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Theater der endenden Zeit

(c) APA/URSULA KAUFMANN (URSULA KAUFMANN)
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Im neuen Linzer Musiktheater wurde die Oper »Spuren der Verirrten« von Philip Glass - nach einem Stück von Peter Handke - uraufgeführt.

Und außerdem gilt auf der Bühne / eine besondere Zeit, / die Spielzeit, / welche seit jeher endet, / ohne ein Ende zu haben.“ Das sagt „der Zuschauer“ in Peter Handkes „Spuren der Verirrten“. Was für ein wunderbares Motto zur Einstimmung eines neuen Theaters!

Handkes Stück, 2007 in Berlin uraufgeführt, steht in der Tradition seiner Meta-Theaterstücke, etwa der „Weissagung“, in der nur das passieren darf (und wird), was die Sprache vorschreibt: „Die Fliegen werden sterben wie die Fliegen“ usw. Im zweiten Akt der „Verirrten“ geschieht das Umgekehrte: Die Dinge tun nicht mehr, was sie tun sollen. „Die Tage tagen nicht mehr. Das Grün grünt nicht mehr. Die Stille stillt nicht mehr. [...] Die Zeit zeitigt nicht mehr.“ Und alle sagen: „Das waren Zeiten. Das war die Zeit.“

Wo die Zeit vorbei ist, passiert nichts mehr. Oder alles. Alles zugleich. Nun ja, das ist jetzt ein bisschen übertrieben, aber es passiert sehr viel auf der Bühne des neuen Musiktheaters, die sich dreht und dreht. Es wird getanzt und gestorben, geliebt und gelitten. Wie das im Theater eben so ist. Nur zeit- und ziellos. Entsprechend taucht der zweite Akt ins Reich der Mythen, wie auf Bob Dylans „Desolation Row“ sammeln sich in Handkes Irgendwoland die legendären Gestalten: Orpheus hält Eurydike, Isaak verstößt Abraham, Ödipus will nicht heimkehren, ... Sonst tragen die Personen keine Namen, sind keine Charaktere, außer vielleicht „Der Dritte“, der verwirrenderweise eine Frau in Violett ist.

Aber sollte man sich denn verwirren lassen? Natürlich. Die Verwirrungen des Publikums (repräsentiert durch den „Zuschauer“ und Konsorten, die sich öfter ins Spiel einmischen) entsprechen den Verirrungen der Bühnenpersonen, die nicht wissen, wo sie sind. Yucatán? Lipitzbach? Tatabanya? Kaltenleutgeben? Ist Advent? War nicht gerade Ostern? Das Stück endet in einer mächtigen Fuge: „Wo sind wir?“

Nein, stimmt nicht, es könnte in einer mächtigen Fuge enden. Oder in einem sturen Roadblues. Einem psychedelischen Freak-out. Aber es endet, wie bei Philip Glass alles beginnt, dauert und endet: in schönen, kurzen Melodien, zu repetitiven Rhythmen, ohne längere Spannungsbögen. Ein wenig übertrieben könnte man sagen: In dieser Musik passt alles, aber es passiert nichts, zumindest nichts Wesentliches.

Aber dann passt die Musik doch gut zur Essenz des Textes? Vielleicht, aber nicht zu seiner Intensität. Denn Handkes Worte sind fesselnd, oft verstörend. „Wir haben schon Schlimmeres überstanden“, sagen etwa die alten Liebenden einander: „Erinnerst du dich an deinen Abschied fürs Internat? Und die Nacht draußen im Schneesturm? Und die Nachricht vom Tod deines Vaters in der Tundra? Und der Traum, in dem ich mit meiner Mutter schlief?“ Das sind Erinnerungsstürme von der Macht eines Beckett'schen Endspiels. Oder die große, unheimliche Szene, in der „Der Dritte“ nach dem Krieg ruft und feststellt: „Was für Monster wir Ich's-ohne-den-Andern geworden sind.“ Dann die Einsicht des (westlichen) Helden: „Was aber ist meine größte Schuld? Ein Held werden zu wollen ohne Gegenspieler.“

Spieluhrmusik. Regisseur David Pountney und Choreograf Amir Hosseinpour inszenierten darauf ein gewaltiges Lazarettballett, das die Komik der tanzenden Krankenschwestern noch bestürzender macht. Doch Glass' Musik bleibt angenehm, die kleine Idylle im Argen; die Rezitative der Schuldigen und Zitternden, Irrenden und Gnädigen klingen alle gleichermaßen gefasst. Vielleicht wäre es besser gewesen, die Spieluhrmusik laufen zu lassen und darüber rhythmische Prosa zu sprechen? Am stimmigsten war die Vertonung der Szene, in denen ein ländliches Idyll beschworen wird. Mit Alphörnern.

Peter Handke immerhin war zufrieden: Er schenkte bei der Premierenfeier Philip Glass eine Maultrommel und spielte gleich selbst darauf. Und im Linzer Musiktheater kann man sehr zufrieden sein: Es hat gezeigt, was es alles an Welt auf seine Bretter bringen kann. Diese Weltwerkstatt funktioniert. Am Schluss stand das Orchester hinter all den Chören, und die „Zuschauer“ saßen auf seinen Plätzen. Eine nette Geste. Großer Jubel für alle.

Das neue Linzer Musiktheater

Philip Glass, wesentlicher Vertreter der „Minimal Music“, hat die dreiaktige Oper „Spuren der Verirrten“ nach dem gleichnamigen Stück von Peter Handke als Auftragswerk für das am Donnerstag eröffnete Musiktheater am Linzer Volksgarten geschrieben.

Dennis Russell Davis, mit Glass und seinem Werk seit Langem vertraut, dirigiert. Er ist Chefdirigent des Brucknerorchesters und der Oper des Landestheaters Linz, dessen zweite Spielstätte das Musiktheater nun ist. Regie: David Pountney. Nächste Termine: 19. und 25. 4.

„Der Rosenkavalier“, neu eingerichtet für das Musiktheater, läuft dort ab 15. April. Am 17. 4. zeigen die Wiener Elektronikmusiker Richard Dorfmeister und Rupert Huber ihre „Tosca“-Performance. Info: www.landestheater-linz.at.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.04.2013)