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Tagesablauf: Leute töten

Matthias Kaltenbrunners Studie zum Massenausbruch aus dem KZ Mauthausen. Akribisch wie noch niemand vor ihm beschreibt Matthias Kaltenbrunner in dieser Studie das damalige Geschehen und die Folgen.

Das Gemetzel vom Februar 1945 wurde schon vielfach beschrieben, Denkmäler wurden an den Schauplätzen des Mordens errichtet, sogar für das Kino verfilmt wurde das Ereignis bereits: die „Mühlviertler Hasenjagd“, wie die Fahndung nach 419 aus dem KZ Mauthausen entflohenen sowjetischen Offizieren in der Nacht zum 2. Februar 1945 verharmlosend bezeichnet wird. Tatsächlich war es eine winterliche Großfahndung auf entkräftete, dem Hungertod nahe, in Lumpen gehüllte, unbewaffnete Kriegsgefangene – entsprechend „einfach“ hatten es die „Jäger“. Dies war keine „Jagd“, sondern ein Menschenabschlachten, ein Massaker an Wehrlosen.

Akribisch wie noch niemand vor ihm beschreibt Matthias Kaltenbrunner in dieser Studie das damalige Geschehen und die Folgen. Und er unterstreicht die Besonderheit des Blutbades: „Die Mühlviertler Hasenjagd ist selbst in der Zeit des Nationalsozialismus einzigartig, nichtnur wegen der extremen Grausamkeit, mit der gegen die Geflüchteten vorgegangen wurde, sondern auch wegen des Kreises der Täter. Nicht nur SS, Wehrmacht, Gendarmerie und Volkssturm beteiligten sich an der Verfolgung der K-Häftlinge, sondern auch weite Teile der ansässigen Bevölkerung.“

„K-Häftlinge“ – das sind im Rahmen der „Aktion Kugel“ vom Februar 1944 bis Februar 1945 aus ganz Großdeutschland nach Mauthausen transportierte gefangene sowjetische Offiziere, um diese dort im „Todesblock 20“ der Reihe nach umzubringen. Von acht geflüchteten Offizieren ist gesichert, dass sie den Ausbruch Anfang Februar überlebt haben – dank der Hilfe einiger weniger mutiger Mühlviertler Familien; wahrscheinlich gab es sogar noch weitere Überlebende.

 

Acht Überlebende im Fokus

Aus den Erinnerungen dieser acht Überlebenden rekonstruiert Kaltenbrunner die Zustände im Todesblock 20. Diese Beschreibung fällt fast zu nüchtern-distanziert aus. Das Zitat eines Überlebenden, Michail Rybčinskij, lässt aber erahnen, wie es in diesem Block zugegangen sein muss: „Der Tagesablauf war immer gleich: Es gab überhaupt keinen Tagesablauf. Es ging nur darum, die Leute umzubringen.“ 5040Gefangene fielen in Mauthausen der „Aktion K“ zum Opfer; einen Teil davon hatte KZ-Kommandant Franz Ziereis einfach verhungern lassen.

Kaltenbrunner lenkt in seiner Studie den Fokus weg von den schon wiederholt beschriebenen Heldentaten der oberösterreichischen Retterfamilien hin zu den Schicksalen der acht Überlebenden. Einige von ihnen endeten in Suff, Krankheit und Verzweiflung – auch, weil sie bis Anfang der 1960er-Jahre ihre dramatischen Geschichten in der Sowjetunion gar nicht erzählen durften.

Ausführlich analysiert er auch die juristische Aufarbeitung des Massenmordes im Mühlviertel, die gewiss kein Ruhmesblatt der österreichischen Nachkriegsjustiz darstellt. Kaltenbrunners Arbeit ist jedenfalls ein Standardwerk zu einem der entsetzlichsten Verbrechen während der NS-Diktatur auf österreichisch/ostmärkischem Boden. Viel Neues wird dazu wohl auch in Zukunft nicht mehr zutage gefördert werden. ■


Matthias Kaltenbrunner
Flucht aus dem Todesblock

Der Massenausbruch sowjetischer Offiziere aus dem KZ Mauthausen und die „Mühlviertler Hasenjagd“. 448 S., brosch., € 39,90(StudienVerlag, Innsbruck)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.04.2013)