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Österreich droht Psychologenmangel

Österreich Psychologenmangel
Österreich Psychologenmangel(c) FABRY Clemens
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In Salzburg sind 70 Prozent der Studienanfänger Deutsche. Die Psychologin Christiane Spiel warnt – und plädiert für bilaterale Verhandlungen mit Deutschland.

Wien. Die Debatte um die internationalen Studierenden – und die Tendenz, dass diese Österreich nach dem Abschluss zumeist wieder verlassen wollen – geht weiter. Nun schlägt Christiane Spiel, Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Psychologie, Alarm: In wenigen Jahren könnte sich in Österreich ein Mangel an Psychologen abzeichnen.

Denn immer mehr ausländische – zumeist deutsche – Studierende drängen an die österreichischen Universitäten, um dort Psychologie zu studieren. Nicht ohne Grund: Das Fach ist in Deutschland unter jenen mit dem strengsten Numerus clausus. Sprich: Wer bei der Matura einen Notenschnitt von über 1,5 hat, bekommt an so gut wie keiner Uni einen Platz.

An den heimischen Universitäten – an denen der Zugang zum Psychologiestudium seit Wintersemester 2010 auf insgesamt rund 1700 Studienanfängerplätze beschränkt ist – steigt der Anteil der deutschen Studierenden dagegen stetig. Im Unterschied zu Medizin gibt es in Psychologie allerdings keine Quote für Studienanfänger aus Österreich.

Die Folge: An der Universität Salzburg – jener, die der Grenze am nächsten liegt – waren vergangenen Herbst sieben von zehn Studienanfängern im Bachelor Deutsche. Auch in Innsbruck ist der Anteil der internationalen Studierenden überproportional hoch: 84 Österreichern stehen im laufenden Studienjahr – in Bachelor und Master – mehr als drei Mal so viele Studienanfänger aus Deutschland gegenüber.

Studienanfänge Psychologie
Studienanfänge Psychologiegel(C) DiePresse

Viele gehen nach dem Bachelor

Glaubt man der Auswertung der jüngsten Studierendensozialerhebung durch das IHS („Die Presse“ berichtete), hat aber – über alle Studienrichtungen hinweg – nicht einmal ein Drittel der ausländischen Studierenden vor, nach dem Abschluss auch zu bleiben. Psychologin Spiel bestätigt das für ihren Fachbereich: Auch in der Psychologie würden die internationalen Absolventen zu einem beachtlichen Teil in ihre Heimatländer zurückkehren, sobald sie das Studium abgeschlossen hätten – viele von ihnen sogar direkt nach dem Bachelorabschluss.

„Längerfristig ist das wirklich problematisch“, warnt Spiel. Denn Psychologieabsolventen würden in vielen Bereichen gebraucht. Und der Bedarf werde in Zukunft sogar noch steigen – man denke beispielsweise an die Schulen, die händeringend Psychologen als Unterstützung für die Lehrer fordern, oder auch an den stetig wachsenden Bedarf in der Wirtschaft, sagt Spiel. Sie schätzt, dass die Problematik in fünf bis sechs Jahren beginnt, schlagend zu werden. Und: Je länger man untätig sei, desto dramatischer werde sich die Situation darstellen. Die Politik müsse sich daher rasch einschalten, so Spiel.

Eine Quote, die – wie im Bereich der Medizin – einen Großteil der Studienplätze für Österreicher reserviert, hält die Psychologin allerdings nicht für die beste Lösung. Einerseits habe sich in der Medizin gezeigt, wie umstritten eine derartige Quote auf EU-Ebene sei. Andererseits könne eine solche realistischerweise wohl erst beantragt werden, wenn man einen Mangel nachweisen könne – und dies käme zu spät: „Solche Maßnahmen greifen ja immer erst nach einiger Zeit – und man muss frühzeitig ansetzen“, so Spiel. Sie plädiert für bilaterale Verhandlungen mit Deutschland, um einen drohenden Mangel an Psychologen in Österreich zu verhindern.

Ob solche allerdings von Erfolg gekrönt sein können, ist zu bezweifeln. Zumindest zeigte sich die frühere deutsche Bildungsministerin, Annette Schavan, wenig kooperativ. Deutschland habe zwar „Verständnis für die schwierige Situation“ in Österreich, sagte Schavan 2011 im „Presse“-Interview. Es sei aber klar, dass jedes Land seine eigenen Regeln für den Hochschulzugang finden und zugleich dem „europäischen Gedanken“ Rechnung tragen müsse.

Auf einen Blick

Die Bleibequote der internationalen Studierenden ist gering. Nicht einmal jeder Dritte plant nach Abschluss des Studiums weiter in Österreich zu bleiben. Für rund 14Prozent steht fest, dass sie wieder zurück in die Heimat gehen. Weitere zehn Prozent planen, sich in einem anderen Land niederzulassen. Die Mehrheit ist noch unentschlossen. Das zeigt eine Studie des IHS.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.04.2013)