Wer in der Stadt sein eigenes Gemüse ziehen will, braucht dafür nicht unbedingt einen Garten. Mit etwas Kreativität tut's auch der kleine Balkon.
Mit den steigenden Temperaturen naht in den nächsten Wochen die Zeit, in der viele Städter wieder neidisch in die Gärten der Vorstadt schielen. Denn urbanes Gärtnern liegt im Trend. „In der Stadt ist das Bedürfnis nach dem eigenen Grün generell sehr groß. Hinzugekommen ist die verstärkte Sehnsucht, sich sein Gemüse oder seine Kräuter selbst zu ziehen“, sagt Andrea Heistinger, Agrarwissenschaftlerin und Autorin des Handbuches „Bio-Balkongärten“, über den mittlerweile schon seit einigen Jahren anhaltenden Boom. Doch was tun mit seinem grünen Daumen, wenn der eigene Grünraum fehlt? Zur Not tut es auch der Balkon, meint Heistinger und verweist auf die vielen Möglichkeiten, sich auch auf eingeschränktem Raum sein kleines Bioparadies zu erschaffen.
Hochbeet und Pflanzenampeln
Für kleinere Terrassen oder größere Balkone bieten sich etwa Hochbeete an, wie sie in Baumärkten oder Gartenzentren angeboten werden. „Es gibt sie in Naturstein, Klinker oder Beton, aber auch hochwertige Materialien wie Edelstahl oder Glaskonstruktionen können zum Einsatz kommen“, weiß Bernhard Kramer vom gleichnamigen Gartengestaltungsbetrieb in Zöfing bei Judenau.
Für den Balkon nutzt man aber meist Holz – mit etwas handwerklichem Geschick am besten im Selbstbau, was nicht zuletzt das Budget schont. Hochbeete haben einen großen Vorteil: Durch die Verrottung der organischen Materialien im Inneren entsteht Wärme, das begünstigt das Gedeihen von südlichen Pflanzenarten wie Paprika, Zucchini oder Tomaten. Die beste Ernte erhält man mit einer Mischkultur: Wurzelausscheidungen der einzelnen Pflanzengattungen und Kräuteraromen auf engem Raum sind nicht nur vorbeugend gegen Schädlingsbefall, sie verbessern auch den Geschmack des Gemüses. Wer nicht so viel Platz hat, muss andere Lösungen finden. Beliebt sind etwa Blumenkästen, die über das Balkongeländer gehängt werden. Da dadurch aber die Fassade verändert wird, sollte man sicherheitshalber das Einverständnis der Hausverwaltung einholen, zumal schlecht befestigte Kästen auch Passanten oder Nachbarn gefährden könnten.
Hängende Gärten
Eine unproblematischere Form ist das Gärtnern in die Höhe. Bewährt haben sich etwa Pflanzenampeln oder Gitter, an denen sich Kletterpflanzen hochranken können. Im Fachhandel findet man mittlerweile aber auch weit raffiniertere Lösungen wie das Pflanzsystem „VertVert“. Dieses besteht aus kleinen Kunststoffboxen, die kaskadenartig ineinander gehängt und an der Innenseite des Balkongitters befestigt werden können, eine Art hängender Garten. Ähnlich innovativ und gleichzeitig ein attraktiver Blickfang ist das in Portugal entwickelte System „Minigarden“. Dabei handelt es sich um einzelne Module mit je neun Pflanzenbehältern, die man übereinander an die Balkonwand montiert. Das minimalistische Designsystem macht sich sogar an einer hellen Küchenwand gut, der Balkonplatz wird frei für anderes und beim Kochen hat man die Kräuter gleich in Griffnähe. Apropos Licht: Auch dieses spielt letztlich auf dem Balkon eine große Rolle. „Ein nach Süden ausgerichteter Balkon ist in unseren Breiten im Frühling ideal, aber im Sommer für viele Gemüsearten zu heiß“, weiß Balkongartenexpertin Heistinger. Entscheidet man sich daher für den Anbau weniger hitzeverträglicher Pflanzen als Paradeiser, Melanzani oder Chili, sollte man darauf achten, dass man sie in einer beschatteten Ecke unterbringt. Was auf einem eng bepflanzten Balkon aber kein Problem sein sollte.
WEITERE INFORMATIONEN UNTER
Buchtipps zu Garten und Balkon
Andrea Heistinger hat in ihrem „Handbuch Bio-Balkongarten“gemeinsam mit Arche Noah das neueste Know-how rund um biologisches Gärtnern auf Balkon, Terrasse und Hinterhof zusammengetragen. Das auch für Anfänger geeignete Buch ist im Arche-Noah-Shop um 30 Euro erhältlich.
„Mein Balkongarten“ von Isabelle Palmer zeigt, wie sich mit etwas Fantasie und Kreativität kleine Erholungsoasen realisieren lassen. Präsentiert werden unter anderem Pflanzlisten, fantasievolle Styling-Ideen und ausgewählte Rezepte. Erhältlich im Fachbuchhandel um 23 Euro.
Ideen für jeden Gartentyp und für jedes Budget findet man in Andrew Wilsons „Kleine Gärten“. Der reich bebilderte Ratgeberband zeigt, wie man mit kleinen Tricks auch den kleinsten Raum in ein grünes Juwel verwandeln kann. Erhältlich im Fachbuchhandel um 25 Euro.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.03.2013)