In Linz steht Parsifal auf dem Operndach

LINZER MUSIKTHEATER: EROeFFNUNG/ 'EIN PARZIVAL'
LINZER MUSIKTHEATER: EROeFFNUNG/ 'EIN PARZIVAL'APA/RUBRA
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Es ist groß, aber nicht protzig; und es klingt kühl und trocken: Das neue Musiktheater in Linz präsentierte sich mit einer staatstragenden und heimatstolzen Gala – und einer Wagner-Annäherung von Fura Dels Baus.

Am Volksgarten 1: eine schöne, stolze Adresse. Es gab sie früher nicht. Am Ende der Linzer Landstraße war einst ein weiter Platz mit Kreisverkehr und Insel, die „Blumau“, dort fuhren die Busse zur Chemie und zur Voest weg. Auf diesem verschwundenen Platz steht nun das Linzer Musiktheater, großflächig, aber nicht aufdringlich, ein freundlich geduckter Riese, gleich am Park. Mit Eisen hatte es der ursprüngliche Architekt Terry Pawson verkleiden wollen, in Anspielung an die „Stahlstadt“ Linz, doch das kam nicht gut an in der Linzer Politik, stattdessen kam grober und feiner Stein. Und, als Leitmotiv, innen und außen, vertikal angeordnete schlanke Holzbretter, wie Latten eines abstrahierten Gartenzauns.Sachlich und doch heimelig.

Nein, Linz will keinesfalls nur Industriestadt sein, sondern auch Kulturstadt: Dieses Mantra hört man dort seit gut einem Vierteljahrhundert bei jedem Spatenstich, es war auch ein Leitmotiv der Eröffnung des Musiktheaters am Donnerstagabend. In der Mitte zwischen Wien und Salzburg sei ein „mindestens ebenso bedeutsamer Kulturstandort“ entstanden, sagte Finanzministerin Maria Fekter, ganz stolze Oberösterreicherin; und ihr Landeshauptmann Josef Pühringer erklärte, Kulturfreunde müssten jetzt nicht mehr durchfahren zwischen Wien und Salzburg, nein, Linz sei ein „Mittel- und Höhepunkt“ auf dieser Fahrt.

Schön. Die Freude war umso größer, als das Projekt umstritten gewesen war: Vor allem die FPÖ hatte sich mit einer (erfolglosen) Volksabstimmung gegen das Musiktheater gestellt, ihre Politiker fehlten auch bei der Eröffnung. „Nicht der grenzenlose Populismus ist am Ende der Sieger“, stellte Pühringer fest – und bedankte sich bei allen, allen. Auch bei den Steuerzahlern, den Bauarbeitern und dem lieben Gott. An diesen wandte er sich auch über die anwesende Geistlichkeit, die er ersuchte, den Herrn zu bitten, dem Technischen Geschäftsführer Otto Mierl die Pensionsjahre, auf die er verzichtet hat, „hinten anzuhängen“. Das nennt man einen katholischen Amtsweg!

Engerl und hohe Geistlichkeit

Barock auch die Inszenierung der Gala: Zwei Engerl öffneten den leuchtend roten Vorhang, mischten sich erst unters Schauspielervolk, um dann die geistlichen Herren herbeizuholen, den katholischen Bischof und den evangelischen Superintendenten, die den Prediger Salomo zitierten, die Einweihung vornahmen und mahnten, dass Musik und Theater nicht nur billige Unterhaltung sein dürften. Kaum waren sie weg, wurde es mit dem Sextett „Questo è un nodo avviluppato“ aus Rossinis „Cenerentola“ wieder recht trubelig und weltlich – schließlich ist eine Bühne „kein Heiligtum“, wie es gleich danach in einem Hymnus von Thomas Arzt hieß, der klug mit Wörtern wie „einstimmen“ spielte.

Und wie klangen sie, die Stimmen, die Instrumente? Sehr trocken. Der Große Saal, der übrigens kleiner, intimer wirkt als er ist (1250 Plätze), hat so gut wie keinen Hall. Wer das Schwelgerische an Musik nicht braucht und das Klare liebt, könnte in Linz seine Freude haben. So wirkte auch ein Auszug aus dem „Rosenkavalier“ nüchtern, fast kühl. Wie präzise die Holzbläser aus dem Graben kommen, hörte man in einem Auszug aus Prokofieffs „Romeo und Julia“, dass beim Maskentanz einige Protagonisten eine Art Cyberhelm trugen, war wohl ein Tribut an die Stadt der Ars Electronica.

„Die Strahlen der Sonne vertreiben die Nacht“ sang ein offenbar etwas nervöser Sarastro, bevor Präsident Heinz Fischer inmitten des (diesfalls nicht wirklich katholischen) Priesterchores daran erinnerte, dass in Österreich mehr Menschen ins Konzert und ins Theater gehen als zum Fußball. Zumindest die in der Landeshymne („Hoamatland!“) gipfelnde Jubelstimmung im Saal schien zur Hoffnung zu berechtigen, dass der stolze Bau sich regelmäßig füllen wird. Für den „Ring des Nibelungen“ (ab Herbst) verkauft ein geschäftstüchtiger Juwelier immerhin jetzt schon ein Set von vier Ringen...

Wagners Bühnenweihfestspiel diente spätabends vor dem Haus der katalanischen Truppe La Fura Dels Baus als Soundtrack und Inspiration: Zu einer aus alten Aufnahmen geschnittenen Digest-Version von „Parsifal“ ließen sie eine riesige Menschenplastik als reinen Toren durchs Gelände wanken, die den Schwan erlegte und von einer tiefroten Kundry bestiegen wurde. Blumenmädchen auf Hebekränen, Gralsritter mit lodernden Fackeln, ein Schaumbad auf dem Dach, an einer Plattform baumelnde Menschen... Manches passte gut, manches weniger, schließlich brannte (fast) alles, wie sich's für Fura Del Baus gehört: Bei ihnen wird die Raumzeit zum Feuerwerk.

Anders multimedial dann die erste Aufführung am Freitagabend: „Spuren der Verirrten“ von Philip Glass, nach dem Stück von Peter Handke. Der bei einer Pressekonferenz sehr zufrieden wirkte: Er habe noch nie so eine Balance von Worten, Musik und Choreografie erlebt, und er schätze an Glass „the mystery of repetition in music“.

Eine Rezension lesen Sie in der „Presse am Sonntag“.

Programm im Musiktheater

„Die Hexen von Eastwick“, ein Musical von John Dempsey (nach John Updike), hat heute, Samstag, Premiere. Am Sonntag kommt das Ballett „Campo Amor“, am Montag der „Rosenkavalier“. Am Mittwoch zeigen die Wiener Elektronikmusiker Dorfmeister und Huber ihre „Tosca“ als Performance. Das wohl ambitionierteste Projekt ist der „Ring“, dirigiert von Musikchef Dennis Russell Davies: „Rheingold“ hat am 26.Oktober Premiere, der Rest folgt ca. in Vierteljahresabständen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.04.2013)

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