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"Kindern wird von klein auf gesagt: Verschönert euch!"

Stevie Meriel SchmiedelEPA
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Barbie ist ein Problem, weil sie Mädchen suggeriert, dass es nur auf Schönheit ankommt, sagt Genderforscherin Stevie Meriel Schmiedel.

Was ist so schlimm daran, dass Mädchen mit Barbiepuppen spielen?

Stevie Meriel Schmiedel:Das Problem ist nicht eine Barbie. Das Problem ist eine Welt, die an Barbie angelehnt ist. Kinder spielen mit Barbie, weil sie widerspiegelt, was sie um sich herum wahrnehmen. Zu 90 Prozent wird mit Frauen geworben, die groß, schlank und blond sind. Es gibt schon Barbies für Dreijährige mit Gurkenmaske und Accessoires aus dem Kosmetiksalon. Kindern wird also von klein auf gesagt: Verschönert euch, dann erreicht ihr das Frauenbild, für das ihr Anerkennung bekommt.

 

Aber es gibt doch auch Frauentypen bei Barbie, die Karriere machen.

Es gibt diese Barbies, etwa eine Pilotenbarbie. Die kauft aber niemand, im Spielwarenladen sind nur die ganzen Beauty- und Fashionista-Barbies zu sehen. Auch das Dreamhouse in Berlin baut darauf auf. Es gibt einen Kosmetiksalon, man darf sich verschönern, man darf den Laufsteg entlanglaufen. All das gehört zum derzeitigen Topmodelwahn dazu. Der Fokus von Mädchen in der Spielwarenwelt ist Schönheit geworden.

Soll das heißen, Barbie ist gefährlich?

Wir sagen nicht, dass jedes Mädchen, das mit Barbie spielt, eine Essstörung oder einen psychischen Schaden bekommt. Es geht um das gesamtgesellschaftliche Bild. Vor zehn Jahren hätten wir bei einem überlebensgroßen Barbie-Haus noch gesagt: so ein amerikanischer Blödsinn!

 

Wenn man sich die Verkaufszahlen ansieht, muss es bei jungen Mädchen ein Bedürfnis geben, sich mit Barbie zu identifizieren.

Schon auf dem Schulweg sehen Kinder Anzeigen von perfekt gephotoshoppten Frauen. Sie wissen, dass das ein Bild ist, für das es Anerkennung gibt. Sozialarbeiter sagen, dass noch nie so stark nach dem Äußeren bewertet wurde wie heute. 2006 haben noch 70 Prozent der Mädchen gesagt, dass sie sich wohl in ihrer Haut fühlen. Heute sind es nur mehr 47 Prozent.

 

Ist es denn grundsätzlich ein Problem, wenn Mädchen mit Puppen spielen?

Nein, überhaupt nicht. Und auch nicht bei Buben. Mit Puppen spielen trainiert soziales Verhalten und Verantwortungsbewusstsein. Es geht nicht gegen traditionell weibliche Spielformen, es geht darum, was die Spielwarenwelt in den letzten Jahren veranstaltet hat.

 

Was meinen Sie mit traditionell weiblichen Spielformen?

Spielformen, die soziales Verhalten trainieren. Das haben wir aus unserer Historie – so wie auch Männer- und Frauenrollen – über die letzten Jahrhunderte konstruiert. Und auch gebraucht, um eine stabile soziale Gesellschaft zu erhalten. Dass Männer arbeiten und Frauen sich daheim um die Kinder kümmern. Inzwischen können Frauen auf dem Arbeitsmarkt mitreden, ohne dass die Gesellschaft zusammenbricht.

 

Also möchten Sie die Struktur traditionell weiblichen und männlichen Spielzeugs aufbrechen?

Das Bestreben wäre, Mädchen früh an räumliches Denken, Mathematik und dergleichen heranzuführen – an Berufe, bei denen es zurzeit Sicherheit gibt. Und Buben haben heute viel höhere Anforderungen, als Familienväter präsent zu sein – und sie wollen das auch. Umso besser wäre es deshalb, wenn sie schon in der Kindheit soziales Verhalten trainieren.

 

Buben sollen mit Puppen spielen, Mädchen mit Technik?

Ja, nur das Problem ist, dass es so, wie es im Moment läuft, für die Wirtschaft gut funktioniert. Die Emanzipation gibt es seit 50 Jahren, das ist noch ganz frisch. Die Leute sind in Hinblick auf ihre Rollenbilder verunsichert. Und wenn man mit krassen Sexismen wirbt, auch in der Kinderspielwarenwelt, zeigt sich leider, dass es sich verkauft.

 

Vielleicht gibt es einfach nur ein Bedürfnis nach diesen traditionellen Rollenbildern.

Ich kann verstehen, dass die Produzenten lieber das machen, was funktioniert. Aber es gibt auch Gegenbeispiele: Vor Kurzem gab es eine Werbung eines Reiseanbieters mit einer Piratin, die sagte: Ich erobere die Welt. Das bekam viel Zuspruch. Ich glaube, dass das Potenzial da ist, aber es muss in vielen kleinen Schritten geweckt werden. Es scheint Konsens zu bestehen, dass wirtschaftliches Wachstum notwendig ist, aber so, wie es momentan vorangetrieben wird, schadet es unseren Kindern.

Zur Person

Stevie Meriel Schmiedel (41) ist Genderforscherin an der Universität Hamburg. Als Mitgründerin des Vereins „Pinkstinks“ kämpft sie gegen Produkte und Werbung, die Mädchen eine limitierende Geschlechterrolle zuweisen. Schmiedel ist Mutter von zwei Töchtern.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.04.2013)