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Versteckte Vergil seine Signatur in der "Äneis"?

Versteckte Vergil seine Signatur
Versteckte Vergil seine Signatur(c) Bibiliotheca Vaticana
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Der Philologe Cristiano Castelletti glaubt, das verschlüsselte Copyright des römischen Dichters Vergil in dessen Hauptwerk entdeckt zu haben: Als Akrostichon. Die These ist spektakulär, vieles spricht dafür.

Arma virumque cano, Troiae qui primus ab oris/Italiam fato profugus Laviniaque venit ...“ – geliebt oder ungeliebt, diese Zeilen klingen wohl den meisten Menschen noch in den Ohren, die einmal Latein gelernt haben. „Waffentat künde ich und den Mann, der als Erster von Troja, schicksalsgesandt, auf der Flucht nach Italien kam ...“

Es sind die ersten Worte von Vergils „Äneis“, dem berühmten Epos über den trojanischen Helden, der aus dem brennenden Troja flieht, lange umherirrt und schließlich die Stadt Rom gründet. Ist es vorstellbar, dass in diesem Text etwas steckt, von dem wir bisher nichts wussten? Obwohl das große Epos seit gut zweitausend Jahren gelesen und erforscht wird?

Cristiano Castelletti ist davon überzeugt. Der Altphilologe hat vor Kurzem einen Aufsatz in der Zeitschrift für Altertumswissenschaften „Museum Helveticum“ veröffentlicht. Nicht gerade ein Medium, das außerhalb von Fachkreisen für Aufmerksamkeit sorgt. Aber die These des an der Universität Freiburg forschenden Wissenschaftlers hat es in sich. In den ersten vier Versen der „Äneis“, zeigt er, habe der Dichter Publius Vergilius Maro seine Signatur versteckt, und zwar mit folgenden Worten: „A stilo M(aronis) V(ergilis)“, also „aus dem Griffel des Vergil Maro“.

 

Lesen in Schlangenlinien

Den Code, um diese Botschaft zu entziffern, kennt heute kaum noch jemand. Es ist ein Akrostichon, aber ein ganz spezielles. Beim einfachen Akrostichon (von griech. „ákros“, „Spitze“, und „stíchos“, „Vers“, „Zeile“) ergeben die ersten Buchstaben jeder Zeile untereinander gelesen ein neues Wort oder mehrere Wörter. Beim sogenannten bustrophedonischen Akrostichon muss man sowohl Anfangs- wie Endbuchstaben jeder Zeile lesen und dabei in jeder Zeile die Leserichtung wechseln, also gewissermaßen in Schlangenlinien lesen.

Schwer zu erklären, aber leicht an Vergils Versen zu demonstrieren (die zu lesenden Buchstaben sind fettgedruckt):
Arma uirumque cano, Troiae qui primus ab oriS Italiam fato profugus Lauiniaque ueniT
L
itora – multum ille et terris iactatus et altO
V
i superum, saeuae memorem Iunonis ob iraM

Zufall? Akrosticha sind eine uralte Dichtform. In einigen Bibelpsalmen enthalten 22Verse ein Akrostichon des hebräischen Alphabets, und die Anfangsbuchstaben der ersten vier Wörter des Psalms 96, 11 ergeben JHWH, also „Jahwe“. In der antiken Dichtung war die Form überhaupt weitverbreitet, mit ihrer Hilfe schafft etwa Ovid in seinen „Metamorphosen“ viele bedeutungsvolle Bezüge. Bekannt ist auch der Fisch als Erkennungszeichen früher Christen – das griechische Wort dafür, „Ichtys“, ist ein Akrostichon aus den griechischen Worten für „Jesus Christus, Gottes Sohn, Retter“.

Trotzdem bewegt sich Castelletti auf heiklem Terrain. Grotesk unseriöse Auswüchse haben die Suche nach derlei verschlüsselten Botschaften in literarischen Texten in Misskredit gebracht. Wer entschlossen ist, etwas zu finden, kann immer fündig werden. Schon Ende des 19. Jahrhunderts hat der österreichische Altphilologe Isidor Hilberg eine Sammlung von Akrosticha in lateinischen Dichtungen angelegt, die das Ergebnis „neckischer Spiele des Zufalls“ sind. Soeben erst haben zwei kasachische Wissenschaftler einen „Herstellerhinweis“ auf einen intelligenten Schöpfer oder außerirdischen Manipulator in der menschlichen DNA „gefunden“. Sie sind nicht die Ersten, auch in der Bibel glauben viele von Gott hineingeschmuggelte Codes zu finden.

 

Eine Hommage an den Dichter Aratos

Allerdings spricht noch anderes dafür, dass dieser Fall mehr als Zufall ist. Zunächst ist das „Bustrophedon-Akrostichon“ eine archaische Form, das passt zum Epos über die mythische Gründung Roms. Wichtiger ist, dass der griechische Dichter Aratos von Soloi sie geprägt hat; er versteckt ein solches Akrostichon in den ersten Versen seiner berühmten „Phainomena“ über die Sterne. Und gerade diesem Dichter erweise Vergil auch in anderen Werken seine Reverenz, zeigt Castelletti. Sogar die dem Pflügen ähnliche Form, die das Bustrophedon-Akrostichon hat, kann man als Anspielung auf den Dichter Aratus lesen (das lateinische „arare“ heißt „pflügen“, im Wort „Bustrophedon“ stecken die Wörter „Ochse“ und „pflügen“).

Dazu kommt, dass das Wort „stilus“, das Vergil hier verwendet, inhaltlich gut zur kriegerischen „Äneis“ passt. In seiner idyllischen Dichtung „Bucolica“ spricht er vom weicheren Schreibrohr „calamus“, der auch ein Musikinstrument bezeichnen kann. Der härtere, spitzere „stilus“ bezeichnete nicht nur einen Griffel, mit dem man Furchen ins Wachs ritzte, sondern auch eine Waffe.

Castellettis Entdeckung hat seine Zunft aufhorchen lassen, sie klingt plausibel, auch wenn es den „letzten“ Beweis dafür nicht gibt. Die Signatur Gottes ist es nicht, aber vielleicht die eines großen alten Dichters. Das ist aufregend genug.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.04.2013)