Bald sind auch in Wien physikalische Experimente in einem Raum der Kunst zu sehen. Das wirft eine alte Frage auf: Wo verläuft die Grenze zwischen Wissenschaft und Kunst?
Seit der Physiker Anton Zeilinger in seiner Funktion als Ehrenressortchef der „Presse am Sonntag“ bewiesen hat, dass er sich nicht nur auf Quanten versteht, sondern auch auf die Kunst, einen gewitzten Leitartikel knapp vor Redaktionsschluss „auf Zeile“ zu schreiben, steht er in unserer Achtung noch höher. Und seit er bei der „Documenta“ in Kassel fünf Experimente ausgestellt hat, schätzen ihn die Künstler und ihre Kuratoren noch mehr.
Ab 10. April kann man diese Experimente in Wien sehen, in der Galerie mit dem klugen Namen „Ulysses“, der ihren Galeristen John Sailer nun zu einem Bild inspiriert hat: „Als der stets ideenreiche Ulysses das Trojanische Pferd ersann – war es eine Maschine oder war es ein Kunstwerk? Für die Trojaner war es ein kultisches Kunstwerk, für die Griechen eine martialische Maschine.“ Und Sailer folgert: „Manchmal sind die Unterschiede zwischen Maschine und Kunst nur undeutlich erkennbar.“
Das ist wohl kein Plädoyer für Maschinenkunst oder Menschmaschinen à la Kraftwerk. Eher für eine offene Grenze zwischen Technik und Kunst, Hand- und Kunstwerk. Gewagt in einer postpostmodernen Zeit, in der wir uns an den einst provokanten Satz „Kunst kommt nicht von Können“ gewöhnt haben. Der natürlich wichtig war: Die Punks z. B., die stolz darauf waren, nur drei Akkorde zu beherrschen, hatten nicht nur ästhetisch recht, es hat ihnen auch die Popgeschichte recht gegeben. Oder glaubt hier jemand, dass Toto wichtiger waren als The Clash?
Die Etymologie ist freilich trotzig: Kunst kommt von können; „ars“ ist die Kunst und das Handwerk, genauso wie „techné“, die Wortwurzel der Technik. Apropos Wurzel: Ich weiß von einem Zahnarzt, der angesichts eines komplizierten Zahnschadens stolz seufzte: „Da werden S' ein' Künstler brauchen.“ (Er wusste: Er war einer.)
Auf „artes ignotas“, auf unbekannte Künste, wendet in Ovids „Metamorphosen“ der Erfinder, Techniker und Künstler Dädalus seinen Sinn, das wird gleich erklärt: „Naturam novat.“ (Er erneuert die Natur. Oder: Er schafft neue Natur.) Er bastelt aus Vogelfedern (deren Anordnung Ovid mit den Rohren in der Panflöte vergleicht) eine Flugmaschine.
Aus dem Allroundwerker Dädalus – dessen Jobdescription der von Leonardo da Vinci ähnelt – wird bei James Joyce (im „Portrait of the Artist as a Young Man“ und im „Ulysses“) der „reine“ Künstler Stephen Dedalus, der per Algebra nur mehr nachweist, „dass Shakespeares Geist der Großvater Hamlets ist“. Für ihn sind zwar noch das Wahre und das Schöne verwandt, aber die Kunst definiert er so: „the human disposition of sensible or intelligible matter for an esthetic end“.
Ein ästhetischer Zweck: Trifft das für Flugmaschinen zu? (Für eine Panflöte wohl schon. Obwohl: Ist das Instrument schon Kunst oder erst die Musik?) Und für Apparaturen aus Laser, Glasfasern und Spiegeln? Und wenn die „sensible matter“ diesfalls das Licht ist, das wichtige Medium der Ästhetik? Und wenn Trojaner in die Galerie Ulysses kämen, die in Zeilingers Experimenten ein kultisches Kunstwerk sehen? Immerhin: Sie könnten es dem rußigen Hephaistos genauso zurechnen wie dem lichten Apoll.
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