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Comic: Generationen des Leids

Comic Generationen Leids
Comic Generationen Leids(c) EPA (EVERETT KENNEDY BROWN)
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Chris Wares »Jimmy Corrigan« wurde in den USA als Jahrhundertcomic gefeiert: ein Äquivalent zum modernen Roman. Nach über einer Dekade liegt es endlich auf Deutsch vor.

An Vorschusslorbeeren mangelt es der Veröffentlichung nicht: „Ein weiterer Meilenstein zur Demonstration dessen, was Comics sein können“, urteilte etwa Kollege und Mentor Art Spiegelman, der mit „Maus“ selbst einen Meilenstein für die Mainstream-Akzeptanz von Comics als Kunst schuf. Und vom American Book Award über den Eisner Award bis zum Preis für den besten Comic bei Europas größtem Branchenfestival in Angoulême ist „Jimmy Corrigan, the Smartest Kid on Earth“ von Chris Ware seit seiner US-Veröffentlichung als Gesamtband im Jahr 2000 mit Preisen überhäuft worden. Auch das Magazin „Time“ setzte Wares Werk neben „Maus“ oder „Watchmen“ auf die Liste der zehn besten Graphic Novels, die es 2005 seiner Liste der 100 besten Romane zur Seite stellte.

Und nach 13 Jahren gibt es dieses Schlüsselwerk der jüngeren Comicgeschichte nun auf Deutsch: „Jimmy Corrigan – der klügste Junge der Welt“, ein fast 400 Seiten dicker Hardcover-Prachtband (samt genauer Rekonstruktion der verschiedensten verwendeten Schriftarten und des stets etwas zu klein wirkenden Hand-Letterings), erschienen zur Leipziger Buchmesse.

Ein angemessener Rahmen: Denn in seiner gewöhnliche Lesegewohnheiten sprengenden Form ist Wares Buch ein Comicäquivalent zum modernen Roman. Ausgangsbasis ist ein denkbar minimales Sujet: Das eher elende Leben des bedeutungslosen Büroangestellten Jimmy Corrigan, eingewoben in Fragmente einer hauptsächlich niederschmetternden Familiengeschichte.

Das deutsche Feuilleton bemühte denn auch gleich die „Great American Novel“ unter besonderer Erwähnung von Jonathan Franzens „Die Korrekturen“ als Vergleich. Aber Ware hat solche Ansätze eher zurückgewiesen: Bei allen anspruchsvollen ästhetischen Einfällen ist sein Buch – egal wie literarisch man es interpretieren will und kann – durch und durch ein Comic und in zahlreichen Details von der Geschichte dieser Kunst geprägt.

Aber es ist doch auch etwas mehr: Schon das Erscheinungsbild bricht aus den üblichen Maßstäben aus. Entfaltet man den Buchumschlag, wird er zum Poster mit Diagrammen, kleinen Bildfolgen und Hinweisen, darunter „Einordnen unter: Ratgeberliteratur“. Und auch in der eigentlichen Comic-Handlung wird zwischendurch mit Bastelbögen, Schaubildern oder weiteren, auf den ersten Blick nicht zu entschlüsselnden Diagrammen aufgewartet.


Verlangsamung des Blicks. Abgesehen davon variiert Ware immer wieder die Anordnung der Panels. Kleinteiligere Zwischenspiele zwingen zum Ändern der Leserichtung, grafische Elemente sorgen für ungewöhnliche Abtrennungen. Eine Einheit von Inhalt und Form ist spürbar: Die Verlangsamung des Blicks entspricht dem quälenden Stillstand in Corrigans Leben, den peinlichen Pausen in Gesprächen, aber auch der Verarbeitungszeit, die es für die kühnen Gedanken- und Erzählsprünge des epischen Comicromans braucht.

Denn einerseits ist die Grundhandlung ganz einfach: Jimmy lebt in Chicago, der einzige soziale Kontakt sind tägliche Telefonate mit der dominanten Mutter. Bis eines Tages ein Brief ankommt: Sein Vater, den er nie kennengelernt hat, möchte Jimmy treffen. Er besucht ihn zu Thanksgiving, doch die gegenseitige Fremdheit ist schwer zu überwinden, auch wenn Jimmy viel über seine Familie lernt. Teils ist das aus treffsicher behaupteten Alltagsdetails gebaut – von unangenehmen Erlebnissen bei der Urinprobe im Hospital zum rührenden Versuch des Vaters, dem Sohn näherzukommen, indem er ihm ein „Hi“ aus Speckstreifen auf den Frühstücksteller legt. Doch durchzieht den Comic von Anfang an eine Traumebene: Verstörende Fantasien, in denen Jimmy seine Frustrationen gewalttätig auslebt oder Parallelwelten, in die er flieht. Schon der Untertitel ist pure Ironie: Die Existenz als „klügster Junge der Welt“ hat sich der deprimierte Jimmy ausgedacht, angefeuert von der tröstlichen Kraft der Comics. So speist Superman seine Visionen eines würdigeren Daseins. Das wird mit zwei Panels beiläufig demontiert: Der Mann im Cape, sprungbereit auf dem Hochhausdach – dann liegt er tot auf der Straße.


Ewige Einsamkeit. Eine andere Parallelhandlung rechtfertigt das Lob als Jahrhundertcomic: Jimmys gleichnamiger Opa leidet im Vorfeld der Chicago World's Fair 1893 unter seinem herrischen Vater (ihm fehlt die im Kindbett gestorbene Mutter). Ware entwirft eine Chronik der Generationen des Leids, die Ewigkeit der Einsamkeit wird schon durch das Erscheinungsbild der Hauptfigur betont. Als Kleinkind hat Jimmy bereits das Gesicht eines alten Mannes, als Mann hat er noch immer infantile Züge. Bei aller Bitterkeit in der Handlung ist „Jimmy Corrigan“ dennoch ein Werk über den Trost: Weil Ware die Tragödie des Daseins dermaßen einfühlsam schildert.

Das ist übrigens semiautobiografisch inspiriert: Auch Ware kannte seinen Vater nicht und traf ihn nur einmal (als er schon jahrelang in Serienform am Buch arbeitete). Wares durchgängige Komposition in klaren, geometrischen Formen schafft dabei nicht nur Rückhalt im Ineinandergreifen der Erzählebenen, sie dient auch als Anleitung für das Begreifen von Jimmys Welt – ein Mensch in der Masse – als Puzzle, das durch die Lektüre zusammengesetzt, gewürdigt werden muss. Mit der 2012 in den USA publizierten Box „Building Stories“ ist Ware seither noch weiter gegangen: Die enthält 14 Teile, von diversen Comics über Poster bis zu aufklappbaren Designs – Geschichten aus einem Gebäude, die zur Geschichte zusammengebaut sein wollen.

Zum Autor

Chris Ware wurde 1967 in Omaha, Nebraska geboren.

Seine Laufbahn als Comiczeichner begann Ware bei der Studentenzeitung der University of Austin, „The Daily Texan“. Er weckte dabei das Interesse von „Maus“-Autor Art Spiegelman und durfte in dessen einflussreichem Comicmagazin „RAW“ publizieren.

Ware rebellierte mit seiner „Acme Novelty Library“ gegen die Konventionen des Verlagswesens, seit der 16. Edition der Serie publiziert Ware im Selbstverlag.

„Jimmy Corrigan“ war als Serie in dieser Library und Chicagoer Wochenzeitungen erschienen, die Publikation als Gesamtwerk im Jahr 2000 wurde hymnisch gefeiert und mit Preisen überhäuft. Nun gibt es das Buch bei Reprodukt auf Deutsch (384 Seiten, 39 Euro).

„Building Boxes“ folgte 2012, eine Art Gesamtkunstwerk aus 14 verschiedenen Elementen. Daneben beteiligt sich Ware an Neuausgaben von ihm geliebter Klassiker wie „Krazy Kat“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.04.2013)