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Schönau-Krise: Als sich Henry Kissinger an Bruno Kreisky die Zähne ausbiss

Bruno Kreisky (Archivbild)
Schönau-Krise: Als sich Henry Kissinger an Bruno Kreisky die Zähne ausbiss(c) APA (Walter Henisch)
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Nach einer Geiselnahme schloss die Regierung 1973 trotz US-Drucks das Lager Schönau für jüdische Emigranten. Wie stark die USA intervenierten, zeigen nun veröffentlichte Depeschen.

Wien. Henry Kissinger ließ keinen Zweifel an seiner Entschlossenheit: „Wir werden alles in unserer Macht Stehende tun. [...] Es gibt auch Hinweise, dass die Österreicher von ihrer Entscheidung zur Kapitulation wieder abrücken wollen.“ So kann man sich täuschen. Die „Kapitulation“, von der der US-Außenminister in seiner Weisung am 30. September 1973 schrieb – veröffentlicht am Montag von der Enthüllungsplattform WikiLeaks im Rahmen von 1,7 Mio. US-Depeschen aus den Jahren 1973 bis 1976 –, war die Entscheidung der Regierung Kreisky, das Durchgangslager Schönau zu schließen. Es diente, verwaltet von der Jewish Agency Juden aus der Sowjetunion als Zwischenstation bei der Auswanderung nach Israel.

Österreich hatte damit die Forderung syrischer Terroristen erfüllt, die unter dem Namen Adler der palästinensischen Revolution am 28. September am Grenzbahnhof Marchegg drei jüdische Emigranten und einen Beamten der Zollwache in ihre Gewalt gebracht hatten. Ihr Motiv: die Einwanderung nach Israel zu bremsen. Schönau war laut dem Wiener Historiker Thomas Riegler zu einem Symbol für diese Emigration geworden: 1972 besuchte sogar Israels Premierministerin Golda Meir das Lager.

 

„Kreisky sagt, er würde eher zurücktreten“

Nein, es habe keinen Druck auf die Regierung gegeben, sagte Kreisky Tage später. Das war gelogen. Denn natürlich hat die US-Botschaft Kissingers Weisung befolgt. Doch an Kreisky biss man sich die Zähne aus: Der Kanzler habe den klaren Eindruck erweckt, bei seiner Entscheidung zur Schließung des Lagers zu bleiben, meldete man aus der Boltzmanngasse nach Washington: „Kreisky sagte, er würde eher zurücktreten, als eine Umkehrung (des Beschlusses; Anm.) zu akzeptieren“, trotz weltweiter negativer Reaktionen. Diese beruhten bis zu einem gewissen Grad auf einem Missverständnis: „Am Anfang gab es die große Befürchtung, dass der Transit überhaupt vor dem Aus steht, obwohl Kreisky das gar nicht gesagt hat“, erklärt Historiker Riegler, der sich intensiv mit dem Thema beschäftigte.

Am Ende war es eine klassische österreichische Lösung: Schönau wurde geschlossen – aber der Transit ging einfach weiter, sogar mehr als zuvor, worauf Riegler hinweist: Die Auswanderung von Juden aus der Sowjetunion via Österreich habe ihren Höhepunkt erst nach 1973 erreicht: „Kreisky hat deshalb auch sein Gesicht nicht verloren.“

Dass der Kanzler bei der Schließung von Schönau auch gegenüber Israels Premierministerin Golda Meir, die ihm am 2. Oktober in Wien ins Gewissen geredet hatte, hart blieb, brachte ihm in der heimischen Öffentlichkeit viel Zuspruch ein. Die US-Botschaft sieht sogar Wahlkampftaktik im Spiel, denn in Wien und Oberösterreich wurde im Oktober gewählt: Kreisky habe clever die öffentliche Meinung manipuliert und sich patriotisch als jemand präsentiert, der dem israelischen Druck standgehalten habe.

 

Ein „dirty job“, der viel Geld koste

Nicht nur israelischem. Die USA, die ihrerseits, wie aus den Akten des State Department hervorgeht, unter dem Druck jüdischer Lobbygruppen standen, versuchten europäische Regierungen zum Protest zu bewegen, besonders die deutsche. Doch Bonn lehnte ab: Man wolle lieber die guten persönlichen Beziehungen zwischen den Kanzlern Brandt und Kreisky nützen, beschied man US-Botschafter Hillenbrand. Auch Norwegen reagierte zurückhaltend, während der dänische Botschafter in Wien bei Außenminister Rudolf Kirchschläger vorsprach, um seine Besorgnis kundzutun.

Zu der es, insofern, ja keinen Grund gab, als der Transit ja weiterging. Ein „dirty job“, der Österreich viel Geld koste, wie sich Kreisky 1975 gegenüber dem neuen US-Präsidenten Gerald Ford bitter beklagte.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.04.2013)