Am Herd

Die Vorarlberger mit ihrem Funken sind schuld, dass ich noch immer nicht im Schanigarten sitzen kann: Sie haben die Wintervertreibung verbockt. Und ich weiß auch wie.

Als ich Kind war in Vorarlberg, gab es den Funken. Das war ein Fest, in dessen Mittelpunkt ein riesiger Holzstoß stand, der angezündet wurde, um den Winter zu vertreiben: Der hatte die Gestalt einer Fetzenhexe angenommen und sollte in Flammen aufgehen – am liebsten unter lautem Gezeter. Die Stimme lieh ihr traditionell mein damaliger Volksschuldirektor, erst höhnte er („Ihr glaubt wohl, ihr könnt mich so einfach loswerden, da habt ihr euch geschnitten!“), dann schimpfte er („Ihr undankbaren Tisner, Schnee hab‘ ich euch gebracht, Weihnachten, und jetzt das!“), dann jammerte er („Ein bissl heiß wird mir jetzt schon!“), und irgendwann war die Hexe tot. Die Tisner jubelten, der Holzstoß brannte nieder und wir gingen stolz mit unseren Fackeln nach Hause.

Sandalen und kurze Hosen. Ich schwöre: Es hat geklappt! Irgendwann war tatsächlich Frühling, die Ströme und Bäche waren vom Eis befreit und wir gingen in Sandalen und kurzen Hosen in die Schule. Winter – Funken – Frühling, das war die Reihenfolge, auf die ich mich verlassen konnte, seit ich ein Kind war. Aber jetzt ist bald Mitte April! Der Reißverschluss meines rechten Stiefels ist kaputtgegangen! Liebe Vorarlberger, was habt ihr angerichtet?

Ich habe recherchiert. Den Funken gibt es immer noch. Der Brauch wurde erst vor Kurzem in die Unesco-Liste der immateriellen Kulturgüter aufgenommen. Die PR funktioniert besser denn je: Inzwischen werden die Hexen, bevor sie verbrannt werden und mit einem lauten Knall explodieren, öffentlich getauft, auf klassische Namen wie Walburga oder Bonigga, dann werden Fotos von ihnen ins Netz gestellt für eine Art „Wahl der Miss Winterhexe 2013“. Unter all den Kandidatinnen mit oder ohne Kopftuch, mit oder ohne Hakennase, mit oder ohne Schürze oder Warze oder Besen, hat diesmal die sportlichste das Rennen gemacht: Sie hing nicht von einem Balken, sondern saß auf einem Trapez!

An der Vernachlässigung der Tradition kann es also nicht liegen, dass meine Sonnenbrillen am 7.April noch immer arbeitslos sind.


Klimawandel. Also, was ist falsch gelaufen? Sind heuer zu viele Funken in sich zusammengefallen, bevor die Hexe explodiert ist, wie das der Brauch vorschreibt? Sind die Walburgas und Boniggas dieses Jahres nicht vollständig verbrannt und ihr habt vergessen, dass man sie in so einem Fall beerdigen muss? Haben all die Funken der letzten Jahrzehnte etwa den Klimawandel befeuert und dafür gesorgt, dass jetzt das Wetter erst recht verrücktspielt?

Ach was. Die Wintervertreibung hat einfach nicht geklappt, weil wieder einmal nur Hexen verbrannt wurden: Der Winter, liebe Vorarlberger, war aber diesmal ein Mann!

bettina.eibel-steiner@diepresse.com

diepresse.com/amherd

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.04.2013)

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