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Türkei: Wer braucht schon eine Handbremse

Tuerkei braucht schon eine
Istanbul(c) APA (CHRISTIAN HAMMER)
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Die Führerscheinprüfung ist oft reine Formsache, die Absolventen gefährlich ahnungslos. So sehen auch die Unfallzahlen aus. Nun greift die Regierung in Ankara durch.

Istanbul. Wer Angst vor der Führerscheinprüfung hat, sollte es einmal in der Türkei versuchen: „Im Moment sieht das so aus, dass man ein paar hundert Meter auf einer geraden Straße fährt, und dann verkündet der Prüfer: „Fahr rechts ran, du hast es überstanden“, sagt Fikret Gürsoy, Fahrlehrer in Istanbul. Er hat Prüflinge gesehen, die nicht einmal wussten, wo sich die Handbremse befindet oder wofür sie gut ist – und die dennoch den Fahrtest bestanden haben. Gürsoy will, dass das nicht mehr so weitergeht.

Er trägt einen weißen Kittel und sieht eher aus wie ein Arzt, weniger wie ein Fahrlehrer. Der 52-Jährige will den Türken beibringen, richtig Auto zu fahren. Und da hat er viel zu tun: „Die Leute kennen die einfachsten Regeln nicht“, ruft er aus, weil er es auch nach vielen Jahren in der Branche immer noch nicht richtig glauben kann: „Wenn sich zwei Autos an einer Kreuzung begegnen, geben sich die Fahrer Handzeichen, um auszuhandeln, wer fahren darf. Da geht es nicht um rechts vor links.“

Auf den Straßen Istanbuls verteilt Gürsoy als staatlich sanktionierter Verkehrsinspektor Verwarnungen an seine Landsleute, er schreibt Zeitungsartikel über Verkehrsprobleme, verfasst sogar fromme Gedichte, in denen er Gott um Hilfe im Verkehr bittet: „Gib ewige Freude den Unfalltoten – und löse unsere Verkehrsprobleme“, heißt es in einem.

100 Kandidaten pro Stunde

Himmlischen Beistand können türkische Autofahrer gut gebrauchen. Das starke Wirtschaftswachstum der vergangenen Jahre hat die Türken wohlhabender gemacht und die Zahl der Autos nach oben schnellen lassen: Derzeit rollen etwa 17 Mio. Fahrzeuge über türkische Straßen, doppelt so viele wie vor zehn Jahren.

Und das Risiko fährt mit. Das Land zählt rund 3800 Verkehrstote und 1,2 Mio. Unfälle im Jahr. Relativ gesehen ist die Gefahr, in der Türkei im Straßenverkehr ums Leben zu kommen, doppelt so hoch wie in Deutschland oder den USA.

Die Fahrschulen werben zum Teil mit Dumpingpreisen um Kundschaft und lassen auch gern den theoretischen oder praktischen Unterricht ausfallen, um Kosten zu sparen. Möglich ist das, weil die Behörden sich bisher kaum dafür interessierten.

2012 sorgte ein anonymer Istanbuler Fahrlehrer mit Geständnissen über die Missstände für Schlagzeilen. Er berichtete von staatlichen Fahrprüfern, die 100 Kandidaten in einer Stunde durchwinken. Ein in Deutschland ausgebildeter Prüfer habe dagegen neun von zehn Kandidaten durchrasseln lassen – und sei prompt versetzt worden, sagte der Fahrlehrer. Er wollte seinen Namen auch deshalb nicht nennen, weil er sich für seinen Beruf schäme, sagte der Mann.

Selbst ohne Führerschein habe man von der Polizei nur wenig zu befürchten, sagt Gürsoys Fahrlehrerkollege Ihsan Celik mit einer wegwerfenden Handbewegung. Mehr als jeder zehnte Unfallfahrer hat keinen Führerschein.

Nun wollen die Behörden andere Saiten aufziehen. Seit Jahresbeginn sind Inspektoren zu mehr unangemeldeten Besuchen erschienen als in den vergangenen 25 Jahren zusammen, sagte der zuständige Beamte Mehmet Kücük der türkischen Presse. Die Ergebnisse sind alarmierend: Nach Besuchen in rund der Hälfte der etwa 3300 Fahrschulen wurden hunderte Ermittlungsverfahren eingeleitet. Im Urlaubsort Antalya tauchte Kücük selbst ohne Voranmeldung bei vier Fahrschulen auf. Zwei waren ganz geschlossen, obwohl sie ihrem Programm zufolge für die fragliche Zeit Theoriekurse angesetzt hatten. In den anderen beiden saß kein Schüler im Unterricht.

Warum das so ist, erklärt der Istanbuler Fahrlehrer Celik: Viele Fahrschulen ließen bei Regeln und Unterrichtsanforderungen „fünfe gerade sein“, um die Kundschaft nicht zu vergraulen, sagt er. Wenn eine Schule sich an die Vorschrift hält, gehen die Leute einfach zur nächsten, die es mit der Anwesenheitspflicht nicht so genau nimmt.

Probefrist als Utopie

Verkehrsaufseher Gürsoy würde am liebsten alles umkrempeln und die Türken zu einer halbjährigen Theorieausbildung mit anschließender sechsmonatiger Bewährungsfrist am Steuer verdonnern. „Nur wenn man in den sechs Monaten keinen Unfall baut, bekommt man den Führerschein“, beschreibt er seine Vision, die im türkischen Alltag aber keine Chance auf Verwirklichung hat. Für Gürsoy ist wichtig, dass türkische Fahrer die Regeln nicht nur kennen, sondern sich auch an diese halten. „Wenn in Deutschland ein Auto nachts um drei an eine rote Ampel kommt, hält der Fahrer an“, sagt er. „In der Türkei denkt der Fahrer: ,Wer soll mich um diese Zeit schon sehen‘ und gibt Gas.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.04.2013)