Glücksspiel: Der Staat gewinnt immer

(c) REUTERS (ERIK DE CASTRO)
  • Drucken

Zypern will über die Legalisierung von Glücksspiel neue Steuern lukrieren und so sein Budgetproblem lösen. Eine Taktik, die Staaten und Herrscher in der Geschichte schon oft erfolgreich anwandten.

Chrysostomos II., Erzbischof und Oberhaupt der einflussreichen zypriotischen orthodoxen Kirche, hat die Idee zwar bereits verurteilt. Dennoch dürfte sich Nikos Anastasiadis, der Präsident des wirtschaftlich angeschlagenen kleinen EU-Mitgliedslandes im östlichen Mittelmeer, schlussendlich durchsetzen – und Zypern künftig auch im griechischen Süden ein Kasino haben. Dies soll den Tourismus ankurbeln und Steuereinnahmen bringen. Steuern, die das Land dringend zur Sanierung des Staatshaushalts braucht, nachdem das bisherige Geschäftsmodell (Schwarzgeld vermögender Ausländer zu zypriotischen Banken locken) in den vergangenen Wochen mit einem lauten Knall implodiert ist.

Was auf den ersten Blick wie die abstruse Idee eines in die Ecke gedrängten Kleinstaates wirkt, ist historisch betrachtet aber gar nicht so ungewöhnlich. So griffen Staaten oder Herrscher auf der Suche nach neuen Steuerquellen in der Geschichte immer wieder nach dem Glücksspiel – und erließen für die oftmals verbotenen, in der Illegalität aber immer betriebenen Spiele Lizenzen oder Konzessionen. Und wie in Zypern führten mitunter auch singuläre Ereignisse zur plötzlichen Erlaubnis von Glücksspielen. „So wurde etwa in Preußen 1763 das Zahlenlotto eingeführt. Grund dafür waren die massiven Schulden aus dem eben zu Ende gegangenen Siebenjährigen Krieg“, sagt Manfred Zollinger vom Institut für Wirtschaftsgeschichte an der WU Wien.


Alte Würfel. Das Spiel mit dem Glück reicht bereits bis zum Anbeginn der Menschheitsgeschichte zurück. Die ersten Würfel werden auf rund 5000 vor Christus datiert. Dabei handelte es sich jedoch noch nicht um Würfel im heutigen Sinn. Geworfen wurden damals Sprunggelenksknöchelchen von Ziegen oder Schafen, wie archäologische Funde ergeben haben. Doch bereits im mesopotamischen Reich (3000 v. Christus) gab es den heutigen sechsseitigen Würfel. Und Glücksspiele.

Diese erfreuten sich auch im Römische Reich großer Beliebtheit. Unklar ist laut Zollinger jedoch, inwieweit der Staat sich damals bereits in Form von Steuern an den Einnahmen des Glücksspiels beteiligt hat. Auf jeden Fall profitierten die römischen Herrscher aufgrund der Devise „Brot und Spiele“ indirekt vom Glücksspiel (der römische Dichter Juvenal kritisierte mit diesem Schlagwort übrigens das mangelnde Politikinteresse seiner Landsleute nach dem Ende der Republik). So waren etwa Wetten ein integraler Bestandteil von Gladiatorenkämpfen oder Wagenrennen.

Dieser verhältnismäßig liberale Zugang zum Glücksspiel änderte sich jedoch mit der Christianisierung des Römischen Reiches. Denn die Kirche verdammte die Spiele als unmoralisch und verwerflich. Dies, obwohl sich in der Bibel kein einziger direkter Bezug zum Glücksspiel finden lässt. Und indirekt kommt es eher in einem positiven Zusammenhang vor: So wird etwa in der Apostelgeschichte Matthias als Nachfolger des Verräters Judas Ischariot per Losentscheid zum neuen zwölften Apostel gewählt. Begründet wird die Ablehnung der Kirche jedoch mit anderen Bibelstellen. So heißt es etwa bei Timotheus 6,10: „Denn die Geldgier ist eine Wurzel allen Übels.“

Die christliche Religion ist hier nicht allein mit ihrer Ablehnung gegen das vordergründig leicht verdiente Geld. So wird das Glücksspiel auch im Judentum oder dem Buddhismus abgelehnt. Am eindeutigsten positioniert sich in dieser Frage jedoch der Islam. So heißt es im Koran (Sure 5:90) „Ihr Gläubigen! Wein, das Losspiel, Opfersteine und Lospfeile sind Gräuel und Teufelswerk.“


Verbote. Diese einhellige Ablehnung durch die Religionen führte dazu, dass das Glücksspiel in Regionen oder zu Zeiten, in denen der Glaube eine starke Rolle im Leben der Menschen spielte, starken Restriktionen oder überhaupt generellen Verboten unterworfen war. Dies trifft auch heute noch in vielen Ländern der islamischen Welt oder manchen Teilen der USA zu. In Europa war dieses generelle Verbot des Glücksspiels vor allem im Hochmittelalter ausgeprägt, als so gut wie nirgendwo legal gespielt werden durfte und es für Spieler auch hohe Strafen geben konnte.

Dies änderte sich jedoch in der Mitte des 13. Jahrhunderts. Und wieder war es das liebe Geld, das anfangs vor allem die Stadtstaaten Oberitaliens dazu brachte, nach und nach Lizenzen an Betreiber von Spielhäusern zu vergeben. „Diese Staaten hatten erstmals eine größere Verwaltung und Bürokratie. Daher benötigten sie neue Einnahmequellen, um das zu finanzieren“, sagt Zollinger. Hinzu kamen Kriege, die im auch immer öfter mit bezahlten Söldnerheeren ausgefochten wurden. Im Lauf der Zeit wurden solche Lizenzen auch in Österreich, Frankreich, Deutschland oder Großbritannien vergeben.

Die Abgaben konnten dabei entweder fixe Lizenzgebühren sein oder sich nach dem prozentuellen Umsatz richten. Auch die Zahl und Art der betroffenen Spiele nahm ständig zu. So ersetzten die im 14. Jahrhundert aus Asien importierten Spielkarten vor allem bei der europäischen Oberschicht zunehmend die Würfelspiele. Aber auch Schach galt über Jahrhunderte als Glücksspiel, das zwar oft in Kombination mit Würfeln, aber in jedem Fall um Geld gespielt wurde. „Es gab damals eigentlich kaum ein Spiel, bei dem nicht um Geld gespielt wurde“, sagt Zollinger. So etwa auch das heute in vielen europäischen Ländern bei Kindern beliebte Gänsespiel.


Senatorenlotto. Neben Würfel- oder Kartenspielen in Spielhäusern trat ab dem 15. Jahrhundert auch eine weitere Form des Glücksspiels auf – die Lotterie. Und diese Form eignete sich für die Staaten noch viel besser zur Besteuerung. Als Geburtsstunde des modernen Lottos gilt dabei das Jahr 1643. Damals wurden in Genua die Senatoren von den Bürgern bestimmt. In der Regel standen dabei zwischen 90 und 110 Kandidaten zur Auswahl, von denen fünf gewählt wurden. Schon bald entstand ein reger Wettbetrieb auf die Senatorenwahl, den die Stadt Genua schlussendlich monopolisierte. Diese Form der Lotterie breitete sich in der Folge in ganz Europa aus und wurde etwa in Österreich im Jahr 1752 unter Maria Theresia eingeführt – natürlich mit einer ordentlichen Steuer versehen. Und auch heute noch wird das Spiel „5 aus 90“ unter dem Namen Zahlenlotto hierzulande angeboten.

Das Verhältnis der Mächtigen zum Glücksspiel blieb jedoch weiterhin ambivalent. So brachte es zwar schöne Steuereinnahmen oder konnte genutzt werden, um eigene finanzielle Verpflichtungen zu begleichen (Ludwig XIV. vergab etwa statt Pensionen für verdiente Mitglieder des Hofstaates Kasinolizenzen). Dennoch führten die weiter bestehende Ablehnung durch die Kirche sowie die sozialen Folgen durch Spielsüchtige immer wieder dazu, dass Lotterien oder Kasinos wieder geschlossen wurden. „Es hing halt davon ab, ob es sich ein Herrscher leisten konnte, auf das Glücksspiel zu verzichten“, sagt Zollinger.

Verhältnismäßig repressiv wurde in Europa der Zugang zum Glücksspiel im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Ein Umstand, der auch den Aufstieg von Monte Carlo begünstigte. Seit dem Zweiten Weltkrieg gibt es jedoch wieder eine deutliche Zunahme des legalisierten Glücksspiels. Oft wurden so soziale Einrichtungen finanziert, für die der Staat sonst nicht genügend Geld aufbringen konnte. Denn eine Regel gilt seit Anbeginn: Glücksspiel ist für die Spieler in der Regel ein Verlustgeschäft.

Wahrscheinlichkeit. So liegt die Wahrscheinlichkeitbeim heimischen „6 aus 45“, drei richtige Zahlen zu tippen, lediglich bei etwas mehr als zwei Prozent, für einen Sechser liegt dieser Wert sogar nur bei 0,0000123 Prozent.Wer sich mit Wahrscheinlichkeitsrechnung beschäftigt wie Harald Rindler, Dekan am Institut für Mathematik der Universität Wien, kann Glücksspiel also nur als „Zeitvertreib, der während der Ziehung ein paar Minuten Spannung bringt“ sehen. Dennoch ist auch beim Lotto nicht alles Zufall – etwa das System „6 aus 45“. Denn dieses bringt genau 8.145.060 mögliche Kombinationen. In einem Land mit rund acht Millionen Einwohnern ist somit die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es zwar regelmäßig einen Sechser gibt, aber auch nur selten mehr als einen. „So bleibt die Motivation bei den Spielern hoch“, sagt Rindler.

Dass die Motivation zum Spielen ungebrochen ist, zeigen die Zahlen aus einer Studie der EU. So wird in Europa pro Jahr ein Bruttospielertrag (Einsätze minus ausgezahlte Gewinne) in der Höhe von etwa 55 Milliarden Euro erzielt. Der Großteil davon fließt an die Staaten mittels Steuern. Gut illustrieren dies die Zahlen des heimischen Lottos seit dem Start im Jahr 1986: So setzten die Österreicher seither 34 Milliarden Euro ein. 20,2 Milliarden Euro gingen als Gewinne an die Spieler zurück. 5,3 Milliarden Euro wurden für die Verwaltung der Lotterien, Provisionen der Annahmestellen, Sporthilfe und den Gewinn der Lotterien verwendet. Der wahre Gewinner war jedoch der Staat: Dieser lukrierte über die Besteuerung 8,5 Milliarden Euro.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.04.2013)

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.