Moderne Josefsgeschichten: Über Bürger zweier Welten

Mit 15 verließ Hung Vietnam in Richtung USA. Auch er lernte die Lektion: Wer in eine andere Welt geht, muss sich wandeln.

Hung, mein vietnamesischer Freund, ist kein echter Vietnamese. Er verließ Vietnam schon mit 15 Jahren. Er weinte, als er zum Flughafen aufbrach. Zugleich war da der große Traum. Aus dem vom Krieg zerstörten Heimatland, auf dessen Straßen Leichen ihren Gestank verbreiteten, hinaus ins Land der großen Träume, in die USA. Und in die warmen Arme seines Vaters, den er seit zehn Jahren nicht mehr gesehen hatte.

Das Flugzeug landete im Schneesturm in Denver, Colorado. Beim Wiedersehen mit dem Vater traf ihn der starre Blick eines kalten Fremden. Die nächsten 15 Jahre seines Lebens suchte Hung nach seiner neuen Identität als „Vietnamese-American“.

Zeitweise fühlte er sich wie ein wandelnder Widerspruch. Äußerlich ein angepasster Amerikaner, im Inneren besorgt um seine ursprüngliche Identität. Er fühlte sich als Bürger zweiter Klasse, wollte sich ständig beweisen.

In seinen inneren Kämpfen um seine Identität las Hung immer wieder die biblische Josefsgeschichte. Josef, der als jugendlicher Hebräer von seinen eigenen Brüdern nach Ägypten verkauft wird, muss die Herausforderungen der fremden Welt bestehen.

Wohin ich gehe – den Weg dorthin kennt ihr.

Joh 14,4

Unschuldig wird er ins Gefängnis gesteckt. Doch am tiefsten Punkt seiner Geschichte fühlt sich Josef von Gott begleitet. Die Erschütterungen seiner Jugend lassen ihn sensibel und kämpferisch zugleich werden. Im reichen Ägypten tun sich seinem Talent ungeahnte Chancen auf, er wird zum höchsten Politiker des Landes. Der ägyptische Traum wird wahr. Das Wiedersehen mit seinen Brüdern zerreißt ihn innerlich. Die Versöhnung braucht viele Jahre.

Von der Josefsgeschichte fühlte sich Hung gestärkt. In seinem letzten Studienjahr wurde er zu einem der 20 besten Studenten der USA gekürt. Sein Selbstvertrauen wuchs. Mit 30 kehrte er für ein Jahr in die Heimat zurück. Statt dort, wie erhofft, seine vietnamesischen Wurzeln wiederzuentdecken, nannten ihn seine alten Freunde „American boy“. Und er merkte selbst, dass er nicht mehr dazugehörte.

Er hatte gelernt, zu hinterfragen und gleichberechtigt zu sein, während das traditionelle Vietnam unhinterfragte Ehrerbietung vor Autorität und den alten Bräuchen erwartete. Hung sagt, er habe Glück gehabt. Er gehört nicht zu jenen hunderttausenden Vietnamesen, die in Booten flohen, von denen viele ertranken, verdursteten oder ermordet wurden.

Wenn Hung an seine toten Freunde denkt, versucht er sie im Licht der Ostergeschichte zu sehen. Jesus sah seinen bevorstehenden Tod als einen Weg in eine neue Welt. Wer stirbt, macht sich auf den Weg in die göttliche Sphäre: eine letzte große Verwandlung.

Hung habe ich in Kalifornien kennengelernt, wo wir jetzt Arbeitskollegen sind. Seine Geschichte macht mir bewusst, dass auch ich herausgefordert bin, mich zu wandeln.

Bimail steht für Bibelmail, ein wöchentliches Rundschreiben des Teams um Pater Georg Sporschill, adressiert an Führungskräfte. Darin werden Lehren aus der Bibel auf das Leben von heute umgelegt.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.04.2013)