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Begegnung mit dem Meister der Anführungszeichenperformance

Nachdem ich jedes zweite Wort in einem Sozusagen-Sinne aufgefasst hatte, bekam ich die Frieselfieberbockerlfraß.

 

Gerade hat mich mein transdisziplinärer Kollege (Ethiker, Frisurenhistoriker, Skrotumologe) eine Dreiviertelstunde lang vollgequasselt, bis ich das Gefühl bekam, ich krieg gleich die Fraisen. Falls Sie nicht wissen, was die Fraisen sind, seien Sie froh. Denn die Fraisen sind kein Osterspaziergang, sondern unsere Bockerlfraß.

Dass die Reichen auch nur Menschen sind, die sich den Hintern wischen müssen; dass der nordkoreanisch über beide Ohren Ausrasierte, dessen Frisör vermutlich bereits hingerichtet wurde, den Amerikanern eine Atombombe draufhauen will; dass, wenn das Bienensterben so weitergeht, die Menschheit laut Einstein in vier Jahren ausgestorben sein wird; dass man in einem Wiener Sushi-Restaurant in den Teufelsfischröllchen Ikea-Fleisch vom Elch entdeckt hat; dass heute generell zu wenig nachgedacht und allgemein zu viel gebumst wird, was zur Folge hat, dass dort, wo das Hirn sitzen sollte, immer öfter das Skrotum herumwabert; dass, wer A sagt, auch B sagen muss, statt uns gleich mit dem C zu kommen (womöglich dem Hohen), was aber voraussetzt, dass das Skrotum dort sitzt oder hängt, wo es sitzen oder hängen sollte...

...so hat mich mein Kollege vollgequasselt. Ich hab dann die Fraisen gekriegt, gleich zusammen mit einem Anfall Frieselfieber. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie das ausschaut: du nicht mehr du selbst, hochrot im Gesicht, aus dem Hemdkragen dampfend, mit Nervenflecken am ganzen Körper, der zitterrochenartig vor sich hin zittert. Angeblich nennt sich das Ganze unter den medizinethnologischen Liebhabern der schönsten historischen Krankheitsbezeichnungen „Frieselfieberbockerlfraß“. Macht nostalgisch, oder? (Die Krankheiten sind eben auch nicht mehr das, was sie einmal waren.)

Grundsätzlich bin ich ein geduldiger Zuhörer, schließlich höre ich, in der Alles-verstehen-Haltung des pragmatisierten Philosophiebeamten, seit Jahrzehnten meinen Kollegen zu, wenn sie mich beiseitenehmen, um mir zu offenbaren, welche Probleme ihnen auf den Nägeln – die sie sich, als infantile Nägelbeißer, bis zum Nagelbett abgebissen haben – wirklich brennen. Ich höre geduldig zu, und ich schwör's, mir entkommt kein Zucken, egal, ob es mich schon überall krampft und juckt, es sei denn, mein Kollege, der Ethiker, Frisurenhistoriker und Skrotumologe, hat mich gerade eine Dreiviertelstunde lang vollgequasselt.

Denn dieser Transdisziplinäre auf der Höhe des Multitasking beherrscht eine im Exzellenzbereich der Fachkommunikation oft nur dilettantisch performte Soft-Skill-Geste, die er bei praktisch jedem zweiten Wort einsetzt. Es handelt sich dabei um die sogenannte Anführungszeichengeste. Man signalisiert durch das zweimalige U-Hakerl-förmige Krümmen des Zeige- und Mittelfingers der rechten und der linken Hand, die man beide bis auf Augenhöhe hochschnellen lässt, dass das eben Gesagte nicht wörtlich, sondern – weil sozusagen in Anführungszeichen gesetzt – in einem Sozusagen-Sinne zu nehmen und aufzufassen sei.

Nachdem ich also eine Dreiviertelstunde lang praktisch jedes zweite Wort meines transdisziplinären Kollegen, des Ethikers, Frisurenhistorikers und Skrotumologen, in einem Sozusagen-Sinne genommen und aufgefasst hatte, bekam ich die Frieselfieberbockerlfraß. Übrigens: unmöglich, dieses Wort auszusprechen, ohne den auf Augenhöhe hochgeschnellten Zeige- und Mittelfinger der rechten und der linken Hand zwei Mal U-Hakerl-förmig zu krümmen... Versuchen Sie's ruhig, Sie werden schon sehen!


E-Mails an: peter.strasser@uni-graz.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.04.2013)