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Altenpflege: Opa wohnt jetzt in Ungarn

Altenpflege wohnt jetzt Ungarn
Altenpflege wohnt jetzt Ungarn(c) Erwin Wodicka - wodicka@aon.at (Erwin Wodicka)
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Immer mehr Österreicher werden in einem Pflegeheim in den östlichen Nachbarländern untergebracht – aus finanziellen Gründen, aber auch, weil sie sich dort intensivere Pflege erhoffen.

Mehr als 800 Kilometer hat Herr Färber auf dem Weg in seine neue Heimat zurückgelegt. Eine Reise von über acht Stunden, die ihn von den Vorarlberger Bergen ins ungarische Flachland geführt hat. Nach der Grenze säumen verfallene Häuser und Straßenschilder in einer fremden Sprache den Weg – Herr Färber kann sie nicht verstehen. Die neue Heimat des 77-Jährigen befindet sich in der ungarischen Kleinstadt Balatonszárszó, direkt am Plattensee. Dort liegt das Pflegeheim „Balaton“, betrieben von „SeniorenCare“. Dahinter steht die Firma Armonea, der größte Betreiber von privaten Pflegeheimen in Belgien. Heinrich Färber ist Anfang August hergezogen, um hier seinen Lebensabend zu verbringen. „Ich wollte niemandem zur Last fallen“, sagt Färber. Außerdem ist sein Aufenthalt hier um die Hälfte billiger als in einem Heim zu Hause.

Immer mehr Österreicher und Deutsche bringen ihre Angehörigen in den östlichen Nachbarländern unter, weil sie sich die Pflege daheim nicht mehr leisten können. Das Angebot ist in den vergangenen Jahren gewachsen. Neben Ungarn gibt es auch in der Slowakei, Tschechien oder Kroatien Pflegeheime für deutschsprachige Pensionisten. „Österreich und Deutschland haben einen Mangel an Pflegepersonal, sie können einfach nicht die gleiche Betreuung bieten wie wir“, sagt Paul De Coninck, Geschäftsführer der Residenz am Plattensee.

De Coninck ist ein tatkräftiger Mann. Wenn er von seinem Projekt spricht, wählt er klare Worte, die die Dinge nicht unbedingt beschönigen: „Ein Pflegeplatz in Österreich ist für viele zu teuer. Und natürlich wollen einige auch ihr Erbe in Sicherheit bringen.“ 1500 bis 3500 Euro kostet ein Platz im Pflegeheim in Österreich. Der Großteil bietet dafür Unterbringung im Doppel-, manchmal sogar Mehrbettzimmer. Und: In Österreich greift der Staat auch auf Vermögen, Haus und Wohnung der Pflegebedürftigen zu. In der Steiermark auch auf das der Angehörigen.

Am Plattensee hingegen kostet ein Platz in einem Einzelzimmer zwischen 1500 bis 2100 Euro, im Preis inkludiert sind Frühstück, Mittag- und Abendessen, 24-Stunden-Betreuung, Gruppengymnastik, Betreuung durch einen eigenen Hausarzt sowie Mani- und Pediküre. Rechtlich ist der Export des Pflegegeldes innerhalb der EU möglich; auf der Homepage des Betreibers gibt es genaue Hilfestellungen dazu.

In De Conincks neuem Heim in Ungarn wohnen derzeit 18 Senioren, der Rest der 62 Bewohner soll bald einziehen. Das Haus ist mit einem blauen Sternenteppich ausgelegt, die Zimmer sind hell, barrierefrei und mit Holz möbliert. In der oberen Etage befinden sich zwei große Aufenthaltsräume mit Küche, Sofa, Flatscreen, Bücherregalen und großen Fenstern mit Blick auf Büsche und Wiese. Dahinter liegt der Plattensee, über dem Hauseingang steht „Holiday“. Drinnen, im Aufenthaltsraum, nehmen die Bewohner gerade ihre Jause ein. Sie schweigen, blicken starr aus dem Fenster, eine Frau wird gefüttert, eine andere schläft auf der Couch. Zu den agilsten Bewohnern gehört Heinrich Färber. Hier herzukommen war seine eigene Entscheidung: „Meine beiden Söhne sollten ihr eigenes Leben führen.“ Auch wenn es „ein großer Schritt“ gewesen sei, sei er sehr zufrieden. Die Verpflegung sei gut, die Atmosphäre familiär, das Zimmer schön, die Schwestern besonders freundlich. Dafür nimmt er auch die neun Stunden Entfernung von seiner Familie in Kauf. „Natürlich vermisse ich sie“, sagt er. Färber hat zwei Enkeltöchter im Alter von sieben und neun Jahren. „Wir telefonieren jetzt halt. Oder sie schicken Zeichnungen.“ Seine Familie kommt ihn im Abstand von einem halben Jahr besuchen.

Seltene Besuchszeiten sind nichts Außergewöhnliches. Durchschnittlich einmal im Monat würden seine Bewohner Besuch bekommen, sagt De Coninck, manchmal sogar seltener. Aber: „In Österreich kommen die Angehörigen auch nicht öfter. Die Menschen haben einfach keine Zeit mehr.“

Negative Berichterstattung.
Fernab der Familie, fremdes Land, fremde Sprache – die Vorstellung ist durchaus gewöhnungsbedürftig. Besonders in Deutschland wurden Pflegeheime im Ausland kritisiert; von „Abschiebung“ war die Rede, auch von „Deportation“. Lieblose Orte, an die die Senioren gebracht werden. Auf Nimmerwiedersehen.

Die Berichte mögen teilweise übertrieben sein – und haben doch ihren wahren Kern. Die Wienerin Ingeborg Czerny ist leicht dement und wohnt ebenfalls in De Conincks Heim am Plattensee. Sie nimmt es in schlechten Stunden ihrer Tochter und ihrem Sohn schon übel, dass „sie mich loswerden wollten.“ Auch wenn sie sich ausgezeichnet betreut fühle, viel besser als in Österreich, wo sie davor in einem „schrecklichen“ Pflegeheim war. Ihre Tochter, die in Italien lebt, und ihr Sohn haben sich Pflegeheime sowohl in Österreich als auch Italien angesehen. „Hier war das beste“, sagt Czerny dann doch sehr bestimmt.

Dass Pflegeheime im Ausland definitiv noch ein Tabuthema sind, zeigt die Geschichte von Bettina Bogner. Sie lebt in Wien – und hat ihre Mutter im 180 Kilometer entfernten Dörfchen Zlatná na Ostrove in der Slowakei untergebracht. In der oberösterreichischen Nachbarschaft ihrer Eltern wurde diese Entscheidung nicht verstanden. Sie sei herzlos und grausam, sagten ihr die Nachbarn. Bogner erzählt von einer Weihnachtskarte, die ihre Mutter von einer Bekannten erhalten habe. Darin stehe sinngemäß, erzählt sie: „Sie Arme, so fernab von der Heimat, wir beten für Sie“. Dass Bogner trotzdem entspannt über das Thema sprechen kann, hängt wohl damit zusammen, dass ihre Mutter die Entscheidung mitgetragen hat. Bis dahin war es allerdings ein Spießrutenlauf – die Jahre vor dem Umzug beschreibt Bogner als eine permanente Zerreißprobe für die Nerven: Nach einer Operation verfiel ihre 72-jährige Mutter in schwere Depressionen, zudem wurden gutartige Tumore in ihrem Gehirn gefunden. Es folgten Wahnvorstellungen, Inkontinenz, Essensverweigerung. Und irgendwann war klar: Die Betreuung zu Hause reicht nicht mehr aus. Das Seniorenheim in ihrer Heimatgemeinde sei zwar gut gewesen, sagt Bogner, aber erstens gab es eine längere Wartezeit und zweitens hätte eine Unterbringung die Familie 3500 Euro gekostet. Bogners Mutter war Hausfrau, stets beim Ehemann mitversichert, ihre Pension ist gering. Ein Zeitungsbericht machte Bogner auf das slowakische Pflegeheim aufmerksam – nun wohnt ihre Mutter in einem Haus, das ihr vom Deutschen Artur Frank vermittelt wurde.

Frank war einer der Ersten, der mit „Seniorpalace“ mit Sitz im südslowakischen Číčov die Vermittlung von Senioren aus Deutschland und Österreich an Heime in der Slowakei, Ungarn und Tschechien professionalisiert hat. Die Nachfrage sei groß. Wie viele Personen er in den vergangenen sieben Jahren vermittelt hat, kann Frank nicht genau sagen. Man führe keine Statistik. Nur so viel: Das Interesse der Deutschen war bisher größer – im Moment leben 20 österreichische Senioren in „seinen“ Häusern in der Slowakei und Ungarn. Demnächst werden es mehr sein. In der Nähe von Bratislava wurde gerade eine Anlage für betreutes Wohnen für ausschließlich österreichische Senioren fertig gebaut.

Die Häuser, mit denen er arbeitet, sind bisweilen günstiger als das Pflegeheim in Ungarn. 1100 Euro zahlt Bogner für ihre Mutter im Doppelzimmer, all inclusive, wenn man so will. In den ersten paar Wochen sei ihre Mutter nicht glücklich gewesen: „Sie war ja krank, außerdem war alles fremd für sie.“ Das Eingewöhnen habe zwar gedauert, aber heute könne von Inkontinenz nicht mehr die Rede sein: „Sie macht jetzt viele Sachen selbstständig.“ Nachholbedarf sieht Bogner bei der Unterhaltung der Heimbewohner. Man könne ruhig öfter basteln, kochen, Ausflüge unternehmen. Ihrer Mutter würde das gefallen.

Seniorenresort der Zukunft. Sprachbarrieren gebe es zuweilen auch, sagt Bogner. Es könne sein, dass ein, zwei Tage kein deutschsprachiger Pfleger vor Ort sei. In Ungarn, behauptet Paul de Coninck, könne das nicht passieren. Hier lege man darauf wert, dass alle Pfleger fließend Deutsch sprechen. Das soll auch in Zukunft so sein. Bis 2015 will „SeniorenCare“ fünfzehn weitere Häuser in Osteuropa eröffnen. Nicht nur Pflege-, sondern auch Rehabilitationszentren werden darunter sein. Die Visionen de Conicks sind klar: „In Zukunft werden noch mehr Alte im Ausland betreut.“ Schon jetzt verhandelt De Coninck mit österreichischen Sozialämtern, damit deren Leistungen auch im Ausland anerkannt werden. Freilich: Nicht alle Senioren werden künftig im Ausland zu finden sein. Dafür reicht die Kapazität nicht. „Unser Angebot ist keine Lösung für alle, aber es ist eine Alternative“, sagt er – und konkretisiert seine Vision: ein Seniorenresort, Pflegeheim und betreutes Wohnen am See. Begeistert zeigt er das PDF vom Domizil – kurz vor dem Abschied hat er noch den Laptop hervorgeholt. Jetzt klappt er ihn wieder zu und klopft auf den Deckel. „Das“, sagt er und lächelt, „das ist die Zukunft.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.03.2013)

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