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Wann darf ein Künstler sich einer Katastrophe bedienen?

Damien Hirst malt nach dem Bostoner Attentat Schmetterlinge – Symbole von Tod und Auferstehung. Tröstend! Doch die Grenze zur Betroffenheitskunst ist rasch überschritten.

 

Ein Tupfen Rosa hier, ein Strich Schwarz da, langsam, langsam färbt sich der Flügel des Schmetterlings. Gestern, Dienstag, konnte man Damien Hirst über Internet live dabei beobachten, wie er Schmetterlinge malte. Früher hat er sie aufgespießt, jetzt hält er sie auf Leinwand fest, groß, bunt, kitschig. Symbole des Todes, der Auferstehung, des ewigen Lebens, vom alten Ägypten bis ins Christentum. Und wahrscheinlich war es einfach Zufall, dass der Brit-Art-Star sich gerade am Tag nach den Bostoner Bombenanschlägen an die Arbeit machte. Die zur tröstenden Trauerarbeit wurde. Tröstend, weil sie einen der Jetztzeit enthob. Weil sie die Geschwindigkeit nahm, durch den Verweis auf die Menschheitsgeschichte den Alltag relativierte. Geschieht dies mit allzu offensichtlicher Absicht, spricht man schnell von „Betroffenheitskunst“. Um diesen Begriff spinnt sich eine heftige Diskussion, vor allem, seit durch den Aufstieg dokumentarischer Konzepte Künstler Krisenherde in aller Welt ausschlachten. Wann darf sich ein Künstler einer Katastrophe bedienen? Darf er auf Kosten des Leides anderer Ruhm schinden?

Die Frage ist nicht generell zu beantworten. Nur aus dem Bauch heraus. So viele Faktoren bilden ein „Urteil“ – der Ausstellungsort, die Biografie des Künstlers, der Zeitpunkt in der Karriere etc. Nehmen wir 9/11. Darf eine relativ unbekannte junge Künstlerin versuchen, alle damals Umgekommenen zu porträtieren? Ramesh Daha darf das, sage ich. Sie ist gebürtige Iranerin. Sie war über Bekannte persönlich betroffen. Sie erledigt ihre Trauerarbeit in bescheidener, kleinformatiger Form, ohne Genie-Geste.

Der Maler Manfred Bockelmann ist der Bruder von Udo Jürgens. Das zu erwähnen ist nicht unfair, sondern ein Umstand, mit dem dieser Bruder umzugehen gelernt haben muss. Heuer wird er 70 und wollte sich einschreiben ins Bildgedächtnis. Wofür er den Holocaust wählte. Mittels zeichnerisch perfekter, großformatiger Porträts will er die Identitäten ermordeter jüdischer Kinder bewahren, will seine Elterngeneration damit kritisieren. Und das gerade im Leopold-Museum, das immer wieder, manchmal mehr, manchmal weniger zu Recht von der Kultusgemeinde wegen seiner Einstellung zu Restitution und Provenienzforschung kritisiert wird.

Mag mit des Sammlers Sohn Diethard Leopold hier jetzt auch ein anderer Wind wehen. Es ist nicht der richtige Ort für Kärntner Künstler, sich in später Betroffenheit zu üben. Nicht der richtige Ort, nicht der richtige Künstler, nicht der richtige Zeitpunkt.

Zehn Tage nach der Bockelmann-Vernissage am 25. Mai eröffnet in der Albertina die Helnwein-Ausstellung. Auch hier Kinderporträts, auch hier Schmerz, Missbrauch und Gewalt, empfunden von einer nachgeborenen Generation. Sein ganzes Lebenswerk aber hat Helnwein diesem Thema gewidmet, eine eigene Bildsprache dafür gefunden, Kämpfe dafür ausgestanden. Er hat das Kinderleid aus dem Persönlichen ins Universelle gehoben, es über die Zeit verfolgt, bis zu den Schulmördern, den Kinderkriegern. Die Puppe der Betroffenheit muss nicht Schmetterlinge gebären. Es können auch Ungeheuer sein.

 

E-Mails an: almuth.spiegler@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.04.2013)