Biomasse liefert über 50 Prozent der erneuerbaren Energie. Für den weiteren Ausbau reicht der Wald nicht, sagt Biomasse-Präsident Jauschnegg.
Die Presse: Darf man das Verbrennen von Holz wirklich zu den erneuerbaren Energiequellen zählen?
Horst Jauschnegg: Ich bin absolut davon überzeugt, dass das eine erneuerbare Energieform ist. Denn Holz ist ja ein nachwachsender Rohstoff. Wir haben in Österreich die Situation – und auch die gesetzlichen Vorgaben –, dass weniger genutzt wird als nachwächst.
Viele sehen das anders. Laut einer Studie der Universität Princeton sind Bäume, wenn sie verbrannt werden, sogar schädlicher als Kohle. Der CO2-Ausstoß über 20 Jahre sei 79 Prozent höher, weil auch ein Baum fehlt, der CO2 aus der Luft holen würde.
Wenn man sich nur die Modellannahmen der Studien ansieht, muss man sagen: Das Ergebnis ist richtig. Leider werden die Studien aber ohne Forstexperten erstellt. Man sagt: Der eine Baum ist weg und vergisst, den ganzen Wald anzuschauen. Der ist in dem Jahr aber um mehr als diesen Baum gewachsen, der gefällt wurde. Die anderen Bäume kompensieren den einen Baum.
Haben wir grundsätzlich genug Holz für Biomasse in Europa?
In Österreich gibt es immer noch ein Potenzial – wir nutzen derzeit nur 85 Prozent des jährlichen Zuwachses.
Dennoch muss sowohl Österreich als auch Europa Holz importieren. Im Vorjahr sind die Importe in der EU um 50 Prozent gestiegen. Bis 2020 wird sich das laut Kommission versechsfachen.
Es ist doch positiv, dass wir eine so starke Industrie haben, dass wir Rohstoffe importieren müssen, um sie zu bedienen. Nur mit der österreichischen Rohstoffbasis müssten wir die Industriebetriebe zurückfahren.
Und wie nachhaltig sind die Biomasseimporte, die nach Europa kommen?
Auf der einen Seite muss man sehen, dass wir uns dadurch Ölimporte ersparen. Was an den Küsten von Großbritannien, Belgien und Holland passiert, treibt aber natürlich eine gewisse Entwicklung voran. Dort kommen große Mengen an Pellets aus Übersee an. Da muss man darauf achten, dass dort auch so strenge Regeln wie in Europa gelten.
Der Boom, den Sie ansprechen, kommt nicht von ungefähr. Biomasse wird auch stark gefördert. Andere Branchen klagen, dass so der Holzpreis künstlich in die Höhe getrieben werde.
Den Vorwurf der Preistreiberei weise ich zurück. Der Großteil der Biomasse geht in die Wärmeproduktion und die wird nicht gefördert. Wir wollen auch keinen unbegrenzten Ausbau. Aber ich verstehe, dass es die Papierindustrie früher leichter hatte. Damals konnte der Bauer nur liefern oder eben nicht. Die energetische Biomasse hat dazu beigetragen, dass die Rohstoffpreise gestiegen sind. Aber auch dazu, dass wir mehr Holz nutzen. Plötzlich war ein Signal für die Forstwirte da, in den Wald zu gehen. Früher ist Holz liegengeblieben.
Ist es wirklich notwendig, dass Pellets aus frischem Holz gemacht werden, während die Möbelindustrie Tische aus altem Holz bauen muss?
Pellets werden in Österreich nicht aus ganzen Bäumen gemacht. Wir verwenden die Sägespäne aus den Sägewerken. Eines muss man sagen: Am Ende wird alles energetisch verwertet. Bei Papier geht es eben schneller als bei einem alten Stuhl. Für den weiteren Ausbau der Biomasse kann aber nur die Hälfte der Rohstoffe aus dem Wald kommen. Der Rest muss aus der Landwirtschaft und von Reststoffen kommen. Dafür müssten aber die Vorgaben bei den Emissionen geändert werden.
Gegen neue Mitbewerber ist nichts zu sagen. Aber ist es in Ordnung, wenn sie höhere Preise bieten können, weil Stromkunden dafür extra bezahlen?
Es ist klar, dass wir ein Klimaproblem haben. Im Strombereich ist Biomasse neben der Wasserkraft der wichtigste und planbarste Rohstoff. Windräder und Fotovoltaikanlagen sind vom Wetter abhängig. Die Stärke der Biomasse ist, Strom liefern zu können, wenn wenig vorhanden ist. Die Idee könnte man bei der Förderung weiterentwickeln.
Sollen Biomasseanlagen Förderung nur noch dann bekommen, wenn es wenig Strom gibt?
Einen Grundtarif wird es schon brauchen. Aber die Höhe könnte sich je nach Stromangebot ändern.
Also eine Art Prämienmodell, bei dem die Betreiber nur einen Aufschlag auf den Marktpreis bekommen?
Nein. Ein Prämienmodell bietet nicht die Sicherheit, die notwendig ist, um neue Technologien in den Markt zu führen.
Sind Biomassekraftwerke denn wirklich noch eine neue Technologie?
Bei Großanlagen haben wir bestehende Technologien. Entwicklung erwarten wir vor allem bei kleinen, dezentralen Anlagen, die auch die Wärme optimal nutzen. Kohlekraftwerke tun das etwa nicht.
Das Problem gab es auch bei Biogasanlagen, die in den 1990ern am freien Feld entstanden sind und nie überlebensfähig wurden. War es richtig, ihnen Dauersubvention zu gewähren?
Ich bin überzeugt, dass es richtig war. Bei Biogasanlagen war Österreich Vorreiter. Natürlich war die Technologie da nicht ausgereift.
Es gab viele falsche Investitionsentscheidungen. Aber ist es die Aufgabe der Stromkunden, falsche Entscheidungen von Bauern zu kompensieren?
Es hat keinen Sinn, die Anlagen in Konkurs gehen zu lassen. Wir sollten vielmehr schauen, dass die Anlagen effizienter werden.
Laut E-Control wird Biomasse bald die teuerste Form der Stromproduktion sein. Sollte sich die Branche nicht rein auf Wärme konzentrieren?
Beim Strom sind die Ausbauziele mit 200 Megawatt bis 2020 sehr klein. Aber trotzdem sinnvoll, weil wir mehr bieten als andere erneuerbare Energieträger – eben die Planbarkeit. 80% der Biomasse gehen aber schon heute in die Wärmeproduktion. Hier wächst die Biomasse jedes Jahr um 600 bis 800 Megawatt. Ohne Förderungen.
Für Private wird der Kauf von Pelletsheizungen schon noch gefördert, obwohl sie günstiger sind als Ölheizungen. Ist das noch notwendig?
Ich schätze, dass man diese Förderung bald nach unten fahren kann.
Auf einen Blick
Horst Jauschnegg ist seit Oktober 2010 der Vorsitzende des Österreichischen Biomasse-Verbands. Zuvor studierte der gebürtige Steirer an der Universität für Bodenkultur in Wien und war Referent für erneuerbare Energien in der Landwirtschaftskammer Steiermark.
Biomasse ist die wichtigste Quelle für erneuerbare Energie in Österreich. Ein kleiner Teil fließt in die Stromproduktion. Der Großteil der Biomasse liefert aber Wärme.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.04.2013)