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Dem Werk von Kraftwerk ist nichts hinzuzufügen

Karl Bartos
Karl Bartos(C) RUGE/ Website
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Die Produktion „Off The Record“ von Karl Bartos klingt wie seine Exband, nur nicht so zwingend.

Mit ihnen zog die neue Zeit: Mit „Autobahn“, „Radio-Aktivität“, „Trans Europa Express“, „Mensch-Maschine“ und „Computerwelt“ hat die deutsche Band Kraftwerk von 1974 bis 1981 ein unvergleichliches Liederbuch der Moderne geschrieben. Einer Moderne, die damals schon – durch ihren Rückgriff auf Wirtschaftswunder-Ästhetik – einen retrofuturistischen Touch hatte: Diese Zukunft war immer eine museale. Heute ist sie es sowieso. Und alle, alle, von David Bowie bis Afrika Bambaataa, haben von Kraftwerk gelernt, wie die Zukunft in Ruhrgebiet & Umgebung (sprich: in der ganzen Welt) zu klingen hat. Philip Glass und Konsorten haben es ja leider versäumt, von Kraftwerk zu lernen, wie man unfade Minimalmusik macht...

So war es auch klug von Kraftwerk, die Produktion – nach einem Nachtrag zum Thema Radfahrsport („Tour de France“, 2003) – einzustellen und ihr Werk stehenzulassen: Ihm ist nichts hinzuzufügen. Seither führen sie es nur mehr unter streng musealen Bedingungen auf: im Lenbachhaus in München, im Museum of Modern Art in New York, in der Tate Modern in London.

Nun hat doch einer etwas hinzufügen wollen: Karl Bartos, Bandmitglied von 1976 bis 1990, hat „Off The Record“ veröffentlicht, ein Album, für das er seine musikalischen Notizen aus seiner Kraftwerk-Zeit aufgearbeitet hat. Die Stücke tragen Namen wie „Atomium“, „Nachtfahrt“, „Vox Humana“, „The Binary Code“, „Rhythmus“, „Hausmusik“; sie heißen also, wie Kraftwerk-Stücke eben heißen. Sie klingen auch so: Neue-Welt-Melodien in Neue-Heimat-Sounds über Chemie-Linz-Rhythmen (um es einmal auf Oberösterreichisch zu sagen). Aber sie sind nicht so zwingend wie die Stücke aus dem Kraftwerk-Kanon, und die Texte sind, mit Verlaub, nicht nur schlicht, wie sie sein sollen, sondern auch schlecht, und das müssten sie nicht sein.

Karl Bartos kommuniziert mit Ralf Hütter, dem letzten Mann der Originalformation, nur mehr via Anwalt, heißt es. Das ist schade. Aber man könnte Hütter gut verstehen, wenn er sich über die Veröffentlichung seines Exkollegen ärgerte. Oder ist eine öffentliche Versöhnung längst geplant? Zwei Maschinenmenschen, die einander auf der Bühne mit starrem Ausdruck die Hand geben, während die Originale in der Garderobe ins Bier weinen, das hätte schon etwas.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.04.2013)

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