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Öl und Gas aus Schiefer bremsen Russlands Wirtschaft

Schiefer bremsen Russlands Wirtschaft
Schiefer bremsen Russlands Wirtschaft(c) AP (SERGEI CHUZAVKOV)
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Sollte die Produktion von Energieträgern aus Schiefergestein einen globalen Durchbruch feiern, gerät Russlands Bruttoinlandsprodukt ordentlich in Bedrängnis. Wie ernst die Situation ist, zeigt sich am Konzern Gazprom.

Moskau. Lange Zeit haben die russischen Rohstoffkonzerne die aufkommende Produktion von Öl und Gas aus Schiefergestein für eine ephemere Laune besserwisserischer Amerikaner gehalten und kleingeredet. Es brauchte die Warnung von Staatschef Wladimir Putin, um die Verantwortlichen der Sektoren im Inland wachzurütteln: Der Boom beim Schiefergas dürfte den globalen Energiemarkt „ernsthaft“ verändern, sagte er im Vorjahr: „Die russischen Energiekonzerne müssen jetzt auf diese Herausforderung antworten.“

Wie ernsthaft die Herausforderungen für den russischen Gas- wie auch den Ölsektor werden könnten, hat eine Studie des Instituts für Energieforschung (INEI) der Russischen Akademie der Wissenschaften und das Analysezentrum der russischen Regierung dargelegt. Ein Durchbruch bei der Förderung aus Schiefergestein in anderen Weltgegenden könnte den russischen Export von Gas und Öl in den kommenden zehn bis 15 Jahren um über 20 Prozent verringern, heißt es in dem Papier.

Zwar bliebe Russland, das selbst übrigens immer schwerer zugängliche Lagerstätten erschließen muss, auch dann noch der weltgrößte Exporteur von Energieträgern. Deren Beitrag zum Bruttoinlandsprodukt aber ginge um ein Drittel zurück, was unter Berücksichtigung der Auswirkungen auf verwandte Sektoren das BIP-Wachstum im Vergleich zu den jetzigen Regierungsprognosen um einen Prozentpunkt verlangsamen würde. Gewiss, das Szenario beruht auf der Annahme, dass die unkonventionelle Art der Rohstoffgewinnung aus Schiefergestein tatsächlich einen weltweiten Durchbruch feiert. Das ist heute noch nicht ausgemacht, wirft die Massenförderung doch immer noch viele offene Fragen auf – darunter die der Umweltverträglichkeit.

 

Gazprom kürzt Investitionen

Doch zeigen sich schon erste Auswirkungen auf den globalen Märkten: Weil die USA Selbstversorger beim Gas geworden sind, leitete der Flüssiggasexporteur Katar von 2009 an seine Exportströme aus den USA nach Europa um. Das an der Börse gehandelte und in Tankern transportierte Flüssiggas aber ist billiger als das über Langfristverträge und fixe Preisformeln durch Pipelines exportierte Gas aus Russland. Die Folge: Europäische Konzerne drängten den russischen Gaskonzern Gazprom zur Lockerung der Verträge und sogar zu Rückzahlungen.

Sollte den USA ein ähnlicher Erfolg beim Öl gelingen, so würde sich der russische Ölexport bis zum Jahr 2040 um 50 Mio. Tonnen verringern, schreiben die Studienautoren. Zur Einordnung: Im Vorjahr hat Russland laut Energieministerium 217,5 Mio. Tonnen Öl und 186,1 Mrd. Kubikmeter Gas exportiert.

Vizewirtschaftsminister Andrej Klepatsch zufolge wird Russlands Wirtschaft heuer nicht wie angenommen mit 3,6 Prozent wachsen, sondern lediglich mit 2,6 Prozent. Grund der Verlangsamung sei, dass Gazprom weniger exportiert habe und nun weniger investieren werde. Tatsächlich hat Gazprom im Vorjahr um 7,5 Prozent weniger auf seinem lukrativsten Markt Europa verkauft als 2011. Rechnet man die Rückzahlungen von etwa 3,3 Mrd. Euro an europäische Konzerne, wie dies durch das veränderte Marktumfeld vertraglich begründet ist, und die erhöhte Fördersteuer im Inland hinzu, so hat Gazprom um 37 Prozent weniger verdient als 2011. Die Folge: Das Unternehmen kürzt sein Investitionsprogramm um 28 Prozent.

Auf einen Blick

Russlands Energiekonzerne bekommen Konkurrenz durch die Gewinnung von Öl und Gas aus Schiefer, die derzeit vor allem in den USA forciert wird. Eine Studie der Internationalen Energieagentur vom November kommt zum Schluss, dass die USA bis 2017 zum größten Ölproduzenten und schon bis 2015 zum größten Gasproduzenten der Welt aufsteigen. Heuer werden die USA erstmals mehr Öl im eigenen Land fördern, als sie importieren, teilte das US-Energieministerium Ende März mit.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.04.2013)