Wien-Marathon: Im Geleit der Menschenschlange

Das Marathonfeld bahnt sich nach der Reichsbrücke den Weg durch Wien.
Das Marathonfeld bahnt sich nach der Reichsbrücke den Weg durch Wien.(c) APA/ANDREAS PESSENLEHNER (ANDREAS PESSENLEHNER)
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Kenianer und Äthiopier laufen auch bei der 30. Jubiläumsauflage des Wien-Marathons um den Sieg. Über 41.000 Starter werden erwartet, österreichische Sieger sind aber keine in Sicht.

Wien. Auf dem Heldenplatz wird eifrigst geschraubt und gebastelt. Für die 30. Jubiläumsauflage des Wien-Marathons soll der Zieleinlauf am Sonntag besonders herausgeputzt werden. Nicht nur, weil ein deutscher Starter seiner Freundin dort einen Heiratsantrag machen möchte, sondern der Veranstalter auch über 41.000 Läufer aus 120 Nationen auf den Straßen erwartet. Und Wien will sich wieder mit der Fahne einer Sportstadt schmücken.

Der Aufwand ist enorm, seit 1984 wurde er zusehends größer. Was mit 700 Läufern und – plakativ formuliert – ein paar Absperrbändern begonnen hat, ist in der Gegenwart ein Großereignis. 250 Verkehrsschilder, Straßensperren, acht Kilometer Absperrgitter, 150 Tonnen Aufbaumaterial, 140 Lautsprecher und für das Rennen über 42,195 Kilometer wurden auch gleich passend 42 Kilometer durchgehend „verkabelt“.

Ein Kenianer wird gewinnen

Von diesen Arbeiten bekommen die Favoriten des 30. Wien-Marathons freilich kaum etwas mit. Mit den Kenianern Henry Sugut und Gilbert Yegon sind der Sieger und der Zweitplatzierte des Vorjahres erneut am Start. Ihr Landsmann Jafred Kipchumba ist nicht zu unterschätzen: Seine Bestzeit liegt seit Eindhoven 2011 bei 2:05:48 Stunden. Er war damit mehr als eine Minute schneller als der zweifache Wien-Sieger Sugut bei seinem Rekordlauf 2012 (2:06:58).

Bei den Damen wird ebenfalls ein Trio das Geschehen prägen. Die Äthiopierin Kebebush Haile, 27, weist eine Bestzeit von 2:24:09 Stunden aus, Landsfrau Assefa Meskerem und die Italienerin Rosaria Console wollen ihr den Sieg streitig machen. Rennleiter Mark Milde war erneut in die Verpflichtungen involviert. Der Deutsche, der auch beim Berlin-Marathon die Fäden zieht, wollte nicht ausschließen, dass ein Streckenrekord möglich sei. „Wir peilen ihn schon an“, sagt er. Es bleibe jedoch abzuwarten, ob Wetter, Form und Tempomacher mitspielen.

Kein Zugpferd aus Österreich

Für das Spitzenfeld ist angerichtet, auch für das Wohl der breiten Masse ist mit den obligaten zehn Tonnen Bananen, 90.000 Litern an isotonischen Getränken und zweieinhalb Tonnen Kaiserschmarrn gesorgt. Doch von österreichischen Spitzenläufern oder Siegern ist nichts zu hören, geschweige denn zu sehen. Günter Weidlinger, der schnellste ÖLV-Marathonläufer, zugleich Rekordhalter in 2:10:47 Stunden, macht um Wien einen großen Bogen und gibt dem Rennen in Linz am 21. April den Vorzug. Dem Vernehmen nach fühlt sich der Oberösterreicher in seiner Heimat wohler. Gage, Service und Tempomacher seien besser. Damit ist Gernot Hammer mit einer Bestzeit von 2:26:30 Stunden am Sonntag Österreichs Nummer eins.
Auch bei den Damen sind ÖLV-Hoffnungen eine Seltenheit. Die Zeiten, in denen Dagmar Rabensteiner, Susanne Pumper, Eva Maria Gradwohl oder Andrea Mayr als Zugpferde gedient haben, sind Geschichte. Auch die beste Österreicherin des Vorjahres, Tanja Eberhardt (9., 2:43:59 Stunden), fehlt verletzungsbedingt. Die beste persönliche Zeit einer Österreicherin hat Natalia Steiger (2:53:22).

Siegerzeit und Masse

Zwischen Österreichs Läufern und dem Spitzenfeld liegen zwanzig Minuten und mehr. Das sind Welten, und genau darum meiden viele den direkten Vergleich mit Profis und den Wien-Start, berichtet ein Wegbegleiter der Leichtathletikszene. Sie liefen „allein“, zu weit hinter der Spitze. Der Wien-Marathon, die zweifellos erfolgreichste Laufveranstaltung des Landes, lebe von der Siegerzeit und dem Wohl der breiten Masse. Österreicher, die immerhin Zeiten von 2:17 Stunden schaffen könnten, ziehen kleinere Events, etwa in Graz oder im Ausland, vor.

Österreichs Leichtathletik hinkt – bis auf Einzelerscheinungen – bei Großereignissen seit Jahren hinterher. Im Marathonsektor ist das Manko noch eklatanter. Ein Rennen über 42,195 Kilometer verlange gezieltes Aufbau- und Höhentraining, für Berufstätige ist das ohne Förderung sowie den Willen, sich als Profisportler zu versuchen, unmöglich. Der Triumph eines Hobbyläufers ist und bleibt pure Illusion.

Beim 30. Wien-Marathon werden am Sonntag (Start: neun Uhr, ORF1) 41.000 Läufer erwartet.
Favoriten sind Henry Sugut (Kenia) und Kebebush Haile (Äthiopien).
Ein österreichischer Sieg ist Illusion. Zuletzt gewann Andrea Mayr 2009, Gerhart Hartmann feierte den letzten Herrensieg 1987.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.04.2013)

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