Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Wovon sich »Star Wars« inspirieren ließ

»Valerian und Veronique« ist einer der langlebigsten, erfolgreichsten und einflussreichsten Science-Fiction-Comics aus Frankreich: spannend, witzig und profund. Derzeit erscheint die Gesamtausgabe bei Carlsen.

Als Comiczeichner Jean-Claude Mézières 1977 eine Vorpremiere von „Star Wars“ sah, musste er lachen: „Das ist doch eine Verfilmung von ,Valerian‘!“

Nicht nur die berühmte Weltraumoper von George Lucas weist verblüffende Parallelen zur langlebigen Comicserie „Valerian und Veronique“ von Mézières und Autor Pierre Christin auf, sie sind da nur am offensichtlichsten: Ob Prinzessin Leia im Exotikbikini in „Die Rückkehr der Jedi-Ritter“, der eingefrorene Han Solo in „Das Imperium schlägt zurück“ oder die Maske und das verbrannte Gesicht von Darth Vader – selbst die jeweiligen Einstellungen der „Star Wars“-Filme wirken wie aus dem französischen Erfolgscomic übernommen. Von „Avatar“ bis zu „Das Fünfte Element“ – an dem Mézieres ursprünglich hätte mitarbeiten sollen – ließe sich die Liste fortsetzen.


„Die Welt in Technicolor“. Das zeigt den internationalen Einfluss eines der herausragenden europäischen Science-Fiction-Comics: Selbst wurde es aus der Liebe zu Filmen, Literatur und Mythen, vor allem aus Übersee, geboren. Der Legende nach kam die Initialzündung 1966 am Ufer des Großen Salzsees bei Salt Lake City: Der 28-jährige Mézières besuchte auf seinem ersten US-Trip den gleichaltrigen Kindheitsfreund Christin, der dort als Doktor für Politwissenschaften und französische Literatur Letzteres an der Universität von Utah lehrte. Gemeinsam saßen die zwei Sci-Fi-Fans am Great Salt Lake und träumten von einem gemeinsamen Comicprojekt: „Die Welt in Technicolor“, auch im Sinn der Space Opera als Fortschreibung von Westernmythen. „Space: The Final Frontier“, wie es im Originalvorspann der „Star Trek“-TV-Serie heißt.

Beide hatten schon für das Magazin „Pilote“ gearbeitet: Dessen Redakteure, „Asterix“-Autor René Goscinny und Jean-Michel Charlier, akzeptierten einen neuen Strip über die Abenteuer eines Zeitreise-Agenten. Als „Valérian, agent spatio-temporel“ wurde das Projekt lanciert, die noch recht kurze und krude Debütepisode „Schlechte Träume“ stellte ihn seiner zukünftigen Partnerin vor: Veronique heißt sie nur auf deutsch, ihr originaler Name, Laureline, wurde vom Duo erfunden, man suchte einen „weichen, mittelalterlichen Klang“. Mittlerweile heißen wirklich einige tausend Französinnen so.


„Beschreibung unserer Epoche“. Konzipiert war Veronique/Laureline erst als „eine Art Enkeltochter von ,Barbarella‘“, wie Mézières zugab. Aber bald erwies sie sich bei allem weidlich genutzten Sex-Appeal als der besonnenere Part des Duos: Im fünften Abenteuer, „Willkommen auf Alfolol“ (1972), schickt sie den stets intuitiv handelnden Valerian buchstäblich in die Wüste, als der auftragsgemäß einen Konzernmulti gegen die Bewohner eines ausgebeuteten Planeten unterstützt.

So wurde die Serie schließlich auch in „Valérian et Laureline“ umgetauft, auf Deutsch hieß sie immer „Valerian und Veronique“. Aber wie der stoische Marxist Christin betont: „Die wahren Helden sind die sozialen Spannungen.“ Der karikaturistische Stil der Anfänge – der Einfluss der „Spirou“-Comics von Jijé und später André Franquin ist spürbar – wich rasch einer seriöseren, überbordenden fantastischen Welt: Science-Fiction diente Christin als Eskapismusvehikel wie als „ideales Hilfsmittel, um die großen Veränderungen unserer Epoche zu beschreiben“.

Klassenkampf und Feminismus, ökologische und soziale Ängste lieferten den Hintergrund für immer ausgeklügeltere Plots, die Mézières zu psychedelischen und poetischen Höhenflügen im Gestalten unglaublicher Fantasywesen und Schauplätze inspirierten. Um die Themen mixte man einen Cocktail aus Spannung und Humor: In „Die Blitze von Hypsis“ (1985) steckt eine Alien-Dreifaltigkeit hinter der Intrige, bei der Orson Welles (in seiner Rolle aus „Touch of Evil“!) Gott und ein einarmiger Bandit der Heilige Geist ist.

Da hatte die Serie bereits atemberaubend delirierende Wendungen genommen, mit denen der profunde Science-Fiction-Kenner Christin an Idole wie Philip K. Dick anschloss. 1968 erzählte der zweite Band, „Die Stadt der tosenden Wasser“, die atomare Zerstörung der Erde des Jahres 1986. Mit dem Näherrücken dieses Termins in der Wirklichkeit galt es, ein Zeitreiseparadox aufzulösen: Die Langlebigkeit und Komplexität der Serie war damals nicht abzusehen. So belegt „Valerian und Veronique“ eben auch, dass es eine funktionierende (Comic-)Kultur als Umfeld braucht, um große populäre Kunst entstehen zu lassen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.03.2013)

Mehr erfahren

Zum Thema

Comics: Gallier gegen Germanen