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Meine Ostereierliturgie: Bloß keine Umfärbung!

Da unser neuer Papst alles Weltliche für des Teufels hält, darf ich mich auf ihn berufen: Neue Farben helfen nichts.

 

Alles, schreibt die erzkatholische Zeitung, die ich gerade in Händen halte – ich wüsste nicht, wie ich mein Morgengrausen anders lindern könnte als durch die erzkatholischen Tröstungen der letzten Dinge (ich kann mir ja nicht schon im Morgengrauen eine Klinikpackung Prontopax-Forte-Zäpfchen applizieren) –, alles, was hier, in den „Vorletzten Dingen“, über die Modemenschwerdung des Menschen zu lesen war: Das alles soll des Teufels sein! So sei es vom neuen Papst her durchgesickert, zwischen zwei „Vater unser“, gefolgt von zwei „Ave Maria“, nachdem er zur Abkehr vom jesusfern Weltlichen aufgefordert habe, und zwar mit der volksnahen Begründung, dass die Welt ohne Bekenntnis zum Kreuz des Teufels sei.

Das ist es! Das ist es, was ich mir angesichts der in meinem lauwarmen Magermilchmalzkaffee tot herumschwimmenden Reste des, trotz sanften Aufbähens bei mittlerer Umluft offenbar existenzmüden Dinkelkipferls auch denke (aber bitte, natürlich ist weder mein Vollmops Paul, der meinem Morgengrauen mit weltkugelig besorgten Äuglein assistiert, noch sind meine Meerschweinchen Fritzi & Fratzi, die den Schlaf der Gerechten schlafen, des Teufels, sondern ganz, ganz liebe Geschöpfe des Himmels. . .).

Von einer journalistischen Abordnung des Fashion-TV gefragt, was seine Heiligkeit von der diesjährigen Fashion Week in Brasilien halte, seien doch dort, in Rio und São Paulo, todschicke Transgendermodels über die Catwalks gestöckelt, soll der Papst, der zunächst dachte, man wolle ihn über die neueste Papstmode befragen, geantwortet haben: „The Devil's Party.“ Und dabei habe er milde lächelnd in die Runde der erstarrten Fashion-TV-Journalisten geblickt: kein Zweifel, lauter genderschönheitsmäßig Umoperierte, welche die Menschwerdung des Menschen zu betreiben gedachten, indem sie sich von Modesaison zu Modesaison, also praktisch das ganze Jahr über, neu erfanden.

The Devil's Party, „la festa del diavolo“: Weil mir davor graut, mich neu zu erfinden, und mir davor graut, mich umoperieren zu lassen – ich weiß nicht, wer ich bin, nur, dass ich bin, der ich bin, und der möchte ich, bitte schön, bleiben dürfen bis ans Ende meiner Tage –, finde ich die Weltfeindschaft unseres neuen Papstes extrem beruhigend (als Namensvetter des Franz von Assisi, Schutzpatrons aller Tiere, erstreckt sich das „Ubique daemon“ unseres neuen Papstes, Franziskus I., gewiss nicht – sententia certa! – auf meinen Vollmops und meine Meerschweinchen).

Die Menschwerdung des Menschen also: Laut den neuesten VatiLeaks finde sie nur im Schatten des Kreuzes statt, auf das hinauf der Mensch den Menschensohn genagelt hat, und daraus folge, dass sie hierorts gar nicht stattfinde. Denn erst der auferstandene Mensch sei der wahrhaft menschgewordene, doch jener sei, als Auferstandener, nicht mehr von dieser unserer Welt des Gottseibeiuns – so oder so ähnlich soll es der neue Papst zwischen zwei „Vater unser“, gefolgt von zwei „Ave Maria“, ausgedrückt haben.

Dazu sage ich, eben noch vor meinem erkalteten Magermilchmalzkaffee fröstelnd, total erleichtert: „Amen.“ Denn jetzt, nachdem die letzten Fragen zur Menschwerdung des Menschen geklärt sind, beginne ich mich aufs Ostereierfärben zu freuen. Jedes Jahr färbe ich meine Bioeier gleich: rot, grün, blau, violett und orange (das verflixte Gelb greift an den raubraunen Bioschalen nicht an). Ich nenne das, bestärkt durch das Erzkatholische des neuen Papstes, meine Ostereierliturgie: alles wie immer und bloß nichts umfärben!


E-Mails an: peter.strasser@uni-graz.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.03.2013)