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Glühbirnen-Kartell: Der geplante Defekt

Eine JahrhundertBirne Feindbild Wirtschaft
Eine JahrhundertBirne Feindbild Wirtschaft(c) Bilderbox
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1924 legte das "Phoebus-Kartell" eine maximale Lebensdauer von 1000 Stunden für Glühbirnen fest - angeblich zum Wohl der Kunden.

Sie hängt in einer Feuerwache im kalifornischen Ort Livermore: Die sogenannte "Centennial Bulb", die Jahrhundertbirne. Seit 1901 brennt sie durchgehend. Per Webcam kam man live verfolgen, ob das immer noch so ist. Die moderne Technik ist der Birne jedenfalls nicht gewachsen. Die erste Kamera hielt gerade einmal drei Jahre, die zweite musste auch schon ausgetauscht werden. Für viele ist die Birne der Beweis dafür, dass die globale Wirtschaft auf einem simplen Prinzip basiert: Jenem der "geplanten Obsoleszenz" - also dem gezielten Verschleiß von Produkten. Produkte werden demnach - durch Einbau von Schwachstellen oder durch Verwendung minderwertiger Bauteile - so hergestellt, dass sie nicht lange halten. Denn der Konsum ist der Motor des auf Wachstum basierenden globalen Wirtschaftssystems. Folglich kurbeln kurze Lebenszeiten der Produkte die Wirtschaft an.

Im vor kurzem erschienenen Buch "Kaufen für die Müllhalde" erzählen die Autoren Jürgen Reuß und Cosima Dannoritzer die Geschichte dieses Phänomens, das in den 1920er Jahren seine Wurzeln hat. Tatsächlich legte das Glühbirnen-Kartell, auch Phoebus-Kartell genannt, im Jahr 1924 eine Lebensdauer von 1000 Stunden pro Glühbirne fest. Zuvor hatte es Lampen mit 2500 Stunden am Markt gegeben. Für Reuß und Dannoritzer ist die Glühbirne "das erste prominente Opfer einer generalstabsmäßigen Einplanung von vorzeitigem Verschleiß in der Massenfertigung". Zu dem sei es der Beginn eines Paradigmenwechsels: "Bis dahin galt als selbstverständlich, dass das Beste und Haltbarste aus Material und Technik herauszuholen, auch das Beste fürs Geschäft sein müsste. Von diesem Prinzip verabschiedete man sich bei der Glühbirne."

Das Phoebus-Kartell

Phoebus ist der Beiname des Gottes Apoll und bedeutet "der Leuchtende".

Langbrennende Lampen als ökonomischer Nachteil

Auch Markus Krajewski, Professor für Mediengeschichte, hat sich mit der Geschichte der Glühbirne intensiv befasst. "Glühlampen, die lange brennen, sind ein ökonomischer Nachteil", sagt auch er.

Der Zusammenschluss der größten Glühbirnenhersteller - darunter Osram, Philips und General Electric - hatte zwar nicht nur negative Folgen. Erstmals wurden verbindliche Industriestandards festgelegt. Der Vorteil für die Verbraucher: Man musste nicht länger für jede Glühbirne die passende Lampenfassung suchen. Dennoch war die eigentliche Zielsetzung des Kartells wohl eine andere. "Die durchschnittliche Lebensdauer der Glühlampen darf nicht für einen Wert von mehr als 1000 Stunden garantiert, beworben oder angeboten werden", heißt es in einem Krajewski vorliegenden Dokument im Landesarchiv Berlin. Die vom Phoebus-Kartell selbst erhobene durchschnittliche Lebensdauer betrug damals übrigens bereits 1800 Stunden.

"Kaufen für die Müllhalde"orange-press

Das Kartell ist erfolgreich

"Aber 1000 Stunden sind allemal lang genug, um die Kunden nicht unnötigt durch ein zu kurzlebiges Produkt zu verärgern und damit trotzdem noch ausreichend Umsatz zu machen", erklären Reuß/Dannoritzer. Jeder der Hersteller hätte dieses Ziel auch offen und ungestraft formulieren können - ohne Absprache hätte eine Verkürzung der Lebensdauer aber rasch zu einem Wettbewerbsnachteil werden können. In den Krajewski vorliegenden Dokumenten finden sich daher auch Straftabellen: "Brennen die Birnen über 2000 Stunden, werden 50 Schweizer Franken pro tausend Einheiten fällig, bei mehr als 2500 Stunden 100 Schweizer Franken". Ein sogenanntes "1000 Hour Life Committee" überprüft ab 1925 die Lebensdauerbeschränkung, die in monatlichen Haltbarkeitsberichten festgehalten wird.

Das Kartell war zweifellos erfolgreich: Nur zwei Jahre nach Gründung brannte keine Glühbirne länger als 1500 Stunden. In den 1940er Jahren war das Ziel endgültig erreicht: Die Birnen hielten durchschnittlich 1000 Stunden. In den 1940er Jahren flog das Kartell dann aber auf. Doch erst 1953 wird Osram und Co. die künstliche Lebensdauerverkürzung verboten. Strafe mussten die Unternehmen aber keine zahlen. Und auch in der Praxis hatte das Verbot kaum Folgen, die Lebensdauer der Glühbirnen verlängerte sich nicht.

Byron, die unsterbliche Birne

US-Autor Thomas Pynchon hat in seinem Roman "Die Enden der Parabel" die Idee einer unsterblichen Glühbirne namens Byron literarisch abgehandelt. Byrons Existenz ruft die Agenten des "Phoebus"-Kartells auf den Plan. Ein "Zerschläger" wird in Marsch gesetzt. Doch die Birne entkommt, "verdammt, bis in alle Ewigkeit weiterzuexistieren, wissend um die Wahrheit und doch machtlos, etwas zu verändern."

DDR-Glühbirnen hielten doppelt so lang

Bis heute wird die 1000-Stunden-Begrenzung offiziell damit verteidigt, dass es sich um den "bestmöglichen Kompromiss zwischen Lichtausbeute, Lebensdauer und Stromverbrauch" gehandelt habe: "Ein stärkerer Glühfaden erhöhe zwar die Lebensdauer, gebe aber weniger Licht ab; ein dünnerer Glühfaden dagegen, der mehr Licht abgibt, verkürzt nun einmal die Lebensdauer", erklären Reuß/Dannoritzer die Argumentationslinie der Kartellmitglieder. Auch das erbärmlich fahle Licht der Centennial Bulb wird kritisiert - eine Vergleichbarkeit mit normalen Birnen sei nicht gegeben.

Anderenorts lebten Glühbirnen aber nachweisbar länger, wie Krajewski im MDR-Interview sagt: "Während der DDR-Glühlampenhersteller 'Narva' daran arbeitete, die Fäden so zu konzipieren, dass ein langer Einsatz möglich wurde, forschte man im Westen an einer künstlichen Begrenzung der Lebensdauer, um schneller neue Birnen verkaufen zu können. Die Folge war, dass eine Glühlampe von 'Osram' im Durchschnitt 750 Stunden brannte, 'Narva' hingegen Lampen mit 1500 Stunden Lebensdauer herstellte und auch entsprechend mit einer langen Lebensdauer bewerben konnte."

Buchtipp:

Jürgen Reuß/Cosima Dannoritzer: "Kaufen für die Müllhalde" (orange-press, 2013)