Was alles zu erledigen ist, bevor ich Tschechisch lerne oder einen Krimi schreibe: Kaffeemaschine entkalken, Arbeitnehmer- veranlagung ausfüllen, Sommerurlaub buchen.
Marlene hat Geburtstag. Zehn Jahre ist sie nun alt, endlich zweistellig, wie der Rest der Familie. Sie lässt sich feiern mit Schokoladentorte (zwei Becher Glasur!) und Himbeersirup, und während die Kinder die Smarties von der Torte klauben, weil sie das Beste bis zum Schluss aufsparen, was in mir leise Zweifel an meiner Torte weckt, fragt mein Mann: „Und, Marlene, was hast du vor im nächsten Jahr?“
Was für eine blöde Frage, denke ich mir, beim Ranking der blödesten Fragen, die man Kindern stellen kann, wäre das schätzungsweise der fünfte Platz: zwar noch deutlich weniger blöd als „Freust du dich schon auf deine kleine Schwester?“ oder „Wie heißt denn dein Kuscheltier?“, aber nur noch ganz knapp hinter „Was macht denn der Papa von der Sarah?“ und „Gehst du gern in die Schule?“. Doch Marlene hat eine Antwort, sie muss gar nicht lange nachdenken. „Nächstes Jahr möchte ich elf werden“, sagt sie und schenkt sich Himbeersirup ein, als gäbe es keinen Zahnarzt.
So. Schlucks.
Nichts Konkretes vorhaben. Jetzt bin ich wirklich die Falsche, wenn es darum geht, die Kindheit zu glorifizieren, ich finde Erwachsensein definitiv besser, man darf seinen Blutdruck mit Kaffee pushen und zur Entspannung „Game of Thrones“ schauen, man bekommt keine Schularbeiten mehr zurück und muss sich im Wesentlichen nur selbst belügen, was den großen Vorteil hat, dass keiner enttäuscht ist, wenn die Lüge irgendwann doch auffliegt. Aber eines vermisse ich, nämlich das Gefühl, nichts Konkretes vorzuhaben, nichts vorhaben zu müssen, und ich rede gar nicht von den großen Dingen: Tschechisch lernen oder einen Krimi schreiben oder ein halbes Jahr in Sydney verbringen. Nein, ich rede von dem ganzen Kram, den ich angehen sollte, bevor ich an die großen, tollen Dinge überhaupt denke. Wenn Stephan mich fragte, was ich im kommenden Jahr so machen möchte, würde ich sagen: die Kaffeemaschine entkalken, die nun schon seit Monaten böse vor sich hinblinkt. Die Arbeitnehmerveranlagung ausfüllen, wofür ich mir aber erst einmal das Formular herunterladen müsste. Einen Handwerker finden, der die Schublade repariert. Oder endlich einmal den Sommerurlaub buchen, bevor alle schönen Appartements bereits ausgebucht sind. Ich bin in allem dauernd hintennach. Das letzte Mal auf gleich war ich nach der Matura.
Das war vielleicht ein Sommer! Alles war erledigt, der Rest des Lebens konnte kommen, und ich würde es packen, was immer es war: Ich musste nur 19 werden und dann zwanzig und dann 21, und ich pfeif auf die Kaffeemaschine. Liebe Marlene, mein süßer Fratz, meine kleine Kröte: Alles Gute zum Geburtstag!
bettina.eibel-steiner@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.03.2013)