Michael Schade, ein Lyriker auf dem Gipfel seiner stimmlichen Entfaltung, und Norbert Ernst, ein Charaktertenor von exzellentem Format, widmeten sich Beethoven, Schubert, Wolf und rarem Repertoire.
Wo steht eigentlich geschrieben, dass man mit einer Zugabe bis zum Ende eines Konzerts warten muss? Eben. Und so unterbrach Michael Schade am Mittwoch im Brahmssaal des Wiener Musikvereins schon in den ersten Minuten das gedruckte Programm, um eine kleine Extratour anzukündigen: Er bitte um Verständnis, aber derzeit sei er auf einem Beethoven-Trip, und das Folgende daher unumgänglich. Sprach's und stürzte sich mit seinem exzellenten Klavierpartner Malcolm Martineau in die existenziellen Gefilde von Beethovens zweitem Versuch mit Tiedges „An die Hoffnung“.
Ein Sänger, der in der Form seines Lebens zu sein scheint und aus purer Freude an seiner Stimmkraft dem Publikum ein unverhofftes Geschenk macht (auch wenn es die anderen Beethoven-Lieder der ersten Abteilung etwas an die Wand drückte): Gibt es etwas Schöneres? Schade weiß, wie gut er im Moment bei Stimme ist, sie strotzt geradezu vor Vitalität. Er bleibt aber völlig unprätentiös – und konzentriert sich auf die Essenz des Liedgesangs: die Melodie fließen zu lassen. Das klingt banal – und wird doch bei manchem Liederabend schlicht verfehlt. Schade schafft es aber sogar, diesen Fluss über alle unterschiedlichen Tempi und Ausdrucksvaleurs, die Beethovens Zyklus „An die ferne Geliebte“ erfordert, aufrechtzuerhalten. Völlig bruchlos dimmt er seinen Tenor vom kraftvollen Forte zum stimmlichen Existenzminimum herunter und umgekehrt.
Novität auf chinesische Texte
Das ist schlicht vollendete Stimmbeherrschung, ob bei den vier Liedern von Václav Tomášek (eine Entdeckung!) oder der fein zusammengestellten Schubert-Auswahl nach der Pause. Trotz aller agogischen Freiheiten, denen der reaktionsschnelle Martineau am Flügel punktgenau zu folgen versteht, geht dabei nie der Puls verloren. Und wo steht eigentlich geschrieben, dass man zu Schuberts „Abendlied“ Klavierbegleitung braucht? Eben.
Entdeckerfreuden auch im gemeinsamen Zyklus von Musikverein und Staatsoper: Norbert Ernst, als David in den „Meistersingern“ beispielsweise längst Extraklasse, stellte sich als Liedsänger vor. Ausgehend von Hugo Wolf untersuchte er, unterstützt von Kritin Okerlund, die vokalen Kleinformen der angehenden „Moderne“ und förderte manch recht Ungelenkes von Schreker, prächtige, wohlaustarierte Romantik von Wilhelm Kienzl und hinreißend in freiere harmonische Gefilde aufbrechende Gesänge Alexander Zemlinskys zutage.
Mittendrin auch eine Novität auf chinesische Texte aus der Feder des Oberösterreichers Michael Salamon – der die meisten abendländischen Assoziationen hinter sich lässt und schwebende Harmonien erfindet, die hie und da in einem Klangnirvana zu enden scheinen. Ernsts hoch entwickelte Kunst der vokalen Textausdeutung bewährte sich in allen Fällen mustergültig – dass die Qualität von Wolfs Mörike-Gesängen den Rest des Programms turmhoch überragte, ließ sich auch durch prägnanteste Artikulation nicht übertünchen. Der Künstler empfiehlt sich mit diesem Debüt jedenfalls fürs große Lied-Abonnement.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.04.2013)