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Zentralafrika: Ein Kampf um Macht und Diamanten

Rief sich selbst zum Präsidenten aus: Michel Djotodia, der neue Machthaber der Zentralafrikanischen Republik.(c) AP (Joel Bouopda Tatou)

Der Führer der Rebellen erklärte sich nach dem Sturz von Präsident Bozizé zum Staatschef. Die Afrikanische Union verhängte sofort Sanktionen.

Wien/Bangui. Zentralafrikanische Republik im März: Rebellen rücken nach einem monatelangen Aufstand gegen die Hauptstadt vor, der Präsident erkennt die Aussichtslosigkeit seiner Lage und flieht in ein Nachbarland. Der Chef der Aufständischen ruft sich zum Staatschef aus, woraufhin die Afrikanische Union die Mitgliedschaft des Landes suspendiert.

Präsident François Bozizé kennt dieses Drehbuch bestens, er hat es im März 2003 selbst geschrieben. Zehn Jahre und eine Woche später wiederholen sich die Ereignisse – nur dass es diesmal Bozizé ist, der vertrieben wird. So wie er den damaligen Präsidenten, Ange-Félix Patassé, nach einer zehnjährigen Amtszeit absetzte, so befanden am Wochenende die Rebellen der Séléka, was einfach „Allianz“ bedeutet, dass zehn Jahre Bozizé nun aber genug seien.

In dessen altem Drehbuch kann der neue Machthaber, Michel Djotodia, nachlesen, wie er in der Afrikanischen Union, die am Montag Sanktionen verhängte, wieder salonfähig wird: Er muss einfach eine Präsidentenwahl abhalten, bei der er – nur zum Besten des Landes freilich – selbst antritt, und sicherstellen, dass er gewählt wird.

 

Rebellen als „Banditen“

Patassé habe das Land schlecht regiert, rechtfertige Bozizé 2003 den Umsturz. Bozizé habe sich nicht an Abkommen gehalten, sagen die heutigen Rebellen. Das mag alles stimmen, doch wie viele Konflikte in Afrika wird auch dieser durch Rohstoffe befeuert. Vor allem durch einen: Diamanten.

Bereits 2010 stellte der Thinktank „International Crisis Group“ fest, dass die andauernden Rebellionen im Land ein Symptom des grassierenden Diamantenfiebers seien: Die Profite aus dem illegalen Handel seien ein „starker Anreiz, keiner Entwaffnung zuzustimmen“. Der Bericht spricht von „Banditentum unter Rebellenflagge“. Dass eine der ersten Städte, die die Rebellen beim Vormarsch im Dezember und Jänner eroberten, das für den Bergbau wichtige Bria war, dürfte kein Zufall sein.

Zwei der drei bewaffneten Gruppen, die sich zur Séléka zusammengeschlossen haben, rekrutieren sich zudem auch aus verarmten Schürfern. Unter Bozizé, der laut Crisis Group „den Diamantensektor unter Kontrolle hat, um seine ethnische Gruppe zu bereichern“, verließen fast alle Bergbauunternehmen, die in industriellem Maßstab förderten, das Land. Stattdessen graben zehntausende Menschen auf eigene Rechnung. Klar ist jedenfalls eines: Ob unter Kaiser Jean-Bédel Bokassa oder allen folgenden Staatschefs – die breite Bevölkerung profitierte nie von dem begehrten Rohstoff, Zentralafrika zählt nach wie vor zu den ärmsten Ländern der Welt.

Frankreich wollte nicht helfen

Der neue Staatschef Djotodia war ein Beamter der 2003 gestürzten Regierung. Unter dem damals neuen Regime von Bozizé wurde er als Diplomat in den Sudan befördert, was im Rückblick vielleicht keine so gute Idee war. Denn dort kam Djotodia in Kontakt mit tschadischen Rebellen – und wurde selbst zum Aufständischen.

Nun hat er sein jahrelang verfolgtes Ziel erreicht. Als seine Rebellen im Jänner immer weiter vorrückten, schickte Bozizé einen Hilferuf an die einstige Kolonialmacht Frankreich, die gut 200 Soldaten im Land hat. Die Zeit, in der sich Paris in Afrika einmischte, sei vorbei, beschied Präsident François Hollande. In Mali galt diese Devise gut eine Woche später nicht mehr.

Nach einem Friedensabkommen im Jänner wurde eine Einheitsregierung gebildet, doch die Rebellen warfen Bozizé Wortbruch vor und gingen aufs Ganze. Für den Präsidenten rächte sich, dass er die Armee aus Angst vor einem Putsch klein gehalten hatte. Offen bleibt die Rolle des Tschad: ob nämlich der dortige Präsident, Idriss Déby, seine schützende Hand über Bozizés Regime weggezogen hat – vielleicht, weil es ihm zu bunt wurde, dass aus dem Sicherheitsvakuum der Zentralafrikanischen Republik heraus immer wieder Rebellionen gegen ihn lanciert wurden.

„Es geht nicht darum, ewig an der Macht zu sein“, versichert ein Sprecher der Séléka. Von ewig kann ohnehin keine Rede sein. Denn die nächste Rebellion, das zeigt die Geschichte, die kommt bestimmt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.03.2013)