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Windräder: Fürchten wir uns ins Krankenhaus?

Fuerchten Krankenhaus
Fuerchten Krankenhaus(c) APA (Helmut Fohringer)
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Machen Windräder krank? Weltweit leiden Menschen unter Infraschall, den die Kraftwerke verursachen sollen. Forscher haben eine andere Erklärung für das mysteriöse Leiden: den Nocebo-Effekt. Nicht die Windräder, die Angst vor ihnen soll krank machen.

Dienstag Mittag in Japons. Besonders gefährlich wirkt das Leben in der kleinen Waldviertler Ortschaft nicht. Verirrt sich kein Auto in die 250-Seelengemeinde, ist außer Vogelgezwitscher nichts zu hören. Und dennoch: Glaubt man manchen Einwohnern, lauert in Japons eine unsichtbare und lautlose Gefahr. Ein knappes Dutzend Windräder, das die Nachbargemeinde Geras vor Japons Toren aufstellen will, soll die Einwohner um Schlaf und Gesundheit bringen.

„Viele hören ein Surren, ein Sausen in der Nacht“, sagt Gemeindeärztin Irmgard Schnabl zur „Presse am Sonntag“. „Wir haben Bedenken, dass wir umzingelt werden.“ Denn die Windräder aus Geras sind nur ein kleiner Teil der Windkraftoffensive im Wald- und Weinviertel. Landeshauptmann Erwin Pröll hat ein ehrgeiziges Ziel vorgegeben: Bis 2030 sollen 950 Windräder im Land stehen – mehr als doppelt so viele wie heute. Die 41-jährige Medizinerin will gegen das ankämpfen. „Aus Sorge um die Gesundheit der Anrainer.“

Tatsächlich klagen immer mehr Menschen, die in Nähe von Windparks leben, über Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Übelkeit, Stimmungsschwankungen, Schwindel und Gedächtnislücken. Schuld daran sollen die Windräder sein, die mit ihren Schwingungen nicht hörbaren Infraschall aussenden. Die Krankheit ist so häufig, dass sie einen eigenen Namen bekommen hat: Das „Wind Turbine Syndrome“.


Elefanten und Wale. Für das menschliche Ohr sind die niederfrequenten Schwingungen in einer Tiefe unter 20Hertz üblicherweise nicht hörbar. Spürbar sind sie für besonders empfindliche Menschen aber durchaus, schreibt die deutsche Kinderärztin Nina Pierpoint in ihrem Buch über die angebliche Epidemie. Nur Elefanten, Giraffen oder Blauwale könnten auch hören, was diese Menschen über die Haut wahrnehmen. Medizinische Belege, dass die raschen Druckveränderungen, die der Infraschall auslöst, wirklich Leiden auslösen, gibt es aber nicht.

Klar ist nur: Infraschall ist keine Erfindung der Windkraftbauer. Auch Bäume produzieren Infraschall, wenn der Wind weht. Ebenso Ebbe und Flut oder der menschliche Körper. Und das, ohne gleich für eine Massenepidemie verantwortlich gemacht zu werden. Woher kommt dann aber das reale Leiden der Betroffenen? Die jüngste These: Nicht die Windräder machen krank, sondern die Angst vor ihnen.


Der böse Zwilling. Vor wenigen Wochen hat sich ein Forscherteam in Neuseeland angeschickt, die Theorie zu überprüfen. Keith Petrie und seine Kollegen von der University of Auckland in Neuseeland haben untersucht, ob der sogenannte Nocebo-Effekt die Ursache für die Krankheitswelle sein könnte. Nocebo ist der lange unterschätzte „böse Zwilling“ des bekannteren Placebo-Effekts. Er umschreibt die Kraft negativer Gedanken. Die Geschichte der Medizin kennt zahlreiche Fälle, in denen der feste Glaube, dass der Patient nur wenige Wochen vor dem Tod steht, selbst kerngesunde Menschen das Leben gekostet hat. Und auch, wer den Beipackzettel eines Medikaments sorgfältig nach Nebenwirkungen durchsucht, kann sicher sein, dass er die eine oder andere Beschwerde spüren wird, so eine Studie aus dem Jahr 2011. Jeder dritte der 1,5 Millionen chronischen Schmerzpatienten in Österreich „verdankt“ sein Leiden angeblich dem Nocebo-Effekt.

Auch Menschen, die alle möglichen Beschwerden auf Elektrosmog zurückführen, werden von der Wissenschaft nicht unterstützt. Die Weltgesundheitsorganisation WHO sieht keinen Zusammenhang zwischen elektromagnetischen Feldern und den Beschwerden der Menschen. Alles, was bleibt, ist der Nocebo-Effekt.

Bei Windrädern ist es nicht anders, sagen die Autoren der neuseeländischen Studie. Um das zu belegen, haben sie 54 Studenten in zwei Gruppen geteilt: Eine bekam ein Video über die negativen Folgen von Infraschall zu sehen, vollgepackt mit Informationen, die im Internet auffindbar waren. Die zweite Gruppe nicht. Anschließend wurden die Teilnehmer wieder geteilt und in unterschiedliche Kammern geführt. In einer wurden sie Infraschall ausgesetzt, in der anderen einem Placebo – nämlich Stille. Das Ergebnis: Wer im Vorfeld über negative Folgen von Infraschall informiert wurde, berichtete weit häufiger von Symptomen– ganz egal, ob er tatsächlich Infraschall ausgesetzt war oder nicht.


Rotorblätter bringen Unruhe. „Das Thema Infraschall ist heikel“, räumt auch die Waldviertler Gemeindeärztin Irmgard Schnabl ein. „Wir können es nicht beweisen.“ Die Medizinerin ist sehr bedacht darauf, nicht über das Ziel hinauszuschießen. Kein Wunder. Wer in den Kampf zwischen Windkraftlobby und den Kritikern eintaucht, landet schnell auf Internetseiten, die seriöse Studien und reine Propaganda wie selbstverständlich aneinanderreihen. Das kann sich die Ärztin nicht leisten und will sich daher auf handfestere Probleme konzentrieren. „Die Menschen stecken ohnedies ständig im Schallpegel und im Elektrosmog“, sagt sie. Da würden die Windräder nicht helfen. „Schon das Drehen der Rotorblätter bringt Unruhe.“


Infraschall entlarvt Atomtests. Ihr Mitkämpfer Fritz Mandl ist weniger zurückhaltend. Österreich müsse endlich aufhören, das Problem zu ignorieren, fordert der pensionierte Architekt und zieht ein Bündel an Studien über die angebliche Gesundheitsgefahr durch Infraschall aus der Tasche.

Es zeigt sich: Weltweit kämpfen Betroffene darum, nicht mehr als Spinner hingestellt und endlich ernst genommen zu werden. In den Neunzigerjahren haben die Bewohner der Kleinstadt Taos in New Mexico erreicht, dass sich der US-Kongress mit den schwer messbaren Tönen beschäftigte, die als „Taos Hum“ bekannt wurden. Die Ursache wurde nie gefunden. Bis Mitte der Siebzigerjahre wurden die Luftdruckschwankungen in der Atmosphäre auch untersucht, weil so oberirdische Atomwaffentests nachgewiesen werden konnten. Als die Atomtests unter die Erde wanderten, verschwanden auch die Studien über Infraschall.

Die Datenlage ist sehr dünn, sagt auch das deutsche Umweltbundesamt. Eine Studie des Robert-Koch-Instituts für die deutsche Bundesregierung hat immerhin vermerkt, dass Infraschall wahrnehmbar ist und Auswirkungen haben kann. Mehr aber nicht. Betroffenen hilft das wenig. Geht es nach Fritz Mandl, gebe es eine einfache Lösung: Der Mindestabstand der Windparks zu den Häusern müsse von derzeit 1,2 Kilometern auf mindestens zwei, besser noch drei Kilometer erhöht werden. Ähnliche Entfernungen sind auch in Großbritannien oder Australien üblich.

Keith Petrie, Autor der Nocebo-Studie, bezweifelt, dass ein größerer Abstand zu Windrädern wirklich Abhilfe schaffen würde. Wenn es stimmt, dass ein Großteil der Beschwerden in den Köpfen der Menschen entsteht, müsse man bei der Information ansetzen, fordert er. Mehr Aufklärung und umfassendere Studien seien vonnöten, damit sich Anrainer nicht auf Papiere der Lobbygruppen im Internet verlassen müssten.


Flucht ins Funkloch. Ansonsten bleibt den Infraschall-Opfern nur noch der radikale Weg, den ihre Leidensgenossen in den USA erprobt haben: die Flucht ins Wind- und Funkloch. In den vergangenen Jahren sind Dutzende Amerikaner, die unter Elektrosmog leiden, in die 147-Seelen-Gemeinde West Bank in West Virginia gezogen, berichtet das Magazin Slate.

Die Regierung betreibt dort eines der größten Observatorien, und damit keine elektromagnetischen Wellen die Arbeit stören, wurde die Region kurzerhand zur „U.S. National Radio Quiet Zone“ ernannt. Es gibt kein Handy, kein Radio, keinen Fernsehempfang. Genau das hat im Jahr 2007 auch Diane Schou und ihren Ehemann angezogen. „Das Leben ist nicht perfekt hier“, sagt sie im Interview mit dem Magazin. „Es gibt keine Geschäfte, keine Restaurants, kein Spital in der Nähe. Aber wenigstens bin ich hier gesund. Ich kann Dinge machen und liege nicht die ganze Zeit mit Kopfschmerzen im Bett.“

Lexikon

Infraschall ist Schall, dessen Frequenz unterhalb von 16Hertz liegt. Er ist für das menschliche Ohr kaum wahrnehmbar, wird aber von manchen als gesundheitsstörend erlebt. Eine mögliche Quelle für Infraschall sind Windräder.

Nocebo-Effekt heißt wörtlich übersetzt „Ich werde schaden“. Der Begriff steht für die Kraft, die negative Gedanken auf die Gesundheit des Menschen haben können. Kurz gefasst: Wer glaubt, dass er krank ist, wird es vermutlich auch.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.04.2013)