Österreichische Titelblätter zeigten Pandabären beim Geschlechtsverkehr. Entsprechende Darstellungen von Menschen wären undenkbar.
Schönbrunn: Pandas haben sich wieder mehrmals gepaart.“ „Die Presse“ berichtete dieses tierische Ereignis in knappen neun Zeilen. Der „Kurier“ und „Heute“ dagegen hoben es mit großem Bild auf die Titelseite: Sie zeigten also einen Pandabären und einen Pandabärin beim Geschlechtsverkehr, a tergo, wie dies bei den meisten Säugetieren üblich ist.
Es hat sich wohl nicht nur der prüde Metagreißler gefragt: Wieso kommt den Lesern dieses Bild „herzig“ und nicht obszön vor? Eine entsprechende Darstellung eines menschlichen Paares zu bringen würde doch nicht einmal dem enthemmtesten Feuilleton einfallen, es sei denn, sie wäre bis zur Unkenntlichkeit abstrahiert.
Das ist eben einer der großen Unterschiede zwischen Tier und Mensch, werden Verteidiger der Einzigartigkeit des Menschen sagen, und sie haben wohl recht. Aber wieso? Wieso üben Menschen den Sexualakt im Allgemeinen im Verborgenen aus? Weil sie eben Scham kennen: Diese Antwort – womöglich garniert mit dem wohl berühmtesten nicht belegten Freud-Zitat: Der Verlust der Scham sei das erste Anzeichen von Schwachsinn – ist im Grunde tautologisch. Dazu kommt, dass viele Menschen – und zwar auffallend mehr Männer als Frauen – explizite sexuelle Darstellungen sehr wohl konsumieren, allerdings ebenfalls im Verborgenen. Pornografie nennt man das und rechnet diese meist nicht zur Kunst, weil sie zu direkt auf Erregung hinzielt.
Wieso wirkt sie so zuverlässig? Zunächst, weil wir Augenwesen sind. Vor allem den Geschlechterunterschied könnte aber eine Spekulation erklären: In Zeiten, in denen unsere Vorfahren noch keine Männer und Frauen, sondern Männchen und Weibchen waren, beschränkten sie den Sexualverkehr auf die Zeiten, in denen die Weibchen empfänglich waren. Und sahen (noch) keinen Grund, ihn verborgen auszuüben, verließen sich auch (noch) nicht auf Paarbeziehungen. Wenn also ein Weibchen gerade bereit war und diese Bereitschaft öffentlich mit einem Männchen praktizierte, war es für andere Männchen von Vorteil, durch den Anblick des Koitus möglichst rasch erregbar zu sein, um gegebenenfalls auch mit diesem Weibchen aktiv zu werden. Das könnte gerade für Männchen, die in der Rangordnung nicht ganz oben waren, eine Chance gewesen sein, sich doch fortzupflanzen.
Die Anfälligkeit für Pornografie als evolutionäres Relikt? Dafür spricht auch, dass ein kleiner Teil der Menschen die Scham in eigens dafür eingerichteten Lokalen aufgibt und sich an archaischen Verhaltensweisen erfreut, sozusagen nach dem Motto eines Popsongs: „Let's do what they do on the Discovery Channel.“ Wer hätte gedacht, dass uns ein schlichtes Pandabärenpärchen auf eine Theorie der seltsamen Zeiterscheinung „Swingerclubs“ bringen würde? So groß ist die Macht der Titelblätter!
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.04.2013)