Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Psychopath auf Zeit

Psychopath Zeit
Psychopath Zeit(c) REUTERS (PETAR KUJUNDZIC)
  • Drucken

Der Schauspieler Hagnot Elischka simuliert mit Kollegen psychische Krankheiten für Medizinstudenten. Daraus ist eine Theaterperformance entstanden, die nun wieder aufgeführt wird.

Vielleicht ist es der Wunsch, zu verstehen, der die vielen Zuseher ins Theater lockt. Zu verstehen, was in psychisch kranken Menschen vorgeht. Seit drei Jahren zeigt der Schauspieler Hagnot Elischka mit seinen Kolleginnen Eva Linder und Gabriele Hütter die Theaterperformance „Psychiatrie“. Und jedes Mal, wenn sie ihre Vorstellung ankündigen, ist sie wenige Stunden später ausverkauft. Deshalb hat Elischka dieses Mal kurzfristig eine zweite Vorstellung eingeschoben.

Seit 18 Jahren schlüpft der heute 56-jährige Schauspieler und Dramaturg regelmäßig in die Rolle des alkoholkranken Managers, der elf Bier am Tag trinkt, seinen Alkoholismus eigentlich ganz gut verbergen kann, aber keinerlei Krankheitseinsicht hat. Wie ein Kostüm zieht er die Leidensgeschichte des Mannes an, verkleiden muss er sich dafür jedoch nicht. Medizinstudenten sitzen ihm dann in ihrem „Explorationspraktikum: Das psychiatrische Erstinterview“ am Wiener AKH gegenüber und sollen in einem simulierten Patientengespräch das richtige, vor allem faire Fragen lernen. Im Repertoire hat er mehrere Krankheiten, darunter einen Patienten mit schizoaffektiven Störungen und religiösem Erlösungswahn und einen anderen, der an einer somatoformen Schmerzstörung leidet.

Nach dem Vorbild angloamerikanischer Medizin-Unis hat Gerhard Lenz, Psychiater und Universitätsprofessor, 1995 die Idee gehabt, auch in Wien sogenannte „standardisierte Patienten“ für Lehrzwecke einzusetzen. Dabei gab es große Bedenken; Kritiker befürchteten, dass die Schauspieler verrückt werden könnten. Hagnot Elischka ist noch nicht verrückt geworden – im Gegenteil: Das Interesse an der Arbeit hat er, Sohn eines Allgemeinarztes, in all den Jahren nicht verloren. Mehr als zwei Jahre haben er und seine Kolleginnen sich auf diese Rolle vorbereitet: „Zuerst bin ich nur gesessen und habe mich eingelesen“, erzählt Elischka, „danach wurden wir für die erste Krankheit ein Dreivierteljahr trainiert.“ Er traf etwa den echten alkoholkranken Manager, dessen Krankengeschichte er nun in- und auswendig kann, um seine persönliche Sicht zu hören und seine Verhaltensmuster einzustudieren.


Wie Schachspielen. „Als wir angefangen haben, sind uns noch schweigsame Ärzte begegnet, die bei jeder Frage des Patienten beleidigt waren. Das war auch vereinzelt bei den Studenten zu bemerken.“ Heute sei das anders, eine offene Generation von Jungmedizinern wachse nun heran. „Seit Kinder zu Hause nicht mehr geschlagen werden, haben sie eine völlig neue Sicherheit, daher müssen sie auch nicht mehr so ekelhaft zu den Patienten sein“, glaubt Elischka. Das Gespräch mit den Studenten will er weder mit Theater- noch Filmschauspiel vergleichen. „Es ist eher wie Schachspielen. Ich bin abhängig von den Fragen der Studenten.“ Er selbst könne dabei nicht führen, wohin das Gespräch geht. „Das Wichtigste an der Arbeit ist, dass ich hinterher sagen kann, wie ich mich als Patient gefühlt habe.“ Davon profitieren die Studenten so wie von der reinen Übung im Umgang mit Patienten. „Denn für jeden Arzt ist die Diagnose Stress. Allein Kopfweh kann so viel Gründe haben.“


Herzinfarkt erkennen. Längst hat sich die Lehre mit Schauspielpatienten an der Medizinischen Uni auch in anderen Fächern durchgesetzt. Seit 2010 gibt es ein eigenes Schauspielpatientenprogramm an der Wiener Uni, das Eva Trappel leitet. Insgesamt 39 Schauspieler werden in drei verschiedenen Pflichtlehrveranstaltungen eingesetzt, erzählt sie. Denn der neue Studienplan sieht verpflichtend das Fach „Ärztliche Gesprächsführung“ ab dem zweiten Studienjahr vor. Studenten sollen dabei lernen, wie man ein Anamnesegespräch führt, einen Herzinfarkt oder einen geschwollenen Lymphknoten erkennt. Später wird geübt, wie man eine Todesnachricht oder eine schwerwiegende Diagnose überbringt. Erst in höheren Semestern werden psychiatrische Fälle durchgespielt.

Vor mehr als drei Jahren kam den Schauspielern rund um Hagnot Elischka die Idee, ihre Erfahrungen in einer Theaterperformance zu verarbeiten. Daraus ist das Stück „Psychiatrie!“ entstanden, das 2010 für einen Nestroy-Spezialpreis nominiert war. „Wir erzählen von unserer Arbeit am AKH und spielen sechs unserer Krankheiten vor.“ Später kam das Stück „Trauma“ rund um die sogenannte posttraumatische Belastungsstörung dazu.

Manchmal bringt das Psycho-Schauspiel Ungeahntes zum Vorschein: Bei einer Vorlesung erkannte eine Studentin, dass sie an dem Putzzwang litt, der da gerade gezeigt wurde. Die angehende Medizinerin realisierte, dass sie selbst eine Therapie braucht.

Die Theaterstücke

Psychiatrie! Eine TheaterperformanceMontag, 15. April (ausverkauft). Zusatzvorstellung: Dienstag, 16. April, 20 Uhr. "Trauma!", Mittwoch, 17. April, 20 Uhr Palais Kabelwerk, Oswaldgasse 35A, 1120 Wien. Erreichbar UG Station Tscherttegasse, Karten: einmaligesgastspiel@gmx.net, 01/596 75 65 oder 01/802 06 50.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.04.2013)