Während die Börsen in den USA und Japan Höhenflüge erleben, halten sich die Anleger in Europa noch zurück. Ein Trend, der sich kurzfristig nicht so schnell umdrehen dürfte. Langfristig aber schon.
Wien. Die von vielen heraufbeschworene „große Rotation“ will nicht so recht in Gang kommen. Dieses Szenario beinhaltet, dass die Anleger ihr Geld aus Anleihen (die extrem niedrig verzinst und gar nicht mehr so sicher sind) abziehen und in Aktien umschichten (die zwar stark schwanken, aber im Vergleich zu Anleihen noch relativ rentabel sind). Zudem will das zusätzliche Geld, das durch die lockere Notenbankenpolitik in die Märkte fließt, investiert werden.
Zumindest an den europäischen Börsen ist von diesem Phänomen wenig zu bemerken. Auch von Emerging Markets wie Osteuropa oder China ließen die Anleger heuer eher die Finger.
In den USA verzeichneten die Börsen dagegen neue Höchststände, auch in Japan schossen die Kurse in die Höhe. Der schwache Yen ist nur eine Ursache dafür: Selbst Euroanleger, die an der japanischen Börse investiert haben, konnten seit Jahresbeginn ein Plus von elf Prozent einfahren.
Fast nur Sieger an der Wall Street
Im US-amerikanischen Dow Jones, der 30 Werte beinhaltet, verloren Anleger aus der Eurozone nur mit zwei Papieren Geld: Die Aktien des Aluminiumkonzerns Alcoa und des Maschinenbauers Caterpillar gaben um mehr als drei Prozent nach. Mit Papieren von Hewlett-Packard hätte man dagegen 60 Prozent verdienen können.
Kurzfristig sei der Aufwärtstrend intakt, meint Helge Rechberger, bei Raiffeisen Research für internationale Aktien zuständig. Langfristig seien aber europäische Aktien attraktiver (wenn man etwa das Kurs-Gewinn-Verhältnis heranzieht) und sollten aufholen. Allerdings nicht so bald: Im zweiten Quartal erwartet Rechberger noch keine Trendwende.
Korrekturen noch möglich
Eine Ansicht, mit der er nicht allein dasteht: In den nächsten Monaten könnte es noch die eine oder andere Korrektur geben– ausgelöst durch neue Rückschläge in den europäischen Krisenländern, meint Dietmar Baumgartner, Vorstand der Semper Constantia Privatbank. Auch er zieht europäische Aktien den US-amerikanischen vor. Ein Licht am Ende des Tunnels erwartet er aber erst Ende 2014.
Dann sollten auch abgestrafte Märkte wie die Wiener Börse oder osteuropäische Märkte wie Polen oder Russland aufholen.
Im ersten Quartal sorgten Italien-Wahl und Zypern-Krise dafür, dass in Europa die Aktiengewinne der ersten beiden Monate weitgehend dahinschmolzen. Während man mit Papieren aus dem deutschen DAX noch ein knappes Plus einfahren konnte, rutschte der heimische ATX ins Minus. Am meisten Geld versenkt (18 Prozent) hätte man seit Jahresbeginn mit der Voestalpine. Schuld ist die schwache Stahlkonjunktur. Doch auch die im Vorjahr hochgeschossenen Bankwerte sind wieder ins Minus gerutscht: Raiffeisen ist mit minus 16 Prozent der zweitschwächste ATX-Wert, bei der Erste Group beläuft sich das Minus auf fast sieben Prozent. In ganz Europa zählten Stahlwerte und Banken zu den großen Verlierern.
Geld verdienen konnte man dagegen hierzulande mit Wienerberger: Der Ziegelhersteller ist zwar noch längst nicht über den Berg, nach zwei Jahren Absturz finden die Anleger die Aktie nun aber günstig (siehe auch Seite 18). Ein ähnliches Comeback könnte kurzfristig die schwer nach unten geprügelte Telekom-Austria-Aktie erleben, meint Alfred Reisenberger von der Wiener Privatbank. Hier seien schon viele negative Erwartungen eingepreist. Wenn das Papier aus den Negativschlagzeilen herauskommt, könnte es rasch nach oben gehen. Langfristig orientierte Anleger sollten aber lieber auf Werte wie Andritz oder Schoeller-Bleckmann setzen, rät Reisenberger. Bester Wert im Eurostoxx-50 mit einem Plus von 30 Prozent war EADS: Der Luftfahrtkonzern profitierte von einer Umstellung der Aktionärsstruktur, der Einfluss von Staaten wie Frankreich und Deutschland wurde zurückgedrängt. In Summe ging es mit dem Eurostoxx-50 aber nach unten. Ebenso wie mit dem Wiener ATX.
Europäische Aktien seien zwar attraktiver, der Markt aber eingebettet in ein schlechtes wirtschaftliches Umfeld, erklärt Reisenberger. Die Anleger investieren ihr Geld lieber dort, wo es schon zweistellige Zuwächse gibt, also in die US-Aktienmärkte. Aus den USA werden derzeit auch gute Konjunkturdaten vermeldet; so erholt sich der Häusermarkt deutlich. Probleme, etwa die Debatte um die Schuldenobergrenze, sind in den Hintergrund getreten.
Anleihen teuer, aber stabil
Auch die Flucht aus Staatsanleihen bleibt vorerst aus. Die Kurse hielten sich seit Jahresbeginn halbwegs stabil. Innerhalb Europas stiegen irische Papiere am stärksten an, während griechische nachgaben. Verglichen mit dem Vorjahr sind das geringe Schwankungen. Absolut betrachtet sind die Anleihenrenditen auf einem sehr niedrigen Niveau. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass es in den nächsten Jahren zu einer Zinserhöhung kommt. Passiert das, fallen die Kurse von bestehenden Anleihen (weil man neue Anleihen mit besseren Zinsen erhält). Das kann man zwar aussitzen, wenn man die Anleihen bis zum Laufzeitende hält. Dann verzichtet man aber auf die höheren Zinsen, die es inzwischen auf dem Markt gibt.
Auf einen Blick
Seit Jahresbeginn haben vor allem US-Aktien und japanische Papiere zugelegt. Die Börsen in Europa und den Schwellenländern wurden von der Anlegern eher gemieden. Ein Trend, der noch eine Weile anhalten dürfte. Auch mit Staatsanleihen konnte man heuer wenig Geld verdienen, zu einem Kursrutsch angesichts der niedrigen Renditen kam es aber bis dato nicht. Der Goldpreis scheint dagegen nach einem zwölfjährigen Bullenmarkt eine Pause einzulegen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.04.2013)