Schnellauswahl

Verunsicherter Wähler trifft kinderliebenden Politiker. Und sonst?

Mit den Kommunikations- und Werbemethoden von gestern wird keine der etablierten Parteien in den Krisenzeiten von morgen auskommen. Neue Formen, neue Gruppen ignorieren, hilft auch nicht.

Sechs Monate vor der Nationalratswahl könnte der Eindruck entstehen, als befände sich Österreich politisch in einer „Blase“, in der niemand – Regierungsvertreter, Parteifunktionäre und Bevölkerung – irgendetwas von außerhalb mitbekommen habe. Die Welt draußen hat sich verändert und niemand hat's bemerkt.

Das trifft vor allem auf die Kommunikations- und Öffentlichkeitsarbeit der traditionellen Parteien, also aller im Parlament vertretenen, zu. Diese negieren in einem atemberaubenden Ausmaß, dass sich neue Gruppen um Wählerstimmen bemühen – außer Frank Stronach, aber dieser ist keine Gruppe. Die kleineren Parteien werden einfach ausgeblendet – ganz so, als gäbe es keine Politiker- und Parteienverdrossenheit, keine Unzufriedenheit, kein Glaubwürdigkeitsproblem aller Parteien.

Die etablierten Parteien geben sich mit Neuem einfach nicht ab. So hört man etwa aus der ÖVP, dass Diskussion mit Vertretern von Neos zu meiden und die Aktivitäten von „Mein Ö“ möglichst zu ignorieren seien. In der SPÖ war das Signal Mitte März öffentlich und deutlich: Nikolaus Kowall von der unbequemen Sektion 8 in Wien Alsergrund, ein mit freiem Auge erkennbar talentierter Jungpolitiker, durfte nicht einmal ins Bezirkspräsidium. Wie war das mit der „Blase“, die im September zu platzen droht?

Viel entscheidender aber ist wenige Monate vor der Bundeswahl, dass in allen Zentralen der Parlamentsparteien punkto Kommunikation mit den Wählern eine ausgesprochene Retro-Mentalität und ein eklatanter Mangel an Fantasie vorherrscht. Die letzten Wochen haben es gezeigt: eine Pressekonferenz da, entweder aufgereiht stehend oder gekrümmt sitzend; eine sogenannte Foto-Op, also ein Bildtermin dort – am besten unter dem Motto: kinderliebender Politiker auf dem Boden sitzend, mit Kleinen spielend! Die Menschen sind der Politik überdrüssig, aber der Akteur liebt Kinder!

Die Retro-Kommunikationslinie ist noch immer in den Köpfen der Parteipolitiker verankert. Sie kann aber unter den geänderten Bedingungen nicht funktionieren. Sie lautet: „Tu Gutes und rede darüber.“ Das war zwar jahrzehntelang Partei-Credo, gilt aber in einer Zeit, in der ein Krisenthema das nächste im Tagestakt ablöst, nicht mehr.

Offenbar hält man in den Parteizentralen nichts von Change-Management: andere Umstände, anderes Verhalten! Den Grund dafür sehen Experten im Fehlen jeglicher Krisenkommunikation und langfristiger Strategieplanung. All die Krisen der letzten Zeit seien vorhersehbar gewesen – von A bis Z, von Absturz (Ernst Strasser) bis Zypern.

Niemand habe sich aber strategisch rechtzeitig überlegt, wie die diversen Krisen PR-mäßig politisch zu bewältigen sind. Welche Bilder welche Botschaft transportieren, welche Kanäle für welche Information an die Wählerschaft genutzt werden sollen.

Die Parteien greifen auf alte Inszenierungen zurück, weil sie nicht vorbereitet sind und weil sie – jedenfalls in Österreich – vorweg immer alle Krisen abstreiten und so lange nicht zur Kenntnis nehmen wollen, bis sie auch den letzten uninformierten Wähler erreicht haben. Für etwas, was nicht sein kann, weil es einfach nicht sein darf, kann ja keine geeignete Krisenkommunikation ausgearbeitet werden.

Da können auch die besten „Berater“ nichts ausrichten. Wozu dann also das viele Steuergeld für sie?


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Zur Autorin:

Anneliese Rohrer
ist Journalistin in Wien: Reality Check http://diepresse. com/blog/rohrer

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.04.2013)