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Bei der diplomierten Vakuumtherapeutin

Sie reicht mir ein Vakuumfläschchen. Da drinnen ist nichts. Anschauen genügt, aber nicht öfter als drei Mal am Tag.

Ich setze mich hin. Ich schaue sie an. Meinen Mund mache ich nicht auf. Das ist so üblich. Ihr Gesicht ist weder erwartungsvoll noch nicht erwartungsvoll. Bei mir gibt's nichts zu erwarten, aber auch nicht nichts zu erwarten. So also sitze ich ihr gegenüber, bei offenen Fenstern, wegen des Vakuums. Ich habe schon davon gehört: Man soll das Vakuum nicht einschließen. Das eingeschlossene Vakuum soll den Nachteil haben, mental zu gelieren.

Weil ich nicht weiß, wie ich mir ein mental geliertes Vakuum vorstellen soll, mache ich meinen Mund auf: „Wie...?“ Diese Frage will ich nicht beiseitelassen, obwohl ich eigentlich ohnehin nicht weiß, was ich beiseitelassen könnte. Deswegen sitze ich hier, im Alternativbereich der diplomierten Vakuumtherapeutin: um mir etwas gegen meinen Zwang, das Beiseitezulassende nicht einfach beiseitelassen zu können – unter Fachleuten als „Vakuumisierungsneurose“ (Horror Vacui) bekannt –, verschreiben zu lassen. Und zwar etwas Wirksames!

Laboriere ich etwa daran, dass es mehr Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, als sich unsere Schulmedizin träumen lässt? Oder weniger? Doch bevor ich noch meinen Mund aufmache, erwidert sie, ganz diplomierte Vakuumtherapeutin, mir bereits sanft: „Lassen wir das am besten einfach einmal beiseite...“ Ich bin gleich hingerissen, jawohl, hier ist der Alternativbereich: Seit Jahren plage ich mich damit herum, etwas beiseitezulassen – Sie kennen das sicher auch, dieses Nicht-beiseitelassen-Können des am besten einfach einmal Beiseitezulassenden, oder? –, und plötzlich geht es. Einfach so.

Ja, so geht's. Ich spüre, wie mein Horror Vacui von mir weicht. Immerhin will ich die Frage nicht beiseitelassen, die den Grund meines Hierseins auf- und umrührt: „Wie geht das?“ Doch bevor ich meinen Mund, den ich noch gar nicht aufgemacht habe, wieder zumache, erwidert mir die diplomierte Vakuumtherapeutin bereits sanft: „Es ist das Vakuum.“ Klar, das Vakuum. „Und zwar verdünnt.“ Dazu müssen alle Fenster geöffnet sein. Damit das Vakuum hereinkommt, und wieder hinaus. Im Durchzug nämlich verdünnt sich's. So lange, bis es ist, was es sein soll.

Es ist dann – aufgepasst! – vakuumisiertes Vakuum. Für Laien kommt das möglicherweise ein wenig überraschend, es ist indessen hoch- bis höchstwirksam. Die diplomierte Vakuumtherapeutin reicht mir sanft ein Fläschchen vakuumisierter Vakuumglobuli. Da drinnen ist quinquaginta-millesimal verdünntes Vakuum, praktisch weniger als nichts! Anschauen genügt, nicht öfter als drei Mal pro Tag. Ich schaue ein Mal hin, und schon habe ich das Gefühl, dass ich das Beiseitezulassende am besten einfach beiseitelassen sollte.

Jawohl, beiseitelassen, „das Gehupfte wie das Gesprungene“, um einen populäralternativen Hupfspringer (übrigens ein Scharlatan!) zu zitieren: Ende der Sitzung, macht, bitte schön, 400 Euro (Cash). Immerhin will ich die Kardinalfrage meines Hier-, ja meines Daseins überhaupt, nicht einfach beiseitelassen: „Vakuumisiertes Vakuum – war's das, was ich, der ich bisher nichts Beiseitezulassendes beiseitelassen konnte, mein Leben lang beiseiteließ?“ Da höre ich die diplomierte Vakuumtherapeutin, noch bevor ich meinen Mund aufmache, aber nachdem ich die 400 Euro (Cash) berappt habe, sanft erwidern: „Lassen wir das einfach beiseite...“ Wenn ich mit diesem Fläschchen fertig bin, soll ich mir ein neues abholen kommen. Bei offenen Fenstern, versteht sich, und leider nicht auf Krankenkasse. Schade, aber lassen wir das einfach beiseite.


E-Mails an: peter.strasser@uni-graz.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.04.2013)