Risiko: Der Verstand ist willig, aber schwach

Verstand Finanzkrise
Verstand Finanzkrise(c) REUTERS (ALEX DOMANSKI)
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Wir denken schlampig, berechnen Risken falsch, lassen uns bereitwillig manipulieren. Drei Bücher beschäftigen sich mit den Grenzen der Ratio und spekulieren über Gründe für die Finanzkrise.

Stellen Sie sich vor, Sie sind ein Truthahn. Und zwar einer, der rechnen kann. Am ersten Tag Ihres Lebens kommt ein Mann. Er ist freundlich und füttert Sie. Am zweiten Tag kommt er wieder, und erneut erhalten Sie Futter. So geht das Woche für Woche, nach drei Monaten könnten Sie ausrechnen, wie wahrscheinlich es ist, dass der Mann auch am nächsten Tag put, put sagen und Sie mit Nahrung versorgen wird. Dafür existiert eine Formel, Pierre Simon de Leplace hat sie abgeleitet und sie ergibt: Die Wahrscheinlichkeit liegt bei fast 100Prozent.

Der nächste Tag ist aber Thanksgiving!

Das Truthahnbeispiel ist eines von vielen, mit denen Gerd Gigerenzer, Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin, seine These belegt, dass wir Menschen uns schwertun, Risken zu berechnen, dass wir uns auf Erfahrungen berufen, auf Zahlen und Daten, die wir im Laufe der Zeit gesammelt haben, dabei aber neue Informationen übersehen, die für die Einschätzung der Lage unerlässlich wären. Und er zieht eine Parallele zur Unfähigkeit von Experten, Finanzkrisen vorherzusagen.

Wer an Geld denkt, wird individualistischer

Gigerenzers „Risiko“ gehört zu einer ganzen Reihe von Büchern, die sich in jüngster Zeit mit den Grenzen des menschlichen Verstandes beschäftigt, am ausführlichsten und auch kundigsten wohl Daniel Kahneman, dessen Lektüre am meisten schmerzt: „Schnelles Denken, langsames Denken“ raubt dem Leser die Illusion, seine Entscheidungen seien so rational, wie er das gerne hätte. Bewährungsrichter etwa bewilligten nach dem Essen 65Prozent der Anträge auf bedingte Entlassung, während vor der nächsten Pause die Quote gegen null sank: Hungrige oder müde Richter belassen lieber alles, wie es ist. Ein anderes Beispiel zeigt, wie alleine der Gedanke an Geld unser Verhalten beeinflusst: Probanden mussten aus vorgegebenen Wörtern Sätze bilden, anschließend wurden sie gebeten, zwei Stühle in einen Raum zu tragen, wo sie sich mit einem Unbekannten treffen würden. Fanden sich unter den vorgegebenen Wörtern Begriffe wie „Geld“, stellten sie die beiden Sessel weiter auseinander! 118 Zentimeter gegen 80, das ist deutlich. Übrigens reichte es, wenn Monopoly-Geld auf dem Tisch lag, und die Probanden wünschten sich mehr „Privatsphäre“. Umgekehrt erhöht der Anblick eines Augenpaares unsere Bereitschaft, etwas zum Gemeinwohl beizutragen: Über der Kaffeekasse einer britischen Universität hing abwechselnd ein Poster mit einem Blumenmotiv und eines mit einem Augenpaar: Die Blumen änderten nichts, aber die Augen ließen die Benutzer der Kaffeeküche das Dreifache spenden.

Kahneman erläutert also auf 624 Seiten, wie rasch wir irren, wie leicht wir uns manipulieren lassen – sogar dann, wenn wir uns dessen bewusst sind. Denn das Wissen um die Manipulation verblasst mit der Zeit, während die manipulierenden Bilder, Zahlen, Formulierungen unbewusst fortwirken.

Gerd Gigerenzer dagegen hat seinen Band „Risiko“ mit einem Hoffnung machenden Untertitel versehen: „Wie man die richtigen Entscheidungen trifft“: Der Mensch mag keinen Sinn für Statistik haben – auch Experten offenbar nicht, Ärzte etwa liegen regelmäßig grob daneben, wenn sie einschätzen sollten, wie wahrscheinlich ein Aids-Test falsch positiv ausfällt. Aber dagegen ist ein Kraut gewachsen, das Rechnen in Prozenten kann man erlernen, die Ergebnisse von Berechnungen kann man publizieren – und Aufklärung leisten. Im Bericht der US-Untersuchungskommission zu den Anschlägen des 11.September vermisst Gigerenzer etwa Maßnahmen zur Vermeidung dessen, was er den „zweiten Schlag der Terroristen“ nennt. Nach den Anschlägen stieg nämlich die Zahl der tödlichen Verkehrsunfälle an. „Dadurch kamen schätzungsweise 1600 Amerikaner bei dem Versuch, das Risiko des Fliegens zu meiden, auf der Straße ums Leben.“

Auch Rolf Dobellis Band „Die Kunst des klugen Handelns“ gibt Handlungsanweisungen, er listet typische Denkfehler auf und gibt Tipps, wie man sie vermeidet. Nicht immer gibt es freilich einen Ausweg: Beim Monkey-Business-Experiment etwa wurde Probanden ein Video mit einem Basketballmatch vorgespielt, sie sollten zählen, wie oft sich die weißen Spieler den Ball zuwarfen. In der Mitte des Films spazierte ein als Gorilla verkleideter Student übers Feld und trommelte sich auf die Brust. Am Ende hatten die Teilnehmer am Experiment brav gezählt – doch als man sie fragte, ob ihnen der Gorilla aufgefallen wäre, meinte die Hälfte: „Was für ein Gorilla?“

Man kann übrigens mit dem Wissen um das Tier das Video ansehen, man wird es dann natürlich bemerken – aber die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass man aus lauter Konzentration auf den Gorilla etwas anderes übersieht: Dass nämlich der Hintergrund die Farbe wechselt. Dobelli spricht von einer „Aufmerksamkeitsillusion“, auch er zieht eine Parallele zur Finanzkrise: Übersehen wurden in diesem Fall „die Risken in den Bankbilanzen, die bis 2007 niemand beachtete, bevor sie ein Jahr später das Finanzsystem kollabieren ließen“.

Bestseller

Gerd Gigerenzers Band „Risiko“ (Bertelsmann, 396Seiten) erklärt, warum wir uns vor Haien und Terroranschlägen fürchten, vor Autounfällen nicht. Daniel Kahneman erkundet in „Schnelles Denken, langsames Denken“ (Siedler, 624Seiten) die Grenzen der Vernunft. Rolf Dobelli liefert Handlungsanweisungen: „Die Kunst des klugen Handelns“ (Hanser Verlag, 248 Seiten).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.04.2013)

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