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Licht von unten

Die Verbindung von hoher Dichte und hoher Wohnqualität gelingt nur, wenn Städtebau und Architektur gemeinsam neu gedacht werden. Eine geförderte Wohnanlage im zehnten Wiener Gemeindebezirk holt die Stadt ins Haus.

Wie dicht darf's denn sein? Angesichts des aktuellen Wiener Bevölkerungswachstums nähert sich die Bebauungsdichte auch außerhalb des Gürtels immer mehr jener der Innenstadt an. Im Stadtentwicklungsplan (STEP) von 2005 finden sich Zielvorgaben für die urbane Dichte, gemessen an der sogenannten Nettogeschoßflächenzahl, dem Verhältnis der Geschoßfläche eines Hauses zur Fläche des Baulands, auf dem es errichtet wurde. Ein Grundstück mit 500 Quadratmetern, auf dem ein fünfgeschoßiges Haus mit Flächen von je 200 Quadratmetern pro Geschoß steht, ist in einer Dichte von 2.0 bebaut. Dieser Wert war im STEP 2005 als Mindestmaß für das „dicht bebaute Stadtgebiet“ festgelegt, im „Einzugsbereich hochrangiger Verkehrsmittel“ galt ein Wert von maximal 3.0 als Zielvorgabe.

Heute schreiben wir das Jahr 2013 und finden bei aktuellen Projekten weitab von jedem „hochrangigen Verkehrsmittel“ Dichten deutlich über 3.0. Das Areal an der Raxstraße im zehnten Wiener Gemeindebezirk, auf dem nach Plänen der Architekten Rüdiger Lainer, Adolf Krischanitz und Artec ein neuer Wohnkomplex mit einer Dichte von 3.35 errichtet wurde, ist ein Beispiel dafür.

Grundsätzlich ist gegen eine hohe Dichte an diesem Standort nichts einzuwenden. Das Erholungsgebiet Wienerberg ist nicht weit entfernt, und in wenigen Jahren wird die U-Bahnlinie U1 am Verteilerkreis Favoriten eine Station haben, die per Bus in fünf Minuten erreichbar ist. Problematisch ist die Lage an der dicht befahrenen Raxstraße, die das Grundstück südlich begrenzt. Zum Schallschutz wäre es sinnvoll, zu dieser Straße hin einen geschlossenen, lang gestreckten Baukörper zu errichten. Südsonne würde in die dahinter liegenden Höfe dann aber kaum mehr fallen, und umgekehrt würde die Raxstraße noch mehr zu einem Verkehrskanal verkommen.

An einem solchen Standort hohe Dichte und hohe Wohnqualität zu verbinden kann nur gelingen, wenn Städtebau und Architektur gemeinsam neu gedacht werden. In diesem Fall hat die Stadt Wien das durch die Ausschreibung eines Bauträgerwettbewerbs für das gesamte Areal gefördert, bei dem jeweils drei Bauträger mit drei Architektenteams sowohl ein Konzept für den Bebauungsplan als auch für die einzelnen Wohnbauten vorlegen mussten.

Der Plan, den win4wien, ein Konsortium der Bauträger Neues Leben, EBG, Mischek und Neue Heimat, von den Architekten gemeinsam mit den Landschaftsplanern Auböck und Kárász ausarbeiten ließ, stellt die städtebauliche Logik scheinbar auf den Kopf. Statt eines Riegels zur Raxstraße und dahinter liegender, lärmgeschützter Einzelbauten sieht er drei lang gestreckte, quer zur Raxstraße orientierte Baukörper vor, zwischen denen wenige Meter schmale Einschnitte zu Raxstraße offen bleiben, die den Durchblick in beide Richtungen erlauben und Licht von Süden in die zwischen den Baukörpern entstehenden länglichen Höfe fallen lassen. Der Lärmschutz wird durch eine Verglasung dieser Einschnitte bewältigt. Zur Raxstraße hin zeigen die Schmalseiten der drei Trakte ihr jeweils ganz eigenes Gesicht: eine Fassade mit spielerisch versetzten Fensteröffnungen von Rüdiger Lainer, eine strenge Lochfassade mit horizontaler Streifenbemalung von Adolf Krischanitz und an der Ecke ein schmaler, leicht überhöhter Glasturm, in dem ein Treppenhaus und ein Lift zu erkennen sind. Der Glasturm bildet die Schmalseite eines sich konisch nach Norden verbreiternden Bauwerks, der von Bettina Götz und Richard Manahl (Artec) entworfen wurde. Dieser Bau zeigt exemplarisch, wie sich hohe Qualität und hohe Dichte verbinden lassen. Die Formel dafür lautet: die Stadt ins Haus holen. Bei traditionellen Typologien des Wiener Stadthauses ist die Grenze zwischen dem öffentlichen und dem privatem Raum das Haustor. Was sich dahinter abspielt, geht die Öffentlichkeit nichts an. Das Treppenhaus ist in der Regel kein Aufenthaltsort, sondern ein Durchgangsraum, der sowieso nur benutzt wird, wenn der Lift ausfällt.

Für das Wohnhaus in der Raxstraße haben Artec ein Erschließungssystem entwickelt, das ganz andere Verhältnisse herstellt. Es gibt für die insgesamt 110 Wohnungen nur zwei Lifte an den Enden des Baukörpers, jeweils verbunden mit Treppen, die so viel Licht bekommen, dass man sie gern benutzt: Als Pendant zum Glasturm gibt es an der Breitseite des Hauses einen über alle Geschoße reichenden Luftraum, über eine Glasfassade mit der Umgebung verbunden. Von diesen Enden aus erreicht man die Wohnungen über ein System von Erschließungswegen, die je nach Geschoß und Lage im Haus unterschiedlich ausgebildet sind. In den Untergeschoßen des schmäleren Teilssind sie als Laubengänge im Hof geführt, in den Obergeschoßen als zweigeschoßige verglaste Halle mit hoher Aufenthaltsqualität. Im breiteren Teil gibt es eine konisch zulaufende Erschließungshalle mit Stegen und Brücken zu den einzelnen Wohnungen. Hierlassen sich auch die Fenster zur Halle öffnen; im Brandfall sorgt eine Entrauchungsanlage dafür, dass die Fluchtwege sicher erreichbar bleiben.

Zusammengefasst werden alle diese halböffentlichen Verbindungselemente durch eine intensiv gelbe Farbe, die den Raum zusätzlich aktiviert. Die ersten aufgestellten Grünpflanzen scheinen sich jedenfalls wohlzufühlen. Das Gelb zieht sich bis in die Tiefgarage, deren oberstes Geschoß noch zur Hälfte über dem Straßenniveau liegt. Hier fällt die Westsonne tief in den Baukörper und über eine Verglasung bis in den ersten Hof, der so gegen Abend gewissermaßen von unten beleuchtet wird.

Mit diesem Haus haben Artec einen Maßstab für die Entwicklung des Wiener Wohnbaus gesetzt, an dem in Zukunft niemand vorbeikommen wird, der zu einer sinnvollen urbanen Verdichtung Wiens beitragen möchte. Welche Qualität hier wieder einmal im geförderten Wohnbau bei Baukosten von 1410 Euro pro Quadratmeter erreicht wurde, spricht für die Leistungsfähigkeit des Systems. Private Wohnungskäufer sollten sich überlegen, warum sie für weniger Qualität Preise im Bereich des Drei- oder Vierfachen bezahlen. An der Lage allein liegt es sicher nicht. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.04.2013)