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Litigation: Neue Form der Krisen-PR

Besuch Morgengrauen
Besuch Morgengrauen(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Fast die Hälfte der heimischen Firmen war schon mit einer rechtlichen Auseinandersetzung konfrontiert. Ein neues Geschäftsfeld für PR-Profis: Litigation.

Die Empörung war gewaltig: „Sie haben einen Möbelwagen vorfahren lassen und mein Haus ausgeräumt. Das ist ungeheuerlich.“ Helmut Schwager verlor fast die Contenance. Ungezählte Male machte er im Immofinanz-Prozess klar, warum er mit Staatsanwalt Volkert Sackmann nicht reden, ihm nicht eine einzige Frage beantworten wollte. Die Razzia hatte beim ehemaligen Aufsichtsratschef der Immofinanz und Aufsichtsratsvize der Constantia Privatbank einen tiefen Eindruck gemacht – und sicher keinen positiven.

Ob Schwagers (noch nicht rechtskräftiges) Urteil von viereinhalb Jahren Haft milder ausgefallen wäre, wenn er den ungebetenen Besuch der Herren vom Bundeskriminalamt (BKA) gelassener pariert und sich im Prozess anders verhalten hätte? Jede Antwort ist Spekulation – eines scheint aber klar: „Wer auf einen solchen Extremfall wie eine Hausdurchsuchung vorbereitet ist, hat eine viel bessere Position“, ist Martin Voill überzeugt. Der Miteigentümer und Chef der Wiener Kommunikationsagentur Bettertogether weiß, wovon er spricht: Er bietet unter dem Titel „Morning Raid“ (der englische Ausdruck für Hausdurchsuchung, die wegen des Überraschungseffekts oft in den frühen Morgenstunden stattfindet) entsprechende Schulungen an.


Buwog, Hypo und Telekom. Die Nachfrage wächst. Nicht nur nach Voills Spezialseminaren. 43 Prozent der heimischen Unternehmen waren schon mindestens einmal mit rechtlichen Auseinandersetzungen konfrontiert, die in der Öffentlichkeit Staub aufwirbelten, ergab eine im Oktober 2011 von Sophie Karmasin erstellte Studie im Auftrag von Ecker & Partner. Eine Zahl, die laut Dietmar Ecker inzwischen gestiegen sein dürfte. „Die großen Wirtschaftskrimis von der Buwog über die Hypo Alpe Adria und die Immofinanz bis zur Telekom Austria haben das Interesse an unserer Arbeit stark steigen lassen“, sagt Alfred Autischer. Er gilt hierzulande als der Fachmann für Litigation-PR, seine Agentur Gaisberg ist ganz darauf fokussiert.

Litigation: Der Begriff kommt, wie so vieles im Wirtschaftsleben, aus dem angloamerikanischen Raum. Darunter versteht man die professionelle Öffentlichkeitsarbeit vor, während und nach juristischen Auseinandersetzungen. In den USA, wo die Streitkultur in Schadenersatz-, Markenschutz- oder Kartellverfahren eine lange Tradition hat, gibt es Spezialagenturen mit 1000 und mehr Mitarbeitern, die sich nur mit Litigation beschäftigen, sagt Autischer. Auch hierzulande spielten Zivilrechtsverfahren eigentlich eine viel größere Rolle. Strafverfahren sorgten jedoch meist für die größere Publicity – außer es matcht sich Apple mit Samsung.

„Die Justiz hat auch auf Druck der Medien rasch gelernt mit der Öffentlichkeit umzugehen, Firmen haben da noch Nachholbedarf“, lautet die Diagnose von Dietmar Ecker, der unter anderem Julius Meinl betreut. Wenn Staatsanwälte ihre Anklageschrift als Powerpoint-Präsentation im Gerichtssaal vortragen, wie etwa Sackmann im Fall Immofinanz, wüssten sie genau, welche – positive – Wirkung sie bei den Medien erzielten. Diese vermittelten der Öffentlichkeit schließlich nicht nur Fakten, sondern auch Stimmungen. Und der „Gerichtshof der Öffentlichkeit“ sei bekanntlich „gnadenlos“, urteile sofort und meist ungerecht – lange bevor ein Gericht gesprochen habe.

Das müsse Unternehmen und Managern bewusst werden. Zwar gehe es bei Rechtsstreitigkeiten vor allem um Fakten, Fakten, Fakten – „aber alle Beteiligten sind Menschen und reagieren auch so“. Das heißt: „Ein Angeklagter, der sich arrogant gibt, verspielt seine Chance ebenso wie wenn er auf die Tränendrüse drückt oder stur seine Schuldlosigkeit beteuert“, weiß Andreas Schneider (Schneider Minar Jenewein Consulting). Er hat zuletzt Karl Petrikovics (Immofinanz) und Heinz Sundt (Telekom Austria) betreut – gegensätzlicher hätte das Auftreten nicht sein können. Petrikovics erhielt sechs Jahre, Sundt wurde freigesprochen – was natürlich nicht nur an der PR-Arbeit lag, macht Schneider klar.

Wo fängt Litigation-PR also an? Und was macht sie erfolgreich? „Je früher, desto besser“, hält Voill viel von Prävention. Das gelte vor allem für Razzien. „Stellen Sie sich vor, Sie kommen in ein Unternehmen, und just als Sie sich anmelden, eilen Kripo-Beamte herein und zücken den Durchsuchungsbefehl“, schildert Voill die fatale Situation. Da zähle jede Sekunde, um den Imageschaden so klein wie möglich zu halten. Keine Kopien von Akten anzufertigen, nicht zu wissen, was herausgegeben wurde, brüskes und unkooperatives Auftreten sind laut Voill die häufigsten Fehler, die Firmen bei einer Hausdurchsuchung passieren. Den Überraschungseffekt kontern, lautet der erste Tipp. Und dann? „Kooperationsbereitschaft zeigen, aber auf seine Rechte pochen“, fasst Voill die wichtigsten Regeln zusammen.

Journalisten als Zuschauer. Eine Razzia sei aber nicht der Beginn, sondern schon ein „Höhepunkt“ eines Strafverfahrens. „Ohne dringenden Tatverdacht gibt es keine Razzia.“ Wenn auch noch die Justiz die Medien informiert und die Journalisten Zaungäste sind, wie bei Ex-Finanzminister Karl-Heinz Grasser am 26. Mai 2011, ist der Wirbel perfekt. Grasser hat deshalb die Republik auf Schadenersatz geklagt.

Daher sollte schon zu Beginn von Ermittlungen der Litigation-Experte zugezogen werden. „Das Um und Auf ist die enge Zusammenarbeit mit den Anwälten – sie geben den Takt und die Strategie vor“, sind die PR-Profis einig. „Wir müssen ihre Strategie in eine Kommunikationslinie übersetzen, die die Öffentlichkeit versteht“, definiert Autischer die Arbeit. Um eines gehe es jedoch ganz sicher nicht: das Strafverfahren zu beeinflussen. Sehr wohl könne Litigation-PR aber Druck gegen eine öffentliche Vorverurteilung aufbauen.

Dass das sehr wechselhaft gelingt, zeigen viele Beispiele, wobei die Experten nur ungern ihre Klienten nennen, meist dürfen sie es gar nicht. Einen würde Autischer jetzt besonders gern unter seine Fittiche nehmen: Bayern-München-Präsident Uli Hoeneß. „Das ist der klassische Fall für Litigation-PR: Ein Promi, eine große Marke (Adidas, Anm.), die Steuerdiskussion – und das mitten im Wahlkampf.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.04.2013)