesellschaft als den Minimalstandard bestimmt, den wir jedenfalls erreichen sollten; eine gerechte Gesellschaft aufzubauen ist wünschenswert und als Zielvorgabe wichtig, dieses Ziel werden wir aber realistischerweise nicht erreichen können. Aber wir haben keine Ausrede, eine „decent society“ nicht errichten zu können. Die anständige Gesellschaft hat anständige Institutionen – diese sind dadurch gekennzeichnet, dass sie Menschen nicht demütigen. Ein Mensch wird gedemütigt, wenn er einen rationalen Grund hat, sich in seiner Selbstachtung verletzt zu sehen. Selbstachtung ist die Achtung, die ich mir aufgrund meines Menschseins entgegenbringe.

Eine anständige Gesellschaft demütigt Menschen nicht – Eintrittsstellen für Demütigung (in einem Krankenhaus etwa: Umgang mit körperbezogener Scham, mit Privatsphäre, in einer Schule: Leistungsbeurteilungen, auf einer Polizeistation: Umgangston) sind also sorgsam zu prüfen. Das kann der Begriff „decency“ („Anständigkeit“) in Erinnerung rufen, er geht weit über „Benimm-dich-Regeln“ hinaus. Anstand ist eine Form, eigenes Verhalten auf das Verhalten anderer abzustimmen. Das hat mit Respekt, aber auch mit Selbstrespekt zu tun. Ein Mensch mit Selbstachtung benimmt sich anständig, auch wenn niemand zusieht. Das ist zusagen der Lackmustest. Da kann auch getrost gefilmt werden.

Steckbrief

Clemens Sedmak,
Jahrgang 1971, geboren in Bad Ischl, ist Theologe und Philosoph. Er promovierte an der Uni Innsbruck und der Uni Linz in Philosophie, Theologie und Sozialtheorie – und habilitierte sich an der Privatuniversität Linz in Fundamentaltheologie.

Heute ist er Leiter des Zentrums für Ethik und Armutsforschung an der Uni Salzburg und Philosophieprofessor am King's College in London.

Publikationen
mit Heinrich Schmidinger verfasste er u.a.: „Der Mensch– ein Mängelwesen?“ (2008). Sedmak ist verheiratet und Vater von drei Kindern.
Uni Salzburg

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.03.2013)