Am Herd

Weil alle auf die Babyboomer schimpfen, hier mein Dank: Ihretwegen muss ich mich nicht in ein Twinset zwingen, und für sie werden einmal die Ampeln umgestellt.

Die Babyboomer haben einen schlechten Ruf. Sie sind schuld, dass die Alterspyramide ausschaut wie ein giftiger Pilz, sie sind drauf und dran, das Pensionssystem zu ruinieren, und sie lassen angeblich niemanden hochkommen: In der letzten „Zeit“ etwa hat die Journalistin Anita Blasberg ihrem Zorn über die Dominanz der Babyboomer Luft gemacht, darüber, dass die Rolling Stones und Madonna nicht abtreten wollen, dass ein 40-Jähriger als „junger Mann“ durchgehen kann und Quentin Tarantino als „Enfant terrible“. Und sie hat ja recht: Wenn 60 das neue 50 ist und 50 das neue 40 – was bedeutet das für die 20-Jährigen?

Anderseits erinnere ich mich an das Wochenende, als meine Oma mich in Wien besucht hat. Sie war schon schlecht zu Fuß, aber für den Weg vom Hotel zur Oper reichte es, und deswegen war sie ja gekommen – um Plácido Domingo noch einmal live zu hören. Es gab nur ein Problem: Der Weg war gespickt mit Ampeln. Und keine dieser Ampeln blieb auch nur annähernd so lang grün, wie meine Oma gebraucht hätte, um die Straße zu überqueren.


Drehverschluss-Öffner. Das wird mir nicht passieren! Wenn ich einmal eine Enkelin haben sollte, die mich über die Straße führen wollte, wird keiner mehr hupen. Da werden die Ampeln mit den Rollatoren von uns Alten getaktet sein. Bis dahin hat außerdem ein schlauer grauer Kopf den ultimativen Drehverschluss-Öffner erfunden haben, in den Supermärkten wird unseren steifen Rücken zuliebe die untere Reihe fehlen, und Zeitungen gibt es nur noch in Großdruck: oder eben digital, augenschonend mit Hintergrundbeleuchtung und individuell einstellbarer Buchstabengröße. iPad und Smartphones sind auch so eine Erfindung der Babyboomer: Nie war Technik so leicht zu bedienen wie heute. Nie brauchte es weniger Vorkenntnisse, um mit den Jungen mitzuhalten. Facebook und WhatsApp kann auch Oma.


Nicht nur „Girls“. Ja, im Windschatten der Babyboomer lebt es sich ganz gemütlich, sie haben die Gesellschaft verändert und verändern sie weiter, an ihnen führt kein Weg vorbei, kein Markt und keine Wahl. Das hat Vorteile auch für uns: Wir verdanken ihnen, dass Kindergärten nicht zu Mittag schließen, dass man mit dem Kinderwagen Straßenbahn fahren kann (eine Generation vor mir war eine Frau mit Baby in ihrem Viertel regelrecht eingesperrt). Die Babyboomer waren es, die dafür sorgten, dass ich auf ein Popkonzert gehen kann, ohne mich überwuzelt zu fühlen, dass es in puncto Serien altersmäßig etwas zwischen „Girls“ und „Golden Girls“ gibt – und dass ich mich mit 44 nicht ins Twinset zwingen muss. Das wird Anita Blasberg in zehn Jahren vielleicht auch schätzen können.

bettina.eibel-steiner@diepresse.com

diepresse.com/amherd

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.04.2013)

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.