Schulhoff: Meister des "Manifests"

Meister Manifests
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Erinnerung an den Komponisten Erwin Schulhoff.

Die NS-Morde an den Komponisten der „Prager Schule“, wie man die musikalische Moderne der Dreißigerjahre in Prag bezeichnen könnte, haben den Gang der Musikgeschichte entschieden beeinflusst – oder jedenfalls die Anschauung, die die Nachkriegsgeneration von der musikalischen Moderne entwickeln konnte. Die „Wiener Schule“ um Arnold Schönberg dominiert in einem vielleicht doch überdurchschnittlichen Maß. Die dank der Aktivitäten von Vereinigungen wie „ExilArte“ vorangetriebene Wiederentdeckung der Musik von Erwin Schulhoff, um nur den prominentesten Vertreter zu nennen, belehrt uns eines Besseren. Es gab da neben den avantgardistischen, alle harmonischen Bande zur Tradition lösenden Bestrebungen der Wiener ganz andere Denkweisen, die auch willig Klänge der Unterhaltungsmusik einbezogen.

Von den Nazis inhaftiert. Schulhoff war auch Jazzmusiker – und sein Schaffen umfasst eine Spannbreite, die es ihm ermöglichte, witzig-spritzige Stücke und eine höchst ernst gemeinte oratorische Vertonung des Kommunistischen Manifests unter einen Hut zu bringen. Die russische Staatsbürgerschaft hatte man ihm bereits verliehen, doch hatte er in Verkennung der Realpolitik seine Ausreise aus dem „Reichsprotektorat“ zu spät betrieben. Er starb, von den Nationalsozialisten inhaftiert, während der Arbeit an seiner Achten Symphonie in der bayerischen Festung Wülzburg. Das „Duo DS“ (David Delgado und Stefan Schmidt) hat nun das Gesamtwerk Schulhoffs für Violine und Klavier eingespielt. Sonaten und Suiten, die seinen Standpunkt zwischen der Moderne Bartókscher Prägung, Jazz und kühneren harmonischen Schichtungen erfahrbar machen – und die Bewunderung für die handwerkliche Perfektion des Komponisten steigen lassen, der solch disparate Ansätze mühelos (und oft wirklich inspiriert) zu vereinigen hilft. (Gramola 98982)

„Lost Generation“. Die CD ergänzt die vor einiger Zeit erschienene „Lost Generation“-Ausgabe, die in Interpretationen der Flötistin Ulrike Anton und des English Chamber Orchestras die Flötensonate und das Doppelkonzert op 63 enthalten (nebst einer expressiven, originell „neotonal“ gesetzten Kammersymphonie des ebenso tragisch ums Leben gekommenen Viktor Ullmann). Die bittere Frage, welch reiche Blüten die musikalische Moderne hätte treiben können, stellt sich dringlich – man hört hier große Versprechungen einer hintertriebenen Zukunft . . . 

Schulhoffs Werk für Violine und Klavier, eingespielt vom „Duo DS“. (Gramola 98964)

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