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Der gelernte Österreicher

Die Staatsbürgerschaft ist kein Geschenk, aber auch kein unerreichbares Privileg. Wer sie erwerben will, für den sollte ein kleiner Test keine allzu große Hürde sein.

Als der Staatsbürgerschaftstest im Jahr 2006 eingeführt wurde, zog er Spott und Kritik nach sich. Zu dämlich, zu schwer, zu provokant seien die Fragen. Manche Passagen in den Lernunterlagen waren tatsächlich fehlerhaft und mussten vom Innenministerium aus dem Netz genommen werden. Auch schlecht gemacht ist das Gegenteil von gut gemeint.

Denn die Idee an sich ist nicht verwerflich – auch wenn das beispielsweise die Grünen anders sehen. Warum sollten sich Zuwanderer mit Staatsbürgerschaftsambition nicht mit dem Land und seiner Geschichte auseinandersetzen müssen, in dem sie leben wollen?

Nun wurde der Test ohnehin überarbeitet, relativ umsichtig noch dazu. Heikle Fragen („Wann wurde die zweite Türkenbelagerung abgewehrt?“) wurden ebenso wie potenzielle Fangfragen („Wer war der erste Bundespräsident der Zweiten Republik, den das Volk wählte?“) gestrichen. Wobei freilich auch die Frage nach dem Ende der Türkenbelagerung zulässig ist. Man kann die Streichung einer solchen Frage sensibel finden, darin aber auch einen Ausdruck vorauseilenden Gehorsams gegenüber den Vorgaben der Political Correctness sehen. Ob sich Zuwanderer türkischer Herkunft durch diese Frage wirklich diskriminiert fühlten, sei dahingestellt.

Neben der historischen Wissensvermittlung liegt der Schwerpunkt nun vor allem auf der demokratischen Grundordnung Österreichs – unter besonderer Berücksichtigung ethischer Fragen. Dagegen ist auch nichts zu sagen, wenngleich es ein wenig oberlehrerhaft daherkommt, wenn etwa in den Lernunterlagen gefragt wird: „Was kennzeichnet die Menschenwürde?“ Nicht jeder Migrant wird das erst lernen müssen.

Abgesehen von dieser leichten „Vater Staat erzieht seine fremden Kinder“-Attitüde ist die Republik Österreich gerade dabei, ihren Außenauftritt zu attraktivieren. Bereits an den Botschaften im Ausland soll es eine Erstbetreuung von Staatsbürgerschaftsaspiranten geben, und im Inland werden regionale Beratungsstellen geschaffen. Österreich darf also (ein wenig) Kanada werden, die Benchmark in Sachen Zuwanderung.

Der alte „Das Boot ist voll“-Reflex ist einem pragmatischen Zugang gewichen: Österreich benötigt Zuwanderung. Etwa zur Schließung der Lücke im Pensions- und Facharbeiterbereich. Und am besten ist es eben, es kommen jene, die man wirklich braucht, die sich selbst erhalten und auch den Gegebenheiten anpassen können. Und die auch bereit sind, etwas für die Staatsbürgerschaft zu tun: einen Test zu absolvieren zum Beispiel.

Im Gegenzug ist auch die Republik Österreich bereit, mit dem neuen Staatsbürgerschaftsgesetz einen Schritt auf die Zuwanderer hin zu tun: Statt wie bisher nach zehn Jahren wird man künftig nach sechs Jahren einen Pass beantragen können, entsprechende Deutschkenntnisse vorausgesetzt.

Denn das sollte – historische Fragen hin, moralische Fragen her – immer noch das Hauptkriterium sein: sich in der Sprache des neuen Heimatlandes verständigen zu können.

Und auch wenn wir gern anderes glauben – und der Eindruck etwa in Wien tatsächlich ein anderer ist: Allzu viele Menschen aus dem Ausland – vor allem die Qualifizierten – wollen gar nicht zu uns. Wie eine jüngst veröffentlichte Studie beweist, derzufolge Österreich bei der gezielten Zuwanderung von Arbeitsmigranten aus Drittländern in der OECD auf dem letzten Platz liegt. Ähnliches gilt für Akademiker.

So attraktiv, wie wir glauben, sind wir also gar nicht. So unattraktiv freilich auch nicht. Ein österreichischer Pass ist für viele Menschen nach wie vor ein (unerfüllbarer) Traum. Wer die Möglichkeit hat, ein solches Dokument zu erlangen, für den sollte ein Staatsbürgerschaftstest die geringste Hürde sein.

Und – noch einmal eine OECD-Studie – wer die Staatsbürgerschaft besitzt, identifiziert sich auch deutlich stärker mit dem Land, in dem er lebt. Dazu trägt – in einem an Symbolik immer ärmeren Staatswesen – auch die Symbolik bei: Staatsbürgerschaften sollen künftig wieder im Rahmen eines Festakts verliehen werden, Bundeshymne inklusive. Gut so.

PS: Die Antworten lauten übrigens: 1683 und Theodor Körner. Aber das muss man jetzt eh nicht mehr wissen.

 

E-Mails an: oliver.pink@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.04.2013)