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Jubelfeiern wie beim Tod Osama bin Ladens

Jubelfeiern beim Osama Ladens
Jubelfeiern beim Osama Ladens(c) EPA (DOMINIC CHAVEZ)
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Nach vier Tagen war der Spuk vorbei.

Nach 96 Stunden war der Albtraum des Ausnahmezustands zu Ende, der Belagerungszustand der letzten 24 Stunden aufgehoben, der der ehrwürdigen Neuengland-Metropole die Luft abgeschnürt hatte. Am Freitagabend, exakt um 20.58 Uhr, hatte die Bostoner Polizei die erlösende Botschaft via Twitter abgesetzt, im atemlosen Telegrammstil der neuen Medien: „Wir haben ihn!!! Die Jagd ist zu Ende. Der Terror ist vorbei. Die Gerechtigkeit hat gesiegt. Verdächtiger in Haft.“

Dzohar Tsarnaev, der 19-Jährige mit dem von Locken umrahmten Bubengesicht, der drei Millionen Bewohner im Großraum Boston in Angst und Schrecken versetzt hatte, war geschnappt – unter der Plane eines Boots im Vorgarten eines Hauses in der Franklin Street in Watertown. Erleichterung sprach aus den Worten des Langzeit-Bürgermeisters Thomas Menino: „Heute Nacht können die Bürger von Boston wieder ruhig schlafen.“ Hunderte dachten indes vorerst nicht an Nachtruhe, sie schrien sich den Jubel von der Seele.

Als sich die Nachricht wie ein Lauffeuer verbreitete, da drängten viele aus den verbarrikadierten Häusern und den abgeriegelten Vorstädten hinaus in die Nacht, um ihren Emotionen freien Lauf zu lassen. Ob auf dem Boston Common, dem ältesten Park des Landes im Herzen Bostons, auf dem Fenway Park – der Heimstätte der Red Sox, des Baseball-Teams – oder in Watertown: Hupkonzerten gellten, die die gespenstische Stille durchbrachen, die Stunden über der „Geisterstadt“ gelegen hatte. College-Studenten der nahen Elite-Unis und Nachbarn lagen sich in den Armen, wie bei einer Siegesfeier der Red Sox oder des Eishockeyteams der Boston Bruins, die ihre Heimspiele abgesagt hatten.


Im patriotischen Taumel. Wie zur Selbstvergewisserung skandierten sie im patriotischen Taumel „USA, USA, USA“ oder „Boston Strong“, sie schwenkten das Sternenbanner und jubelten den Sonderkommandos der Polizei zu. Zu Hunderten prasselten die Huldigungen auf das „Boston Police Department“ ein. Auf eilfertig fabrizierten Transparenten malten sie „Thank you, Police“. Sie klatschten Polizisten mit „High-Five“ ab, und sie spreizten die Finger zum Victoryzeichen. „Gott segne Amerika“, rief ein Polizeioffizier durchs Megafon.

Streifenpolizist Sean Collier hatte zuvor bei einem Schusswechsel mit den Attentätern an der Eliteschmiede MIT in Cambridge sein Leben gelassen. Und an der Boylston Street, der von Blumen und Kerzen übersäten Gedenkstätte für die drei Opfer des Attentats des Boston-Marathons am Feiertag des Patriot's Day am Montagnachmittag, intonierte ein einsamer Dudelsackpfeifer „Amazing Grace“, das anrührende Trauerlied.


9/11-Reminiszenz. Die öffentliche Aufwallung der Gefühle war eine Reminiszenz an die Nacht des 1. Mai 2011. Nachdem Präsident Barack Obama Sonntagnacht in einer TV-Ansprache den Tod des Staatsfeindes Nummer eins, Osama bin Laden, verkündet hatte, strömten Studenten vors Weiße Haus in Washington, in New York kamen Hunderte auf dem Times Square und dem „Ground Zero“ zu spontanen, improvisierten Jubelkundgebungen zusammen. Es war, als müssten sie ein Gespenst bannen, das sie fast ein Jahrzehnt verfolgt hatte. Ein archaischer Racheinstinkt brach sich seine Bahn – wie jetzt auch in Boston.

Wieder hatten Terroristen, ein aus Tschetschenien stammendes Brüderpaar, die Wunden einer traumatisierten Nation aufgerissen. Auf der Jagd nach beiden „Blutbrüdern“, so die Schlagzeile der „New York Post“, ließ der Staat ein martialisches Polizeiaufgebot aufmarschieren, das an einen Bürgerkrieg gemahnte – an Belfast, Beirut oder Bagdad. Zu Tausenden schwärmten FBI-Sonderkommandos, Swat-Teams, bis zu den Zähnen bewaffnet, mit Maschinenpistole im Anschlag und auf Hummer-Panzerfahrzeugen durch Bostons Vorstädte, um Haus für Haus zu durchkämmen.

Boston, der selbst ernannte „Mittelpunkt des Universums“, war einen Tag lang wie ausgestorben: leere Stadtautobahnen, freie Parkplätze, geschlossene Büros, Läden und Restaurants, gesperrte Schulen. U-Bahnen und Busse blieben in der Remise. Eine Stadt hatte sich eingebunkert – wie nach einem Hurrikan oder einem Blizzard: ein postapokalyptisches Szenario. Barack Obama hatte beim Besuch im Massachusetts General Hospital am Donnerstag symbolhaft die Red-Sox-Kappe aufgesetzt und sich an seine Zeit als Harvard-Student erinnert. Als Metapher für die Nation zitierte er das Beispiel des 78-jährigen Marathonläufers Bill Iffrig. Die Bombendetonation hatte ihm im Finish die Beine weggezogen, er rappelte sich auf und rettete sich ins Ziel.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.04.2013)