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„Eva sagt, ich habe Mundgeruch...“

Konrad Kujau
Konrad KujauPresse Archiv
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Die „Hitler-Tagebücher“: Vor dreißig Jahren ging ein großer Zeitungsverleger einem kleinen Gauner auf den Leim. Der Fälscher Konrad Kujau fertigte für den „Stern“ 62 angebliche Tagebücher des „Führers“ – eine Blamage.

Im Jahr 1983, vor dreißig Jahren, ging das Nachrichtenmagazin „Stern“ des großen Journalisten Henri Nannen einem kleinen Gauner in die Falle. Und es kostete nicht nur Millionen an D-Mark, sondern Image. Jahrelang hatte das Pendant zum „Spiegel“ mit der Blamage zu leben. Die „Stern“-Journalisten glaubten an den größten Volltreffer der Zeitungsgeschichte – es sollte der peinlichste Reinfall werden: Adolf Hitlers angebliche Tagebücher, aufgefunden in der DDR, wo in den letzten Kriegstagen ein deutsches Flugzeug mit SS-Mannschaft und geheimnisvoller Fracht abgestürzt war.

 

Presserummel ohnegleichen

Am 25.April 1983 lud der „Stern“ zu einer internationalen Pressekonferenz in sein Verlagshaus, hunderte Reporter eilten zu dieser „Weltsensation“. Der renommierte Reporter Gerd Heidemann hielt mehrere Tagebücher in Händen und ließ sich in Siegerpose damit ablichten. „Große Teile der deutschen Geschichte müssen umgeschrieben werden“, posaunte der „Stern“. Warum eigentlich? Man dürfte den banalen Inhalt nicht gekannt haben. Anders ist das unerklärlich.

Am 28.April erschien der erste Teil der spektakulären Serie mit dem Knüller: „Hitlers Tagebücher entdeckt!“ Die Auflage wurde um 400.000 Exemplare auf 2,2 Millionen gesteigert, der Preis um 50 Pfennig auf 3,50DM erhöht. Eine wahre Sensation. „Newsweek“ schickte schon die Verlagsspitze nach Hamburg, um an dem Millionenprofit mitzunaschen, der sich ja unschwer einstellen musste.

 

„Der Spiegel“ reagierte sauer

Peinlich, äußerst unangenehm für den schärfsten Konkurrenten in Gestalt von „Spiegel“-Herausgeber Rudolf Augstein. Nach kurzer Schrecksekunde schrieb er sich schon am 2.Mai 1983 säuerlich seinen Frust von der Seele: „Müssen wir uns diesen Quatsch gefallen lassen?“ und „Ja, das alles sollen wir glauben.“ Auch Augstein war sich also nicht sicher.

„Ich werde ab sofort meine politischen Unternehmungen und Gedanken in Notizen festhalten...“

So lässt Kujau den „Führer“ sein Tagebuch beginnen, und zwar 1932.

Am 5.Mai 1983 wurde klar, dass es sich um Fälschungen handelte. Einbände, Klebematerial und Papier waren nicht aus den Vierzigerjahren, stellte das Bundeskriminalamt fest. Der „Stern“ hatte zu diesem Zeitpunkt bereits 62 Bände gefälschter Tagebücher um sagenhafte 9,3 Millionen DM erworben.

Erstaunlich, dass sich angesichts des offensichtlichen Unsinns trotzdem „Experten“ fanden, die die Echtheit der Tagebücher bestätigten. Das war wohl die schwärzeste Stunde für den Hitler-Kenner Trevor-Roper und etliche Kollegen. Schon die großen goldenen Buchstaben auf dem Einband hätten auffallen müssen: „F. H.“ in Franklin-Fraktur. Man versuchte dafür abenteuerliche Erklärungen zu finden: „FH“ = „Führer Hitler“, oder „Führerhauptquartier“. Im Film „Stonk“ wurde diese Köpenickiade grandios verspottet: „Führers Hund“.

Mit den Briefköpfen der Reichsleitung der NSDAP, die Kujau als Echtheitszertifikat verwendet hatte, war auch ein großer Teil der Tagebuchkladden ausgestattet worden. Und die geforderten Schriftproben des „echten Hitler“ hatte er gleich selbst angefertigt. Nicht nur der renommierte Historiker Eberhard Jäckel ging dem (damals noch anonymen) Fälscher auf den Leim.

 

Der rasende Reporter Heidemann

Der Fälscher hieß Konrad Kujau, der den Reporter Heidemann angesichts der unwahrscheinlichen Sensation blind werden ließ. Kujau wurde später wegen Betruges zu vier Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt, jedoch bereits nach drei Jahren wegen seiner schweren Kehlkopfkrebserkrankung entlassen. Er starb im Jahr 2000. Reporter Heidemann wurde wegen Unterschlagung einiger Millionen, die er vom Verlag für den Tagebuchlieferanten bar auf die Hand bekam, ebenfalls verurteilt. Bis heute schwört er, dass er alles Geld Kujau abgeliefert habe.

Dabei schien die „Stern“-Redaktion in Heidemann den besten Zeitgeschichte-Reporter zu besitzen. Er hatte schon mehrere exklusive Volltreffer gelandet und war ein äußerst kritischer und penibler Rechercheur. Der „Stern“ schrieb über ihn: „Kollegen nennen ihn neidlos den hartnäckigsten, raffiniertesten Reporter in Deutschland, den zähesten Spürhund, der sich denken lässt.“

Eigentlich hatte Heidemann schon zum 31.Dezember 1980 gekündigt, weil die linksliberale Redaktion für diesen „Spürhund“ kaum mehr Verwendung hatte. Er war ihr wegen seines ausgeprägten Interesses an alten Nazis und deren Nachlass suspekt geworden.

Sein an Obsession grenzendes Interesse an Nazi-Themen ging auf die Freundschaft mit Edda Göring zurück, Tochter des protzigen Reichsmarschalls, der in Nürnberg gehenkt worden war. Edda Göring brachte Heidemann auf die Idee, die bereits ziemlich angerostete Luxusjacht ihres Vaters, „Carin II“, von einem Bonner Druckereibesitzer zurückzukaufen. Heidemann versetzte all seine Habe und besaß seit 1973 den Rostkübel mit großer Vergangenheit.

 

Görings Jacht „Carin II“

Allmählich wurde die Jacht zur Pilgerstätte vieler „Ehemaliger“, so lernte Heidemann auch den früheren SS-General Karl Wolff kennen. Der einstige Himmler-Stabschef und spätere „Höchste SS- und Polizeiführer“ in Italien war nach dem Krieg zwar verurteilt, aber von der Haft verschont geblieben. Er nahm sich des NS-närrischen Reporters an und führte ihn bei vielen Altnazis in ganz Europa ein. Zunächst dachte der „Stern“-Mann nur an ein Buchprojekt.

So kamen die beiden auf die Spur eines geheimnisvollen „Herrn Fischer“, der in der DDR saß und angeblich Hitlers Tagebücher wie einen Schatz hütete. Heidemann war elektrisiert. Es gab sie also tatsächlich! „Fischer“ zeigte dem „Stern“-Reporter eine derartige Mappe. In Wahrheit war es Kujau. Vorsichtig informierte Heidemann seine Redaktion: „Ich bekomme die Hitler-Tagebücher!“ Aber Vize-Chefredakteur Koch knurrte nur: „Bleib mir mit deinem Tick vom Leibe!“ Mehr noch: Er strich dem Reporter die Reisespesen...

 

Die Redaktion einfach umgangen

Heidemann wäre nicht der viel gelobte „zähe Spürhund“ gewesen, hätte er jetzt klein beigegeben. Dann musste man eben über die Verlagsleitung gehen, unter Ausschaltung der Redaktion! Ein Verlagsleiter fand sich, der seinen Vorstandsvorsitzenden Manfred Fischer von Gruner + Jahr hellhörig machte, den Eigentümer des „Stern“.

Ein Sonderkonto wurde eingerichtet, die inzwischen dreiköpfige „Taskforce“ zog aus der „Stern“-Zentrale aus und arbeitete in einem unauffälligen Nebengebäude des Verlags. Der mittlerweile eingeweihte Herausgeber Henri Nannen legte falsche Spuren, „um unter allen Umständen zu vermeiden, dass uns die Geschichte kaputtgemacht würde“.

Die Räuberpistole, die Kujau dem Reporter erzählte, die ging so: Am 20.April 1945 habe Hitler seinem Diener Wilhelm Arndt die bisher geheimen Tagebücher anvertraut, mit dem Befehl, sie aus Berlin in Sicherheit zu bringen. Arndt flog ab. Das Flugzeug stürzte ab, über der späteren DDR. Hitlers Chefpilot Hans Baur, der Kommandeur der Führerflugstaffel, berichtete, der Diktator sei „erregt“ gewesen, als er es erfuhr: „Ich habe ihm außerordentlich wichtige Akten und Papiere anvertraut, die der Nachwelt Zeugnis von meinen Handlungen ablegen sollten!“ So erzählte Baur.

Und ausgerechnet der „Stern“ hatte nun das Mirakel entschlüsselt! Es wurde die Absturzstelle gefunden, sogar noch Wrackteile des vermissten Flugzeugs. Drei Jahre war Heidemann auf der Fährte.

 

Hitler „zieht“ immer

Peter Koch war inzwischen „Stern“-Chef geworden. Er schwärmte über die „größte journalistische Sensation der Nachkriegszeit“ – womit er durchaus recht gehabt hätte, wenn es gestimmt hätte. Er löste ein internationales Medienspektakel aus. Von Tokio bis New York verbreitete sich ein Sturm um den „Führer“. Hitler zog – und zieht – noch immer. Die Diskussion füllte tagelang Zeitungsspalten und TV-Sendezeiten: Auch der letzte der prominenten Historiker, Grafologen und Kriminologen wurde aufgeboten, seinen Beitrag zu der Diskussion über Hitlers Tagebücher zu leisten.

Aber keiner dieser Experten überlegte, wann denn Adolf Hitler dafür Zeit gehabt haben soll. Bei keinem Mitglied aus seiner Entourage findet sich der leiseste Hinweis. Weder Albert Speer, Hitlers Liebling, noch die Adjutanten, Diener oder Sekretärinnen haben so etwas je erwähnt. Der Einzige, der penibel Tagebuch zur eigenen höheren Ehre führte, war Joseph Goebbels. Und der hätte des Chefs Eigenart sicher irgendwann erwähnt.

 

Der „Führer“ war schreibfaul

Alle bekannten Gewohnheiten Hitlers sprachen gegen einen solchen Fund. Die Vormittage verschlief der Mann, die Nachmittage waren randvoll mit Besprechungen, nach dem Abendessen gab es die obligatorische Kinovorführung. Und dann jenes „zwanglose“ Beisammensein, vor dem allen Betroffenen graute: schwerfällige Monologe des „Chefs“ bis nach Mitternacht. Wenn er nicht einschlafen konnte, las er, am liebsten Werke zur Geschichte und Architektur. Gern markierte er mit dem Bleistift Stellen, die ihm wichtig erschienen.

Außerdem war er notorisch schreibfaul. Dass Hitler 62 Bände eigenhändig mit schwarzer Tinte gefüllt haben sollte – wer wollte das glauben? Hitler diktierte seit 1933 fast alles.

Noch dazu waren die angeblichen Eintragungen banal bis lächerlich. Der Fälscher setzte den chronologischen Beginn „seiner“ Tagebücher auf den 19.November 1932, als Hitler Großindustrielle traf.

„Eva sagt, ich habe Mundgeruch.“ Oder, 1936: „Schmerzen im Gedärm.“

Konrad Kujau dürfte es beim Schreiben vor Lachen gebeutelt haben.

Nach der Reichspogromnacht vom 9.November 1938 notierte „Hitler“ alias Kujau: „Es geht nicht, dass unserer Wirtschaft durch einige Hitzköpfe Millionen- und Abermillionenwerte vernichtet werden. Sind diese Leute denn verrückt geworden? Was soll das Ausland dazu sagen? Werde sofort die nötigen Befehle herausgeben...“

 

„Kleintierzüchter Himmler“

Nach dem missglückten Attentat im Münchener Bürgerbräukeller gab es diverse Vermutungen, dass womöglich Heinrich Himmlers SS dahinter gesteckt habe. Das nützte Kujau für den bemerkenswerten Eintrag gegen den bisher doch so „treuen Heinrich“ am 11.November 1939: „...nachdem ich ihm angedroht habe, ihm [sic!] wegen der Anschuldigungen in Polen, wegen Missachtung meiner Befehle vor ein Parteigericht zu stellen? Dieser hinterhältige Kleintierzüchter mit seinem Drang zur Macht, dieser undurchsichtige Buchhaltertyp wird mich auch kennenlernen.“

Was in den restlichen Tagebüchern noch an Banalitäten verpackt ist, weiß bis heute so gut wie niemand. Konrad Kujaus Machwerke lagern im untersten Keller des Verlagsgebäudes in Hamburg unter Verschluss. Schade eigentlich.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.04.2013)