Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Fall Özal: Mordanklage gegen General

Turgut Özal
Turgut Özal(c) REUTERS (FATIH SARIBAS)
  • Drucken

Die Staatsanwaltschaft in Ankara wirft Ex-General Levent Ersöz vor, anno 1993 den damaligen Staatspräsidenten, Turgut Özal, durch Gift beseitigt zu haben.

Ankara. Ein Hollywood-Drehbuchautor hätte die Geschichte nicht spannender erfinden können: Hohe Militärs eines Nato-Landes sind beunruhigt, weil dessen Staatspräsident gegen den Willen der Armee einen Krieg beenden will. Über Wochen werden dem Präsidenten also kleine Giftmengen ins Essen gemischt. Als er schließlich zusammenbricht, hat sein Leibarzt zufälligerweise frei. Also wird der sterbende Präsident mit einem klapprigen Krankenwagen von einem Krankenhaus ins nächste kutschiert. Herzinfarkt, lautet die offizielle Todesursache. Die Leiche wird nicht obduziert.

Nun, so aber haben sich nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft in Ankara die letzten Wochen im Leben des am 17.April 1993 gestorbenen türkischen Präsidenten, Turgut Özal, abgespielt. Einen Tag vor dem Jahrestag von Özals Tod (und damit einen Tag vor einer allfälligen strafrechtlichen Verjährung) nahm das zuständige Gericht eine Anklageschrift an, in der von Mord an Özal die Rede ist. Beschuldigt wird Levent Ersöz, ein Ex-General, der wegen Putschvorbereitungen im Rahmen der rechtsgerichteten Gruppe Ergenekon in Untersuchungshaft ist. Die Anklage verlangt lebenslange Haft. Einen Termin für den Prozess gibt es noch nicht.

 

Giftspuren im Leichnam

Ersöz weist die Vorwürfe zurück: Zur Zeit von Özals Tod sei er im südosttürkischen Kurdengebiet im Dienst gewesen, weit weg von Ankara. Auch andere Ungereimtheiten gibt es: Nachdem Sonderermittler den Tod Özals als verdächtig eingestuft hatten, wurden die sterblichen Überreste im Vorjahr exhumiert und untersucht. Doch obwohl man Giftspuren fand, waren die Gerichtsmediziner nicht sicher, ob es genug war, um zu töten.

Der damals 65-Jährige soll kurz vor seinem Tod an der friedlichen Beilegung des Kurdenkonflikts gearbeitet haben, der 1993 schon fast ein Jahrzehnt lang getobt hatte. Die Kämpfe mit den kurdischen PKK-Rebellen festigten den Machtanspruch der Militärs und verhinderten lange Zeit wichtige politische Reformen. Hardliner wie Ersöz sollen versucht haben, eine Konfliktlösung zu verhindern.

Die Vorwürfe der Justiz gegen den Ex-General stützen sich zum Teil auf Aussagen im Prozess gegen die mutmaßlichen Mörder von zwei türkischen und einem deutschen Christen in Malatya im Jahr 2007. In diesen Verfahren sprach ein Zeuge von einer Sondereinheit der Armee namens Abteilung für Nationale Strategie und Operationen der Türkei (Tushad), die von 1993 – dem Todesjahr Özals – bis zum Jahr 2008 bestanden haben soll. Tushad soll auch hinter den Christenmorden von Malatya gesteckt haben. Eine Anfrage des Gerichts beim Generalstab in Ankara, ob Tushad wirklich existiert habe, blieb bisher ohne Antwort.

Freilich erwähnte auch ein Zeuge im Ergenekon-Prozess eine Ermordung des Ex-Präsidenten durch Ersöz, der zu Tushad gehört haben soll. Aufschlussreich ist nach Presseberichten vor allem, dass Zeugen von einer Schwermetallvergiftung sprachen, noch bevor die Gerichtsmediziner in Istanbul Özals Leiche untersucht hatten.

 

Witwe: „Er war ein Märtyrer“

Özals Witwe, Semra, forderte gestern, Mittwoch, am Todestag ihres Mannes, die staatliche Anerkennung des Ex-Präsidenten als „Märtyrer“: Schließlich sei er „im Dienst ermordet“ worden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.04.2013)