Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Der Mythos vom Duce und vom „antiken Gruß“

Der Schwur der Horatier J.-L. David, 1784 - Louvre
Der Schwur der Horatier J.-L. David, 1784 - Louvre(C) Louvre
  • Drucken

Fußballer Di Canio bewundert die Mussolini-Herrschaft. Darf man ihn deshalb mit Neonazis in einen Topf werfen? Über Faschismus und „Fascismus“, einen antirassistischen Duce-Fan und eine gar nicht alte Geste.

Man sieht, wie er den Fans im Stadion den rechten Arm zum italienischen Faschistengruß entgegenreckt. Man sieht auf seinem rechten Bizeps das lateinische „Dux“ eingraviert, was auf italienisch „Duce“, der Führer, heißt. Er bewundert Mussolini, bezeichnet ihn in seiner Autobiografie als „völlig missverstandene“, „höchst moralische Person“. Er, das ist Paolo Di Canio, italienischer Fußballspieler und „bekennender Faschist“, außerdem erfolgreicher Trainer, und zwar seit wenigen Tagen bei einer der besten britischen Fußballmannschaften, dem FC Sunderland. Das behagt nicht allen, Fans protestieren, der britische Labour-Politiker David Miliband hat sein Aufsichtsratsmandat niedergelegt. Und nicht nur England fragt sich: Darf das sein?

Was ist „das“ aber eigentlich? Ist ein Bewunderer des italienischen Faschismus genauso schlimm wie ein Neonazi, oder muss man, ohne zu verharmlosen, doch ein bisschen vorsichtiger mit gesellschaftlichen Ächtungen sein? In der öffentlichen Meinung wird schnell beides einerlei, zumal Mussolini und Hitler einmal Verbündete gewesen sind. Nazi-Bomber hätten in Sunderland tausende Menschen „gekillt“, sagt ein Fan. „Di Canio ist der ideologische Komplize dieser Mörder.“ Man wolle keinen „Rassisten“, heißt es. Eine angesehene deutsche Zeitung schließlich titelt „Krebsgeschwür Di Canio wuchert weiter“ und schreibt, Di Canio habe den Hitlergruß gemacht.

 

Vom „Fascismus“ zum „Faschismus“

Ein Grund, warum diese zwei Formen der Diktatur heute so unterschiedslos in einen Topf geworfen werden, ist das Wort „Faschismus“, bei dem man wie beim Faschierten oft nicht recht weiß, was in dem Mischmasch enthalten ist. Ursprünglich meinte der Begriff ein italienisches Phänomen, auch im Deutschen sprach man vom „Fascismus“. Das änderte sich erst, als das Wort „antifascismo“ in den 1930er-Jahren zu einer generellen Bewegung auch gegen andere rechte Diktaturen wurde. Dieser allgemeine Sinn blieb nach 1945, er hatte im Ostblock den Vorteil, nicht wie der „Nationalsozialismus“ das Wort „Sozialismus“ zu enthalten.

Unter Historikern ist die Verwendung als Sammelbegriff für unterschiedliche Formen totalitärer Herrschaft aber umstritten, unzählige Definitionen konkurrieren, und manche wollen den Faschismus ganz auf Italien beschränken. Führerprinzip, Totalitätsanspruch, militärische Strukturen, Betonung der Nation, pseudoreligiöse Mythen, Expansionsdrang etc.: Die Mussolini- und die Hitler-Zeit hatten viel gemeinsam, aber es gab auch beträchtliche Unterschiede, wie Mussolinis kompromissbereitere Herrschaftsform, die Bewunderung vieler Faschisten für den Futurismus (in Deutschland „entartete Kunst“), vor allem aber die Rolle des Antisemitismus.

„Ich bin Faschist, kein Rassist“, insistiert Di Canio, der auch in Artikeln Rassismus angeprangert hat. Ein Neonazi könnte das nie sagen, Rassenwahn sitzt an der Wurzel des Nationalsozialismus. Mussolini witzelte, dann „müssten die Lappen die höchsten Kulturträger sein“, der „Völkische Beobachter“ nannte ihn „Judenknecht“. Erst mit der Annäherung an Hitler ab 1936 machte er Zugeständnisse, aus der „razza“, bisher einfach für „Volk“ und „Nation“ gebraucht, wurde die „razza italiana“, und Rassegesetze wurden verabschiedet. Trotzdem klagte Goebbels über die „Laxheit“ der Italiener in der Judenfrage. Auch das Duce-Regime beging in Afrika Kriegsverbrechen und verfolgte Oppositionelle, allerdings unvergleichlich weniger als das NS-Regime; es gab kaum Todesurteile gegen Regimegegner.

Ob freilich Paolo Di Canio Genaueres über die Herrschaft des Duce weiß, darf bezweifelt werden. Seine Äußerungen sind wohl eher typisch für das mehr oder weniger ahnungslos „weichgezeichnete“, „gutmütige“ Faschismusbild in Italien, wie der Historiker Lutz Klinkhammer es nennt.

 

Duce-Tangas und „iMussolini“-Programme

Italien hat diese Vergangenheit nie kollektiv aufgearbeitet. Da blüht, wie man liest, die Faschismus-Folklore bei der Duce-Gruft nahe Bologna, da wird binnen Tagen ein Programm mit Mussolini-Reden zur beliebtesten iPhone-Anwendung Italiens, da verkaufen sich Duce-Stringtangas, faschistische Inschriften werden liebevoll restauriert, und alte Italiener danken dem Duce für die vielen Postämter und die schönen Landstraßen.

Der Lazio-Klub, aus dem Paolo Di Canio kommt, ist bekannt für seine armreckenden Fans. Das sei ein alter römischer Gruß, sagt Di Canio. Zumindest diesen Irrglauben kann man ihm nicht übelnehmen, denn die Vorstellung, dass der faschistische und der Hitlergruß von den antiken Römern herkommt, ist ein allgegenwärtiger, kaum widersprochener Mythos.

Weder in der römischen Kunst und Literatur noch bei Historikern komme ein Gruß in dieser Form vor, schreibt der amerikanische (Kino-)Historiker Martin Winkler. Er hat die Entstehungsgeschichte des vermeintlichen „saluto romano“ 2009 in einem Buch minutiös rekonstruiert.

Diese Geste, schreibt er, sei in Wahrheit im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert über die Historienmalerei und das Theater in den Film (etwa „Ben Hur“) gekommen. Dort sei sie schließlich auf die Antike festgelegt worden.

In die Politik kam der „römische Gruß“ Martin Winkler zufolge schließlich durch den italienischen Schriftsteller und Faschismusvorläufer Gabriele D'Annunzio. Er verwendete den ausgestreckten Arm bei der Besetzung der Stadt Fiume 1919–1920 als politische Geste. Das erfolgreiche Historienepos „Cabiria“ von 1914, zu dem D'Annunzio das Drehbuch schrieb, habe die Geste endgültig im Genre des Antikenfilms verankert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.04.2013)