Wien hat drei Opernhäuser – oder eher zweieinhalb?

Die Spielplanvorschau für 2013/14 ist vollständig, und über manche Ankündigungen grübelt der Musikfreund recht ratlos nach.

Wien hat drei Opernhäuser. Das ist wie in Berlin. Nur, dass man hierzulande darum gekämpft hat, das Theater an der Wien als „drittes Haus“ bekommen zu dürfen, während man in der deutschen Hauptstadt – mit deutlich höherem Einzugspotenzial – gerade heftig diskutierte, ob nicht eines der drei Häuser geschlossen werden sollte.

Der Coup gelang und kein Mensch fragt, ob die Kapazität in Sachen ernsthaftes Musiktheater hier nicht ein wenig übererfüllt sei. Sie ist es nicht. Oper ist im Selbstverständnis der Stadt Wien eine fixe Größe – ganz abgesehen von den Summen, die Besuche jener gut betuchten Touristenklientel, die sich für Klassik interessiert, in die Steuerkassen „zurückspült“.

Überdies ergänzen einander die Spielpläne von Staatsoper und Theater an der Wien sehr gut.

Dass sich bei stark nachgefragten Titeln wie „Fidelio“ hie und da Überschneidungen ergeben, stört wenig. Immerhin, da hat mich eine kundige Leserin jüngst zu Recht korrigiert – beide Institutionen haben ein „Anrecht“, das Theater an der Wien beherbergte lediglich die Uraufführung der Urfassung, das Vorgängerhaus der Staatsoper am Kärntnertor aber die heute bekannte Version . . .

Das Spielplanangebot könnte allerdings noch umfassender sein, würde die Volksoper es noch weiter differenzieren. Allein, „Fidelio“ spielt man demnächst auch am Gürtel, dazu Verdis „Troubadour“. Den hat man sich am Ring zwar unklugerweise „weginszeniert“, doch drohen die Festwochen ja mit eine Vervollständigung der Verdi-Trias nach „Traviata“ und „Rigoletto“. Und die bange Frage nach einer tauglichen Besetzung für Manrico, Luna und Leonora stellt sich sogar in den Musentempeln zwischen Mailand und New York.

Warum stellt man sie sich auch am Gürtel? Warum spielt man „Salome“, warum „Turandot“ auf Italienisch – statt Neil Shicoff eine späte Debütchance in einem Werk zu geben, mit dem das Angebot wirklich bereichert würde?

Und warum nicht, was sinnvoll wäre, die Verdoppelung wichtiger Kernstücke wie alle drei Da-Ponte-Opern Mozarts zur Heranführung des Publikums – in deutscher Sprache?

Ganz abgesehen von den immer nur kursorischen Versuchen mit der Spieloper, für die man ebenso wie für Mozart ein konsistentes Ensemble inklusive spürbar kompetenter musikalischer Führung benötigen würde.

Das Haus ist mittlerweile vor allem beliebt als Bühne seines wunderbaren Entertainer-Intendanten, hat aber im Übrigen wenig Profil im Ranking der „drei Opernhäuser“. Die alte Operettenkompetenz, so ätzen manche Beobachter, ist mit Robert Herzl längst nach Baden abgegangen. Wo wird die Volksoper also rangieren, wenn Robert Meyer einmal keine Lust mehr haben wird, so oft wie möglich in Eigenregie für volle Kassen zu sorgen?

E-Mails an: wilhelm.sinkovicz@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.04.2013)

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.