Stephen Burks: Die Stimme des Designs

Sein Name bürgt für sozial anspruchsvolles Design: Stephen Burks über das kreative Potenzial der Gemeinschaft, Demut als Konzept und die Kraft kultureller Vielfalt.

Und diesmal war es der Senegal. „Dala“ heißt im dortigen Dialekt so viel wie „machen“. Und was Stephen Burks schon wieder gemacht hat, kann man eigentlich nicht oft genug wiederholen: der eigenständigen, regionalen Handwerkskunst in einem Teil des Planeten Wertschätzung entgegenzubringen – aber auch Innovationskraft zuzutrauen. In „Dala“, einer Kollektion von Outdoor-Möbeln, verknüpft Burks gestalterisch Oberfläche und Struktur mithilfe innovativer Fasern und verwebt seine Vision von ethisch-sozialem Design mit einer Welt, die sich normalerweise clean und chic in Hochglanzkatalogen präsentiert.

Ethischer Anspruch, Social Design und die kommerzielle Welt der großen europäischen Designhersteller. Wie lassen sich diese Komponenten vereinbaren und vereinen? 

Mit den großen europäischen Designproduzenten wie Moroso und Cappellini zu arbeiten war extrem interessant für mich. Schon weil ich irgendwie von außen komme, aus Chicago. Die Designarbeit ist wirklich schön. Trotzdem hatte ich irgendwann auch so etwas wie eine berufliche Identitätskrise. Ich war auf der Suche nach meiner eigenen Stimme als Designer. Gerade auch deshalb, weil ich im Grunde der einzige afroamerikanische Designer bin, der in dieser Industrie arbeitet. Ich fühlte, dass ich mich dem Design mit meinem eigenen Spirit nähern musste, um meine unverwechselbare Identität in der Designwelt zu finden. Und das begann, als ich mit Missoni zusammenarbeitete. Da entdeckte ich in meinem Studio die Kapazitäten und Möglichkeiten, Dinge per Hand entstehen zu lassen. Dann kamen Arbeiten für Cappellini und Moroso. Und ja, ethischer Anspruch im Design und große Herstellernamen, das geht zusammen.

Sie suchen die Besonderheiten im Kleinen, im Regionalen, in lokalen Communitys. Ist das Herunterbrechen auf charakteristische Details eine allgemeine Tendenz im Design? 

Ich habe im Senegal, in Peru, Kenia, Indien, Mexiko und vielen anderen Teilen der Welt recherchiert, bei verschiedensten ethnischen und kulturellen Gruppen. Und allmählich gefiel mir der Gedanke, dass das 21.  Jahrhundert „das multikulturelle Jahrhundert“ sein könnte. Wir schauen von unserem Platz hinaus zum Rest der Welt, wir sind interessiert an anderen kulturellen Stimmen.
Vor allem meine ersten Erfahrungen in Afrika waren faszinierend, Menschen zu beobachten, die nichts haben und daraus etwas machen. Ich habe immer schon gespürt, dass jeder Mensch fähig ist, Design zu machen, Designer zu sein. Design ist nichts Exklusives für eine Elite. Design kommt von allen für alle. Das sollte die Tendenz sein.

Das entspricht doch den Gedanken von Victor Papanek, dem österreichischen Vorreiter des „Social Design“.

Ja, es sind aber auch Gedanken, die in frühen Utopien, in den Ursprüngen des Industriedesigns auftauchen. Auch das Bauhaus kannte einen ähnlichen Modus, Designer als eine Gemeinschaft und ein Netzwerk zu sehen, in dem die unterschiedlichen Ideen fließen. Ich will Design heute auch so verstehen.

Haben Ihnen nicht Freunde gesagt: „Stephen du warst so ,down to earth‘ und jetzt treibst du dich mit den schicken, eleganten Möbelherstellern in Europa herum?“

Zunächst muss ich bei den Produzenten, mit denen ich arbeite, etwas finden, das sie mit mir verbindet. Mit der Vision von Design, wie ich sie habe und verfolge. Design soll für alle zugänglich sein. Wir machen Babyschritte auf dem Weg dorthin. Wenn wir etwa Produkte kreieren, die andere Kulturen miteinbeziehen, die Verantwortung und auch Authentizität zeigen. Ich habe mich nicht geändert. Ich darf machen, was ich liebe. Ein Privileg. Und ich darf mit den Produkten, die ich mit den europäischen Herstellern mache, auch etwas über Design sagen: dass Design nicht nur Form ist. Und nicht nur „Style“. Sondern etwas, was für alle eine Rolle spielt.

Sind Sie während Ihrer Recherchen in ärmeren Communitys, Favelas etwa, auch schon staunend vor der immensen Kreativkraft der Menschen gestanden?

Wenn man in armen Verhältnissen aufwächst, dann hat man eine starke Verbindung mit der Realität. Ich selbst wuchs  in einer armen Gegend auf, im Süden von Chicago. Und ich glaube, dass, wenn du bescheiden und demütig mit etwas beginnst, du die Sache auch bescheiden und demütig weiterführst. Wenn man in einer schwierigen Umgebung groß wird, bewahrt man sich eine realistische Sicht auf die Dinge. Und natürlich entstehen neue kreative Zugänge.

Und diese Zugänge greifen Designer gern auf.

Überall auf der Welt entsteht eine Menge von Dingen in lokalen Communitys. Auch in Wien gibt es ja eine starke Handwerkstradition. Es stellt sich die Frage, was man selbst als Künstler oder Designer beitragen kann. Und auch, was industrielle Hersteller mit ihrem Know-how einbringen können. Wie auch bei dem Projekt „Dala“ für Dedon etwa. Hier haben wir eine neue Ökofaser entwickelt, die ein haptisch sehr angenehmes Gefühl vermittelt, fast wie Leder. Und damit haben wir die Struktur selbst zur Oberfläche werden lassen. Die Entwicklungsarbeit war keine klassische Studioarbeit. Das war ein Prozess, der in zahlreichen Workshops passiert ist.

Stephen Burks Stimme Designs
Stephen Burks Stimme Designs(c) beigestellt

Stephen Burks arbeitete bisher etwa für Moroso, Cappellini, Missoni, Vitra u.v.m. Einen Überlick bietet seine Website www.readymadeprojects.com

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