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Leitartikel: Noch unter dem Schnee, der Klimawandel?

Leitartikel Noch unter Schnee
Leitartikel Noch unter Schnee(c) Erwin Wodicka
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Der endlose Winter erinnert daran, dass die Erwärmung seit 1998 stillsteht und wir uns in wachsender Ungewissheit entscheiden müssen. Vielleicht zum Energiesparen!

Seit etwa 2000 Jahren sollte die nächste Eiszeit da sein, zumindest dann, wenn es nach der Himmelsmechanik geht, die ist für gewöhnlich stärker als Menschenwerk. Sie hat große Rhythmen, einmal ist die Erde weiter von der Sonne weg, einmal ist ihre Nordhalbkugel ihr mehr zugewandt, das alles rechnet sich zu 100.000 Jahren Eiszeit, gefolgt von 10.000 Jahren Warmzeit, in der bisher letzten leben wir, begonnen hat sie vor etwa 12.000 Jahren. Aber dass der heurige Winter so gar kein Ende nehmen will, heißt natürlich nicht, dass die milde Gnade zu Ende ist, ein paar Wochen in irgendeiner Region der Erde sagen nichts.

Das gilt allerdings auch, in etwas größerem Rahmen, für die globale Erwärmung. Die hat Ende der 1980er-Jahre die Rolle aller apokalyptischen Reiter zusammen übernommen, kein Thema der Wissenschaft schaffte es je an die Spitze der Weltpolitik, die Erwärmung war Mitte der 90er dort, die UNO richtete den Klimabeirat IPCC ein, Weltklimakonferenzen jagten einander. Die Szenarien waren auch arg genug: Die kleinen Inseln im Pazifik würden versinken, „40 bis 70 Prozent“ der Arten würden verschwinden (doch, so steht es im IPCC-Bericht 2007, und zwar in seinem entscheidenden Teil, der „Zusammenfassung für politische Entscheidungsträger“).

All das traf auf offene Ohren, erstaunlich offene, ein entgletschertes Österreich schreckte mehr als ein vergletschertes – in den Eiszeiten waren nicht nur die Höhen unter Eis, sondern auch viele Täler –, und all das wurde zunächst durch die Thermometer bestätigt: In den 1980er- und 1990er-Jahren stiegen die Temperaturen, es passte perfekt in das Bild, das der Nasa-Klimatologe James Hansen gefunden hatte, das von der Wärme, die so hoch schießt wie der Handgriff eines Hockeyschlägers. (Hansen hat sich letzte Woche aus der Forschung zurückgezogen, er ist 72 und will sich verstärkt politisch gegen die Erdölindustrie engagieren.)

Es ist nur anders gekommen: Seit 1998 sind die Temperaturen global nicht gestiegen, kein Zehntelgrad, sie blieben auf hohem Niveau, aber sie blieben. Das sind jetzt 15 Jahre. Zudem hat der britische Wetterdienst – er war neben Hansen lange führend beim Klima-Alarmismus – letzten Herbst seine Fünfjahresprognose korrigiert – nach unten, nun wird für 2017 eine allenfalls marginale Erwärmung vorhergesagt. Aber das ist eine Simulation, verlässlich sind einzig die gemessenen Werte: Global ist es seit hundert Jahren um 0,8 Grad Celsius wärmer geworden, so war der Stand Ende der 1980er-Jahre. Und so ist der Stand heute, obwohl die Ausstöße des Treibhausgases CO2, um die sich (fast) alles dreht, enorm gestiegen sind, in China, Indien etc. Das passt schlecht zusammen. Und die Natur hat auch nicht so reagiert wie befürchtet: Nicht eine Insel ist wegen des Klimawandels versunken, nicht eine Art seinetwegen verschwunden.

So ist es. Und die armen TV-Wetterfrösche wissen längst nicht mehr, wie sie das ewige Eis überbringen sollen. Kommt die Abkühlung am Ende gar von der Erwärmung? Das ist die bislang letzte Hypothese: Ihr zufolge haben sich die Winde über dem Atlantik durch die Wärme derart umgestellt, dass polare Kaltluft nun, anders als früher, auf direktem Weg zu uns fegt. Vielleicht ist dem so – es wäre prima, dann würde sich die Erwärmung von allein wieder wegregulieren –, vielleicht ist dem nicht so, niemand weiß es. Niemand weiß auch, warum die nächste Eiszeit noch nicht da ist. Manche führen es darauf zurück, dass wir bzw. unsere Ahnen früh genug geheizt haben mit dem CO2, und das nicht erst seit der industriellen Revolution vor 200 Jahren, sondern seit der Neolithischen Revolution vor 9000. Aber auch diese Hypothese läuft über CO2, und von dem kam vor 9000 Jahren sehr viel weniger als heute. Das soll solche Wirkungen haben? Das passt auch nicht. Liegt alles doch an der Sonne bzw. den Wolken, bei deren Bildung sie mitspielt?

Sicher ist nur die Unsicherheit: Wir leben in einer ungewissen Situation unter Entscheidungsdruck. Da empfiehlt es sich, auf Bewährtes zurückzugreifen bzw. den allergröbsten Unfug zu unterlassen: Wer heute in Wien dick vermummt über den Graben eilt, der sich in einSchanigartenmonster verwandelt hat, der sieht über jedem der leeren Tische an den Sonnenschirmspitzen – güldene Heizstrahler.

 

E-Mails an: juergen.langenbach@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.04.2013)